Beim Jahreskongress 2026 der GSAAM wurde Dr. med. Yael Adler zur neuen Präsidentin gewählt – als erste Frau. DER PRIVATARZT GYNÄKOLOGIE sprach mit ihr über die Ziele ihrer Präsidentschaft, die Zukunft der Longevity-Medizin und die Rolle der individuellen Prävention.


Dr. med. Yael Adler
Privatpraxis für Dermatologie, Phlebologie, Allergie-Diagnostik und -Therapie, Lasermedizin und Ernährungsmedizin (DGEM)
14193 Berlin
Präsidentin der GSAAM
Frau Dr. Adler, Sie wurden beim diesjährigen Kongress zur Präsidentin der GSAAM gewählt. Welche Leitziele haben Sie sich für Ihre Amtszeit gesetzt?
Eine meiner persönlichen Stärken und Leidenschaften ist es, Medizin und Wissenschaft so zu kommunizieren, dass wir sowohl medizinische Fachkreise als auch die Bevölkerung erreichen. Wissen über den eigenen Körper und über Möglichkeiten, die Gesundheit zu erhalten, ist für mich nahezu ein Grundrecht.
Gleichzeitig erleben wir immer wieder, dass es vielen Menschen an Körper- und Gesundheitskompetenz fehlt und sie mitunter selbsternannten Expertinnen und Experten folgen. Gerade deshalb möchten wir als Fachgesellschaft eine starke Stimme für einen realistischen und wissenschaftlich fundierten Blick auf Gesundheit, Prävention und Langlebigkeit sein.
Sie hatten gerade eben schon die selbsternannten Experten angesprochen. Wie positionieren Sie und die GSAAM denn den Unterschied zwischen den selbsternannten Experten und der evidenzbasierten Medizin?
In unserer Gesellschaft sind zahlreiche wissenschaftlich tätige Kolleginnen und Kollegen vertreten. Unser Anspruch ist deshalb, den aktuellen Stand der Wissenschaft abzubilden und ihn zugleich so aufzubereiten, dass er in der Praxis nutzbar wird. Denn wir sprechen nicht nur Forschende an, sondern auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie andere Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen.
Die Grundlage muss Evidenz sein. Heilversprechen haben in der Medizin keinen Platz. Gleichzeitig halte ich die langjährige klinische Erfahrung von Expertinnen und Experten für wertvoll – vorausgesetzt, sie steht auf einem wissenschaftlichen Fundament.
Entscheidend ist außerdem, möglichst wenig mit pauschalen Empfehlungen zu arbeiten. Je nach Fragestellung können heute sehr unterschiedliche Parameter erhoben und in die individuelle Beurteilung einbezogen werden. Dabei geht es nicht darum, jeden auffälligen Wert automatisch als behandlungsbedürftig zu betrachten, sondern Befunde im Gesamtkontext des jeweiligen Menschen zu interpretieren. Im Kern sprechen wir also über personalisierte Medizin. Das unterscheidet einen medizinisch fundierten Ansatz auch von vielen Aussagen in den sozialen Medien. Dort werden häufig allgemeingültig klingende Empfehlungen verbreitet, obwohl eine Maßnahme beispielsweise nur für bestimmte Altersgruppen, für Frauen oder Männer oder nur unter bestimmten medizinischen Voraussetzungen sinnvoll ist. Medizin muss differenzieren und individualisieren.
Glauben Sie, dass die Longevity-Medizin sich mittelfristig in Richtung eines eigenständigen medizinischen Fachgebiets entwickeln wird? Und wenn ja, welche strukturierten oder regulatorischen Schritte sind dafür aus Ihrer Sicht nötig?
Im Grunde ist jeder Arzt und jede Ärztin, insbesondere auch in der Allgemeinmedizin, schon immer ein Stück weit Longevity-Mediziner gewesen. Schließlich geht es darum, Gesundheit möglichst lange zu erhalten. Longevity-Medizin vereint zahlreiche Disziplinen: Allgemeinmedizin, Innere Medizin, Endokrinologie, Kardiologie, Dermatologie, Gynäkologie, Ernährungs- und Sportmedizin zum Beispiel.
Deshalb sehe ich Longevity-Medizin auch künftig vor allem als interdisziplinäre Aufgabe. Problematisch ist, dass der ganzheitliche Blick im gegenwärtigen Gesundheitssystem strukturell nicht immer ausreichend unterstützt wird. Gerade für die sprechende Medizin fehlt häufig die notwendige Zeit. Dabei braucht es eine ausführliche Anamnese und ein Gesamtbild, bevor ein individuelles Präventions- oder Behandlungskonzept entwickelt werden kann.
Ganz wichtig ist mir dabei: Longevity darf keine Luxusmedizin für wenige Wohlhabende werden. Genau deshalb wird unser nächster Kongress unter dem Zusatz „Healthy Longevity für alle“ stehen. Die wichtigsten Säulen einer gesunden Langlebigkeit sind schließlich keineswegs zwangsläufig teuer: regelmäßige Bewegung, gesunder Schlaf, ausgewogene Ernährung, tragfähige soziale Beziehungen und ein sinnvoller Umgang mit Stress.
Lassen Sie uns ein wenig in die Zukunft schauen. Wo sehen Sie aktuell den größten Forschungsbedarf?
Ein großes Zukunftsthema ist für mich die künstliche Intelligenz. Hier sehe ich enormes Potenzial, unterschiedliche Daten über den menschlichen Körper miteinander zu verknüpfen. Wir verfügen bereits heute über zahlreiche Trackingmöglichkeiten und Sensoren. Künftig könnten beispielsweise Hautparameter, Veränderungen pigmentierter Läsionen, Körperzusammensetzung, Muskelmasse, Wasserhaushalt oder Knochendichte gemeinsam mit Laborparametern aus Blut, Urin, Stuhl oder Speichel longitudinal ausgewertet werden.
Ein zweites großes Forschungsfeld ist für mich die Immunologie. Wir wissen, dass das Immunsystem bei nahezu allen Erkrankungsprozessen eine wichtige Rolle spielt. Deshalb halte ich insbesondere die Zusammenhänge zwischen Immunalterung, Genetik und Epigenetik für hochinteressant.
Letztlich geht es darum, Menschen möglichst lange gesund zu erhalten und ihnen rechtzeitig helfen zu können. Die Longevity-Mediziner sind dabei vielleicht auch ein wenig Hypochonder: Sie beschäftigen sich so intensiv mit diesen Themen, weil sie auf keinen Fall die Letzten sein wollen, die den Zug in Richtung ewige Jugend nehmen – sondern lieber die Ersten.
Das haben Sie schön gesagt. Darf ich das zitieren?
Ja, natürlich. Entscheidend ist es letztlich, nicht nur den einen Laborwert oder den einen Faktor zu betrachten. Unser Körper ist ein komplexes System. Zahlreiche biologische Prozesse, äußere Einflüsse und individuelle Voraussetzungen wirken zusammen. Genau diese Komplexität müssen wir berücksichtigen, wenn wir Gesundheit ganzheitlich erhalten und fördern wollen.
Frau Dr. Adler, vielen Dank für dieses Gespräch.