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Gynäkologie

Der Desinformation entgegentreten

Kontrazeptionsberatung in Zeiten von Social Media

Interview mit Dr. med. Ludwig N. Baumgartner

10.8.2022

Das Internet und soziale Medien sind hervorragend geeignet, um sich umfassend zu informieren. Aber genauso hervorragend sind sie darin, Fake News in die Welt zu setzen. Das Thema Kontrazeption ist ein Beispiel, das jeder Frauenarzt kennt. Was tun? Damit müssen wir uns auseinandersetzen, sagt Dr. Ludwig Baumgartner.

Herr Dr. Baumgartner, wir wollen heute über Kontrazeptionsberatung in Zeiten von Social Media reden. Wie sehr beeinflussen das Internet und Social Media bei diesem Thema Ihren Praxisalltag?

Ja, das Internet und Social Media beherrschen ja ­inzwischen unseren gesamten Alltag. Und in der Praxis macht sich das dann natürlich besonders bemerkbar, weil es um besonders sensible Inhalte geht. Natürlich ist es schön, dass die Frauen sich heute über das Internet wirklich breit informieren können und sich auch mit ihren Social Media Partnerinnen und Partnern entsprechend austauschen können. Das Problem ist nur, dass die Frauen diese ganzen Informationen nicht wirklich einschätzen, bewerten und strukturieren können. Und dann in den Social Media Diskussionen oft in einer Gruppe hängenbleiben, in der falsche Informationen weitergegeben werden.

Auf emotionaler Augenhöhe können wir mit diesen Frauen diskutieren, jederzeit. Aber eben nicht auf wissenschaftlicher Augenhöhe. Es ist leider so, dass viele Frauen mit nahezu vorgefertigten Diagnose- und Therapiekonzepten zu uns kommen und dann einfach enttäuscht sind, wenn ihre Ansichten nicht der wissenschaftlichen Wahrheit entsprechen. Und darauf müssen wir uns tatsächlich einstellen. Wir müssen uns auch selbst natürlich kundig machen, um entsprechend gewappnet zu sein. Wir müssen wissen: Was passiert im Internet? Was passiert auf diesen ganzen Social Media Arealen?

Mehrere Studien haben das Informationsverhalten von Frauen zur Kontrazeption untersucht. Was lernen wir daraus?

Aus diesen großen Studien lassen sich viele interessante Dinge ablesen. Was die Studien eigentlich alle zeigen ist, dass die Frauen zwar gut informiert ins Gespräch zu gehen meinen, bei Suffizienz der Beratung aber durchaus erkennen, dass es möglicherweise noch Aspekte gibt, die ihnen gar nicht so klar waren. Das heißt, es geht darum, sich maximal auf die Frauen einzulassen, sie in ihrem Wissen anzunehmen und dieses Wissen dann auch sanft zu relativieren und oder zu ergänzen.

Wir sehen aus diesen Studien aber auch, dass andere Frauen oft einfach schlecht bis gar nicht informiert sind, obwohl sie das Gegenteil glauben. Wenn zum Beispiel die kontrazeptive Sicherheit von eher unsicheren Methoden ganz anders dargestellt wird. Und wir sehen auch aus diesen Studien, dass Frauen bei guter Aufklärung sehr wohl differenziert zu entscheiden in der Lage sind und ihre bisherige Entscheidung auch durchaus überdenken.

Zum Wesen von Social Media gehört ja eine gewisse Beschränkung auf die eigene Wertewelt. Da reden Autofetischisten vor allem mit Autofetischisten und Impfgegner vor allem mit Impfgegnern.

Das ist, glaube ich, der Knackpunkt und auch darauf weisen diese Studien hin. Frauen können ja nur aufgeklärt entscheiden, wenn sie auch aufgeklärt sind. Und da ist eine Lücke, die es zu schließen gilt. Wir müssen den Frauen das Vertrauen vermitteln, dass wir tatsächlich die Fachleute sind. Das gibt uns die Möglichkeit, eine scheinbar fest vorgefertigte Meinung der Patientin nochmals revidieren zu können, wenn wir denn nachvollziehbar argumentieren. Aus diesen Studien sollten wir lernen, uns mehr auf die Frauen einzulassen und unsere Diktion auch der Situation anzupassen.

Wie sehen Sie das bei der Kontrazeption?

Genauso wie Sie das sagen: Gleiche Meinungen bleiben unter sich. Sie werden aber nie erleben, dass Pillen-Freundinnen mit Pillen-Freundinnen diskutieren. Das gibt das Wesen des Social Media-Lebens ja nicht her, da werden immer die Pillen-Gegnerinnen sich austauschen und sich gegenseitig bestärken in dieser negativen Wahrnehmung. Frauen in einer solchen Blase lesen nur Dinge, die sie in ihrer falschen Wahrnehmung noch bestärken.

Und das wiederum sorgt dafür, dass sie noch härter werden, noch resistenter gegen vernünftige Aufklärung. Das Gegenteil, das oft genug der Wahrheit entspricht, wollen sie gar nicht mehr hören.

Insofern ist der Ausbruch aus dieser Blase für uns von Bedeutung. Das ist aber natürlich ein extrem schwieriger Job. Denn wenn Frauen sich gegenseitig bestärken in der Ablehnung zum Beispiel der Pille, dann ist das ein Kreislauf, in den wir fast nicht eindringen können, geschweige denn ihn aufbrechen. Ich denke, es ist für uns trotzdem wichtig, offen zu sein, sich auch auf diese wirklich sehr verfestigten, verhärteten, konträren Meinungen einzulassen. Nicht in Form von Streit, sondern im Sinne von Akzeptanz und sanfter Führung. Zurück auf die wissenschaftliche Ebene der Wahrheit. Das ist mühsam, das kostet Zeit, das kostet Nerven. Aber ich denke, das ist der Anspruch an unseren schönen frauenärztlichen Job.

Sorgen sich junge und gesunde Frauen wirklich so sehr um ihre Gesundheit?

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass die jungen, gesunden Frauen sich wirklich um Gesundheit und Wohlergehen kümmern und sich auch Sorgen machen. Das ist ja auch letztlich ein guter Trend. Ich denke nur, dass er dabei ist, in ein Extrem abzukippen, weil Gesundheit viel zu oft gleichgesetzt wird mit irgendwelchen dogmatisch besetzten Normen. Wenn junge, gesunde Frauen sich darum kümmern, ihre Gesundheit zu erhalten, dann können wir von ärztlicher Seite das ja nur unterstützen. Wenn allerdings Aspekte die Oberhand gewinnen wie Body Forming und Selbstoptimierung, dann kann das durchaus problematisch sein.

Generell würde ich es mal so formulieren: Dieses „Gesundheitskümmern“ ist ein Deckmäntelchen. Wenn dann nämlich Dinge auftauchen, die nicht mit dem Weltbild vereinbar zu sein scheinen, wird es natürlich schwierig. Die Angst einer jungen Frau vor der Pille ist ja dadurch begründet. Aber diese Frauen meinen, damit würde ein enormer Eingriff in ihre persönliche Integrität vorgenommen, sie wären nicht mehr sie selbst. Das ist nichts, was sie selbst erlebt haben, sondern was ihnen in ihrer Werte-Bubble auf den Social Media Feldern vorgebetet wird.

Wenn Frauen tatsächlich mit einer Pille nicht glücklich sind, muss man das ernst nehmen und entsprechend handeln. Ich glaube aber, es ist Mode geworden, schon mal mit einer Pille unzufrieden zu sein und Angst zu haben, noch bevor man sie genommen hat. Weil man einfach in diesem Mainstream mitschwimmt und mitschwimmen möchte.

Was können Frauenärzte tun, um ­gerade jungen Frauen die Angst vor der Pille zu nehmen?

Das ist ja gerade unser Job, den jungen Frauen, die Angst zu nehmen. Wie man das tut? Mit vernünftiger Begegnung. Wie gesagt, auf emotionaler Ebene, trotzdem mit deutlicher Ausprägung unserer wissenschaftlichen Kompetenz. Wir sehen aus den schon erwähnten Studien, dass die jungen Frauen zwar durchaus anerkennen, dass wir eine gewisse Kompetenz in dem Bereich ausweisen. Wir sehen aber auch, dass sie nicht sicher sind, ob wir denn auch in der Lage sind, persönlich für sie selbst das richtige Verhütungsmittel auszuwählen. Das ist eine extrem schockierende Erkenntnis: Die jungen Frauen denken, wir nehmen sie eh nicht wirklich ernst in dieser schwierigen Entscheidungsfindung.

Es geht einfach darum, ein Setting zu schaffen, in dem Vertrauen entsteht. Und die einzig echte, vernünftige Aufklärungsquelle für die jungen Frauen und für alle Frauen ist nun mal die Frauenärztin oder der Frauenarzt.

Wie ordnen Sie das im Spannungsfeld zwischen Hype und Studienlage ein?

Ich erkläre den Frauen tatsächlich immer gern den Pearl-Index und wenn sie dann hören, alles unter eins gilt das einigermaßen akzeptabel und ein Kondom liegt bei 15, ein Diaphragma vielleicht bei 30 und eine App je nach Ausgestaltung vielleicht auch mal bei 50. Dann wird denen schon klar, wo die Unterschiede liegen.

Wenn dann jemand sagt „okay, habe ich verstanden, ich will trotzdem eine natürliche Verhütung und wenn ich dann schwanger werde, freue ich mich halt”, dann ist es völlig in Ordnung. Wenn die Frau aber sagt „wenn ich dann schwanger werde, lasse ich es halt wegmachen”, dann friert mich das geradezu. Die Frauen wissen ja gar nicht, worauf sie sich einlassen. Ein ganz schwieriges Thema, mit dem viel zu leichtfertig umgegangen wird.

Herr Dr. Baumgartner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Eine ausführlichere Version des Interviews mit Dr. Baumgartner finden Sie hier auch als Podcast. Dort geht es u. a. auch um die „Kontrazeptionstypologie”. Ein unterhaltsames Thema mit ernstem Hintergrund.

Der Autor

Dr. med. Ludwig N. Baumgartner
Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Marienplatz 3, 85354 Freising

baumgartner@lnbaumgartner.de

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