Was macht ein Vortrag zur Kontrazeption auf einem Symposium zur Reproduktionsmedizin? Er ermöglicht den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand auf ein verwandtes endokrinologisches Gebiet. Hier über einen nicht-hormonellen Ansatz zur Inaktivierung von Spermien, den Dr. Oliver Martin Fischer (Berlin) vorstellte.
Trotz der Verfügbarkeit zahlreicher Kontrazeptiva besteht weltweit ein erheblicher ungedeckter Bedarf an wirksamen, gut verträglichen und selbstbestimmten nicht-hormonellen Verhütungsmethoden. Ein innovativer Ansatz, der auf dem 11. DVR-Kongress vorgestellt wurde, adressiert dieses Defizit durch die gezielte Inaktivierung von Spermien im weiblichen Reproduktionstrakt.
Das vorgestellte Konzept basiert auf dem Prinzip „Target the sperm, not the female body“. Zentraler molekularer Angriffspunkt ist die spermienspezifische lösliche Adenylatcyclase (soluble adenylyl cyclase, sAC), ein Enzym, das essenziell für die Bildung von cAMP in Spermien ist. cAMP wiederum steuert entscheidende Fertilitätsprozesse wie Motilität, Hyperaktivierung und Kapazitation. Präklinische und genetische Daten zeigen, dass eine Inaktivierung von sAC zu funktioneller Infertilität führt, ohne systemische Effekte zu verursachen, da sAC außerhalb der Spermien nur sehr eingeschränkt exprimiert wird.
Der Ansatz zielt auf eine einmal täglich oral einzunehmende, nicht-hormonelle Pille für Frauen ab. Durch die selektive Wirkung auf Spermien werden hormonelle Nebenwirkungen sowie Eingriffe in den Menstruationszyklus vermieden. Aus industrieller Perspektive wurden frühzeitig ein Target Product Profile definiert, das neben Wirksamkeit und Sicherheit auch Aspekte wie Diskretion, Anwenderinnenkontrolle und akzeptable Herstellungskosten berücksichtigt.
Ein wesentlicher Entwicklungsfokus liegt auf der Arzneistoffverteilung im weiblichen Reproduktionstrakt. Die Exposition im Uterus und Zervikalschleim stellt eine zentrale Voraussetzung für die Wirksamkeit dar, wobei bislang nur begrenzte Humandaten verfügbar sind. Entsprechend werden präklinische Modelle, translationales PK/PD-Modelling und perspektivisch klinische Studien kombiniert, um diese Wissenslücke zu schließen.
Zusammenfassend stellt die sAC-Inhibition einen vielversprechenden Ansatz für eine sichere und effektive nicht-hormonelle Kontrazeption dar. Durch die Fokussierung auf spermienspezifische Targets könnte erstmals eine hohe kontrazeptive Wirksamkeit mit minimalem Nebenwirkungspotenzial erreicht werden. Das wäre dann tatsächlich ein bedeutender Fortschritt in der reproduktiven Gesundheitsversorgung von Frauen.
Session „Über den Tellerrand interdisziplinär“