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Allgemeinmedizin

Jodmangel

Mit Jodsupplementierung Knoten in der Schilddrüse vermeiden

Nicole Hein

17.11.2022

Die Jodversorgung in der Bevölkerung weist in Deutschland eine rückläufige Tendenz auf. Prof. Dr. troph. Thomas Remer und Prof. Dr. med. Roland Gärtner diskutieren im Interview, warum eine Jodsupplementierung während der Schwangerschaft besonders wichtig ist und welchen Einfluss das IGF-1 auf das Knotenwachstum hat.

Welche Maßnahmen könnten die Jodversorgung verbessern?

Gärtner: Man kann das tun, was die Schweiz schon 1924 getan hat: Nämlich das Jodsalz als Regelsalz einführen. Dort haben weniger als 5 % der Bevölkerung Knoten in der Schilddrüse. Bei uns sind das 45 % der Frauen und 35 % der Männer. 20 Millionen Deutsche nehmen ein Schilddrüsenhormon ein. Ich habe das hochgerechnet, jährlich werden also 3,8 Milliarden Euro für Schilddrüsenhormone ausgegeben. Und das für etwas, was nicht notwendig wäre, wenn es ausreichend Jod geben würde.

Remer: Vielleicht noch ergänzend: Die ­Methode, die sich etabliert hat, ist weltweit jodierte Speisesalze zu nutzen. Bei uns ist das freiwillig. Jeder kann selbst entscheiden, was für Salz er kauft. Ein Blick auf die Schweizer zeigt: Die Schweizer nehmen mehr jodiertes Speisesalz auf und haben trotz besserer Jodversorgung den Jodanteil im Salz auf 25 µg pro 1 g erhöht. In Deutschland liegt er bei derzeit 20 µg.

Für wen empfiehlt sich eine Supplementierung von Jod?    

Remer: Für Schwangere oder junge ­Frauen, die vor haben, schwanger zu werden, ist es sinnvoll, eine bestimmte Menge an Jod einzunehmen. Es gibt z. B.  die Tabletten mit 100 bzw. 150 µg Jodid. Die bilden zumindest schon einmal die Basis, um eine unzureichende Jodzufuhr zu verhindern. Das gilt erst recht für Stillende, denn die Brustdrüse macht das ­Gleiche, was auch die Schilddrüse macht: Sie konzentriert aus dem Blut Jod, um dem Baby die nötigen Jodmengen zur Verfügung zu stellen. Denn das Jod ist als Hauptbestandteil des Thyroxins für das wachsende Gehirn des Säuglings – und natürlich auch schon für den Fötus – extrem wichtig.

Gärtner: Ich möchte noch mal präzesieren: Jod ist ein essenzielles Spurenelement, das insbesondere für die Entwicklung des Kindes notwendig ist, aber auch für Erwachsene, damit sich keine Knoten in der Schilddrüse bilden.

Werden die Knoten durch Jodmangel getriggert?        

Gärtner: Ja, die Knoten entstehen im Jodmangel. Ich habe gerade einen aktuellen Fall von einem 9-jährigen Kind mit einem Schilddrüsenknoten von 13 ml. Die Knoten entstehen fast immer in der ganz frühen Jugend und wachsen dann ganz langsam. Wenn sie denn mal da sind, wachsen sie durch IGF-1, also den Wachstumsfaktor.

Remer: Die Jugendlichen haben in der Pubertät einen sehr starken IGF-1-Anstieg.

Gärtner: Eben. Ich habe ein Beispiel von einem 1,60 m großen Jungen mit einer Spätpubertät. Er ­hatte einen Knoten, der ca. 6 mm groß war. Zwei ­Jahre später war er 1,96 m groß und der Knoten 2,6 cm.

Welche Rolle spielt die genetische Komponente?

Gärtner: Bei gleichem Jodmangel entwickeln nur etwa 50 % der Bevölkerung Knoten in der Schilddrüse. Wir wissen, dass das in der Familie gehäuft auftritt. Es gibt also zusätzlich zum Jodmangel eine genetische Komponente. Wenn man bei einer Familienanamnese sieht, dass schon die Eltern und Großeltern Knoten haben, dann muss man davon ausgehen, dass auch die Kinder mehr Jod brauchen.

Welche Faktoren beeinflussen die Jodaufnahme im Körper?

Gärtner: Beispielsweise das Rauchen. Außerdem gibt es Lebensmittel wie Kohl oder Hirse, die zu einer verminderten Aufnahme von Jod in die Schilddrüse führen. Aber für eine entscheidende ­Wirkung muss man täglich sehr viel Kohl essen.

Remer: Ursache für die verringerte Aufnahme von Jod in die Schilddrüse sind u. a. Glukosinolate bzw. deren Abbauprodukte wie Thiocyanate, die z. B. in Kohl, Kresse und Rettich enthalten sind. Wenn Personen mit einer geringeren Jodaufnahme wie Veganer oder Vegetarier sehr viele dieser Lebensmittel verzehren, kann das eine Jodunterversorgung verschärfen. Ich denke, das könnte sogar so weit gehen, dass diese Personengruppen nicht nur eine geringere Jodzufuhr haben, sondern aufgrund der Hemmwirkung einen erhöhten Jodbedarf.

Was halten Sie von Jodmangel-Tests, die im Internet angepriesen werden?

Gärtner: Hierbei wird die Konzentration des Jods pro Gramm Kreatinin im Urin bestimmt. Das ist natürlich totaler Quatsch, weil die Jodausscheidung im Urin nur in epidemiologischen Untersuchungen gemessen wird, um einen Bevölkerungsdurchschnitt zu haben. Der Urintest gibt nur eine Momentaufnahme wieder und erlaubt keine Aussagen zur langfristigen Jodversorgung. Wenn man morgens ein Glas Milch getrunken hat, sind die Jodwerte im Urin höher, als wenn man einen Tee getrunken hat. Um einen Jodmangel zu identifizieren, sollte der Arzt die Ernährungsgewohnheiten erheben und im Blut die freien Schilddrüsenhormone fT4 und fT3 bestimmen. Wenn man ausreichend Jod hat, dann ist das fT4 in der Norm, also im mittleren oder hohen Normbereich, der bei 0,8–1,8 ng/dl liegt. Bei einem Jodmangel ist das fT4 eher niedrig.

Remer: Ich möchte noch mal hervor­heben, dass ein erhöhter TSH-Wert, sogar deutlich über den Referenzwerten, alleine noch nichts darüber aussagt, ob Schilddrüsenhormone notwendig sind. Wichtig ist, dass das fT4 definitiv nicht erniedrigt ist, denn das ist das eigentliche primär gehirngängige Schild­drüsenhormon. Das TSH ist nur ein Indikator für den jeweils vorliegenden hypophysären TSH-Stimulus.

Der Experte

Prof. Dr. troph. Thomas Remer
stellvertretender AKJ-Vorsitzender,
Ernährungswissenschaftler im
DONALD Studienzentrum Dortmund
der Universität Bonn

remer@uni-bonn.de

Der Experte

Prof. Dr. med. Roland Gärtner
AKJ-Vorsitzender, Facharzt für
Endokrinologie und Diabetologie
an der Medizinischen Klinik IV
Endokrinologie / Diabetologie
Intensiv­medizin der Universität München

roland.gaertner@med.uni-muenchen.de

Bildnachweis: privat

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