Eine weithin unterschätzte Säule von Digital Health ist die Digitalisierung der Pflege. Dazu führte DER PRIVATARZT GYNÄKOLOGIE Chefredakteur Dr. Reinhard Merz auf der DMEA ein Gespräch mit zwei Experten. Gemeinsam schaute man auf aktuelle Trends – die auch die Gynäkologie betreffen – und warf einen Blick in die Zukunft.
Digitalisierung in der Pflege ist längst Realität – aber sie ist uneinheitlich, fragmentiert und vielerorts noch nicht in belastbare Versorgungsprozesse übersetzt. Diese Einschätzung zog sich durch ein Messegespräch mit Philip Kraul, Leiter Marketing und Kommunikation bei Pflegecampus, und Klaus Mueller, Trendmanager Digital Health bei Medice. Beide sind unmittelbar in digitale Versorgungsprozesse involviert. Pflegecampus bietet digitale Fortbildungen und Qualitätsmanagement für alle Bereiche des Gesundheits- und Sozialwesens, Medice ergänzt seine Medikamente im Bereich Neurologie und Psychiatrie zunehmend durch digitale Komponenten, um die Adhärenz und damit die therapeutischen Outcomes zu verbessern.
Der zentrale Befund: Digitalisierung bedeutet in der Praxis sehr Unterschiedliches. „In manchen Einrichtungen werden Dokumente lediglich eingescannt, andernorts entstehen Insellösungen für einzelne Probleme, wieder andere Anbieter digitalisieren ganze Abläufe“, sagt Philip Kraul. Seine Empfehlung: Digitale Anwendungen müssen künftig stärker interoperabel, praxistauglich und sektorenübergreifend gedacht werden. Für gynäkologische Praxen ist dies besonders relevant, weil sie häufig an Schnittstellen arbeiten – zwischen ambulanter Versorgung, Klinik, Hebammen, Pflege, Angehörigen und spezialisierten Zentren.
Als wesentlicher Nutzen wurde die Entlastung von administrativen Tätigkeiten genannt. Gute Digitalisierung reduziert Backoffice-Aufwand, erhöht Konsistenz und Sicherheit und schafft im Idealfall mehr Zeit für Patientinnen und Patienten.
Ein zweites großes Feld ist das Monitoring, und daraus ergeben sich auch für gynäkologische Praxen konkrete Anwendungsszenarien: häusliches Blutdruckmonitoring bei hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen, postoperative Verlaufskontrollen, digitale Symptomtagebücher bei Endometriose, Blutungs- oder Zyklusmonitoring sowie die Begleitung vulnerabler Patientinnen, etwa im Wochenbett. Entscheidend bleibt jedoch, dass Messdaten klinisch eingeordnet werden und nicht zusätzliche Informationslast erzeugen.
Ein Bot für die Patientinnenkommunikation?
Auch Kommunikation ist ein Kernnutzen digitaler Pflege. Sprachassistenz, Chatbots oder digitale Erinnerungsfunktionen könnten Ängste reduzieren und Fragen beantworten. In der gynäkologischen Praxis wäre dies besonders dort relevant, wo der Beratungsbedarf hoch und wiederkehrend ist.
Kritisch benannt wurden im Interview Überbürokratisierung, unklare Erstattungswege, mangelnde Integration und Widerstände gegen Veränderung.
Diese Punkte kennen auch gynäkologische Praxen: Eine Anwendung, die auf der Messe überzeugt, kann im Alltag scheitern, wenn sie nicht in PVS, TI, Dokumentation und Teamprozesse passt. Digitalisierung darf daher nicht als zusätzliche Aufgabe verstanden werden, sondern muss bestehende Versorgungsschritte vereinfachen.
Der Blick in die kommenden Jahre war vorsichtig optimistisch. „Assistierende Robotik, Sprachdokumentation, Sensorik und KI-basierte Kommunikation werden alltäglicher“, prophezeit Klaus Mueller. Für die ambulante Gynäkologie liegt die Chance jedoch weniger in der Technik als in Prozessentlastung: weniger redundante Dokumentation, bessere Verlaufskontrolle und mehr Zeit für das ärztliche Gespräch. Voraussetzung ist, dass digitale Lösungen konsequent an klinischen Pfaden, Datenschutz und Patientinnenakzeptanz ausgerichtet werden.
Für niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen ist das Thema relevanter, als es zunächst erscheinen mag: Denn viele Entwicklungen in der Pflege berühren unmittelbar die ambulante Versorgung von Schwangeren, älteren Patientinnen, chronisch Erkrankten und postoperativ entlassenen Frauen.
Das vollständige Interview können Sie hier hören: