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Gynäkologie

Kostendruck im Gesundheitswesen

Spagat zwischen Ökonomie und Berufsethos

Prof. Dr. med. Thomas Römer

17.5.2022

Nachdem eine weitere Welle der Corona-Pandemie überstanden ist und zunehmend Öffnungen und eine Normalisierung des alltäglichen Lebens wieder einsetzen, treten wieder andere Probleme in den Vordergrund. Auch wenn sich das deutsche Gesundheitswesen im Vergleich zu vielen anderen Ländern in der Pandemie bewährt hat, hat es doch dazu geführt, dass wichtige Themen zurückgestellt wurden.

Die Kommerzialisierung in der Medizin hat weiter Fahrt aufgenommen, das profitorientierte Vorgehen im ambulanten und stationären Bereich. So wird immer deutlicher, dass es in den Krankenhäusern einen Investitionsstau in Milliardenhöhe gibt. Das ist primär Ländersache, führt in der Folge aber oft zu einer Privatisierung von Kliniken. Dann wird auch im Personalbereich, der ja bekanntermaßen die höchsten Kosten verursacht, immer gerne gespart. Da durch die Festlegung von Mindestbesetzungen in der Pflege für viele Fachgebiete durch den Gesetzgeber klare Rahmenbedingungen definiert sind, wird oft versucht, Stellen im ärztlichen Bereich zu streichen. Dies wird z. T. von privaten Trägern auch offen kommuniziert.

Zitat: Die Kommerzilisierung in der Medizin hat weiter Fahrt aufgenommen.

Aber auch bei anderen Krankenhausträgern verhält sich das nicht anders. Dort allerdings oft verdeckt, indem z. B. aus einer Vollzeit-Arztstelle eine 60 % Teilzeitstelle wird. Damit nimmt die Arbeitsverdichtung zu und viele Behandlungsschritte werden unter einem immer größeren Zeitdruck durchgeführt – auch notwendige Aufklärungsgespräche mit Patientinnen. Dabei werden viele Ärztinnen und Ärzte im Spagat zwischen Ökonomie und Berufsethos zerrieben.

Eine Spezialisierung der Krankenhäuser ist sicherlich wünschenswert, insbesondere in Ballungsgebieten. Allerdings muss insbesondere in Flächenländern auch die Grundversorgung aufrechterhalten werden und dazu gehört neben der Chirurgie und Inneren Medizin auch eine adäquate Versorgung in der Gynäkologie und vor allem in der Geburtshilfe. So ist dem Gesundheitsminister bei seinem kürzlich im Stern-Interview geäußerten Statement: „Wir müssen die Ökonomisierung in der Branche zurückdrängen und auf Grundlage evidenzbasierter Kriterien die Standorte planen“ viel Glück zu wünschen.

Auch im ambulanten Bereich hat die Kommerzialisierung weiter Fahrt aufgenommen. Die gynäkologische Einzelpraxis wird immer seltener, oft teilen sich mehrere Gynäkologen einen Kassenarztsitz. Dadurch müssen sich Patientinnen vielleicht auf wechselnde Ansprechpartner einstellen, die Leistungen bleiben aber gesichert. Schwieriger wird die Situation in Medizinischen Versorgungszentren, besonders wenn es sich um investorengeführte MVZ handeln. Hier steht natürlich auch der Gewinn im Vordergrund. Hier werden vor allem attraktive Standorte mit attraktiven Fachrichtungen ausgewählt.

Durch den zunehmenden Druck und die Kommerzialisierung verliert der Arztberuf viel an Attraktivität. Denn der Idealismus, die Patientinnen nach bestem medizinischem und ethischem Standard zu versorgen, lässt sich immer schwieriger umsetzen. Und diese Zwickmühle wirkt sich letztlich auf das gesamte Praxisteam aus und führt dazu, dass alle Berufe in diesem Bereich immer weniger attraktiv für Bewerberinnen und Bewerber sind, die mit Idealismus an den Beruf herangehen.

Mit Abklingen der Pandemie haben sich die Fortbildungsangebote wieder erweitert. Aus Online-Varianten sind jetzt oft Hybrid-Varianten geworden, mit Präsenz- und Online-Teil. So wie der Fortbildungskongress FOKO 2022 in Düsseldorf, über den wir in diesem Heft ausführlich berichten. Die Hybrid-Formate bieten gute Möglichkeiten für hoch qualitative Weiterbildungen. Ich bin mir aber sicher, dass dies den persönlichen Kontakt, der uns in den letzten zwei Jahren im fachlichen und persönlichen Austausch doch gefehlt hat, nicht ersetzen wird. Unsere Patientinnen wissen gerade in unserem Fachgebiet unsere persönliche und individualisierte Medizin zu schätzen. Sorgen wir dafür, dass es auch in Zukunft so bleibt.

Ihr

Thomas Römer

Prof. Dr. med. Thomas Römer
Herausgeber

Bildnachweis: leonard_c (gettyimages); privat

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