Adipositas wirkt sich über eine Kaskade von Effekten negativ auf die Fertilität beider Geschlechter aus. Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass bereits ein moderater Gewichtsverlust von 5–10 % die Fertilität von Frauen mit polyzystischem Ovarsyndrom deutlich verbessern kann. Adipositas-Medikamente können das unterstützen.
Adipositas ist ein zentraler Risikofaktor für eine eingeschränkte Fertilität bei Frauen und Männern und beeinflusst das reproduktive Outcome weit über mechanische oder hormonelle Einzelaspekte hinaus. Chronische Inflammation, Hyperinsulinämie und Insulinresistenz wirken sich auf Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achsen, Gametogenese und Endometriumrezeptivität aus. Besonders deutlich ist dieser Zusammenhang bei Frauen mit polyzystischem Ovarsyndrom (PCOS), der häufigsten Endokrinopathie im reproduktiven Alter, bei der Adipositas und metabolische Dysfunktion sowohl Ursache als auch Verstärker der Infertilität darstellen.
In den vergangenen Jahren haben Darmhormone, insbesondere Inkretine, die therapeutischen Möglichkeiten grundlegend erweitert. Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) und Glucose-dependent Insulinotropic Polypeptide (GIP) sind nicht nur periphere Regulatoren der Glucosehomöostase, sondern entfalten zentrale Effekte auf Appetit, Energieaufnahme und Körpergewicht. Der duale GIP/GLP-1-Rezeptoragonist Tirzepatid erzielt im Vergleich zu reinen GLP-1-Agonisten eine deutlich stärkere und anhaltendere Gewichtsreduktion. Mechanistisch beruht dies auf einer kombinierten Aktivierung beider Rezeptorsysteme sowie auf einer verlängerten GLP-1-Rezeptorsignalisierung durch verzögerte Rezeptorinternalisierung. Präklinische Daten zeigen zudem, dass GIP zentral über GABAerge Neuronen wirkt und die Nahrungsaufnahme effektiv reduziert.
Für den Kinderwunsch adipöser Paare ist diese pharmakologische Gewichtsreduktion von besonderer Relevanz. Bereits ein moderater Gewichtsverlust von 5–10 % kann bei Frauen mit PCOS die Insulinsensitivität verbessern, Hyperandrogenämie reduzieren und Zyklusregularität sowie Ovulationsraten erhöhen. Gleichzeitig sinken schwangerschaftsassoziierte Risiken wie Gestationsdiabetes, hypertensive Erkrankungen und fetale Makrosomie. Beim Mann wirkt sich die Reduktion von Adipositas-assoziierter Inflammation und Hypogonadismus positiv auf Spermiogenese und Samenqualität aus.
Klinische Daten zu Inkretin-basierten Therapien bei PCOS sind noch begrenzt, zeigen jedoch konsistent günstige Effekte auf Körpergewicht, glykämische Parameter und metabolisches Risikoprofil. Ob sich diese Verbesserungen direkt in höheren Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten niederschlagen, ist Gegenstand laufender randomisierter Studien. Entscheidend ist eine individualisierte, nicht stigmatisierende Beratung, die Lebensstilinterventionen mit medikamentösen Optionen kombiniert und den zeitlichen Kontext des Kinderwunsches berücksichtigt.
Zusammenfassend markieren Darmhormone einen Paradigmenwechsel in der präkonzeptionellen Betreuung adipöser Paare. Durch effektive Gewichtsreduktion und metabolische Normalisierung schaffen sie verbesserte biologische Voraussetzungen für Fertilität und Schwangerschaft – nicht als isolierte Maßnahme, sondern eingebettet in ein interdisziplinäres, patientenzentriertes Behandlungskonzept.
Lunch-Symposium „Innovative Ansätze in der Reproduktionsmedizin“ (Veranstalter: Lilly Deutschland GmbH)