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Kongress-Ticker

Menschen mit Diabetes

Stigmatisierung ist kein Randphänomen in Deutschland

16.7.2026

Die meisten Menschen mit Diabetes mellitus Typ 1 und 2 haben in ihrem Leben schon Stigmatisierungen wegen dieser Erkrankungen erfahren. Dies kann sich in vielerlei Hinsicht negativ auf ihr Leben auswirken. Um dem entgegenzutreten, gibt es eine Reihe von Ansätzen, die ein breites Umdenken erfordern.

„Stigmatisierung ist ein negatives soziales Urteil und nicht automatisch Diskriminierung, kann aber dazu führen“, sagte Prof. Dr. phil. Bernhard Kulzer (Bamberg). Dabei gebe es verschieden Formen, etwa das internalisierte Stigma, das zur Selbstbeschuldigung führt, oder das intersektionelle Stigma, bei dem Diabetes mit z. B. Adipositas oder einer psychischen Krankheit zusammenkommt. Viele Studien belegten, welche Folgen Stigmatisierung haben kann, so der Fachpsychologe Diabetes DDG. Fast alle kämen zu dem Ergebnis, dass Stigmatisierungen mit psychischer Belastung bei Diabetes im Zusammenhang steht, was sich auch in Metaanalysen widerspiegele [1,2]. Bei Typ-1- wie Typ-2-Diabetes-Erkrankten ist Stigmatisierung assoziiert mit

  • geringerem Selbstwertgefühl,
  • vermindertem Selbstmanagement und schlechterer Stoffwechselkontrolle sowie
  • reduzierter Medikamentenadhärenz.

Je nachdem, wie stark eine Person diese Situationen erlebe, habe sie häufiger depressive Symptome, Angst, Diabetes Distress sowie eine verminderte allgemeine oder diabetesbezogene Lebensqualität.

Der Einfluss auf die Blutzuckerkontrolle sei dabei nicht gering, so Kulzer, und mache bei Typ-2-Diabetes (T2D) zwischen 0,2 und 1,0 %-Punkte aus [3].

Die Prävalenz von Stigmatisierung liege international bei Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes (T1D) bei 52–78 % und bei Jugendlichen bei 59–99 %. Bei Erwachsenen mit T2D werde sie mit 12–70 % beziffert. „Das ist kein Randphänomen“, sagte Kulzer.

Um die Datenlage zur Häufigkeit in Deutschland zu verbessern, haben er und sein Team eine Umfrage bei 1 251 Menschen mit T1D oder T2D gemacht [4]. Die Befragten sollten zu eigenen Erfahrungen und ihrer Einschätzung der Beurteilung in der Bevölkerung Auskunft geben: 96 % hatten Erfahrung mit Stigmatisierung, 28 % schon sehr oft. Auf Platz 1 befindet sich die Situation, wegen des Diabetes bedauert worden zu sein (T1D 92,8 %, T2D 65,5 %). Auf Platz 2 liegt, wegen der Therapieergebnisse Schuldgefühle gehabt zu haben (T1D 79 %, T2D 63 %). Auch negative Kommentare zu Ernährung/ Bewegung haben die meisten mit T2D erlebt. „Die Kehrseite des Selbstmanagements ist, dass es zu Scham kommt, wenn man die Therapieziele nicht schafft“, so Kulzer. Die meisten Befragten glaubten zudem, dass es noch große Wissenslücken bzgl. Diabetes in der Gesellschaft gibt.

Prof. Dr. med. Julia Szendrödi (Heidelberg) nannte Strategien, um Diabetes-Stigmatisierung einzudämmen. Dazu gehörten das Vermeiden von Machtasymmetrie und moralisierender Kommunikation, Schulung in Gesundheitsberufen sowie Aufklärungskampagnen, die Menschen mit Diabetes aktiv einbeziehen. „Die wirksamste Strategie gegen Stigmatisierung ist eine Gesellschaft, die Gesundheit nicht moralisiert, sondern ermöglicht“, sagte sie.

  1. Guo X et al., BMC Psycology 2023; 11(1): 242
  2. Eitel KB et al., J Endocri Soc 2024; 8(9): bvae 136
  3. Akyrem S et al., Diabetes Res Clin Pract 2023; 202: 110774
  4. Kulzer B et al., Diabeteskongress 2026, P09.01

Symposium „Stigmatisierung und Diskriminierung“

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