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Gynäkologie

Klinische Relevanz und evidenzbasierte Interventionen

Gynäkologische Krebserkrankungen und Sexualität

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

19.2.2026

Sexualität und sexuelle Probleme werden in der gynäko-onkologischen Nachsorge häufig unzureichend adressiert. Dabei ist die Integration standardisierter Assessments und interdisziplinärer Versorgungspfade ein zentraler Qualitätsindikator moderner gynäkologischer Onkologie.

Obwohl die Prävalenz sexueller Funktionsstörungen bei Überlebenden gynäkologischer Tumoren hoch ist, wird dieses Thema klinisch häufig unzureichend adressiert. Epidemiologisch zeigen Studien, dass sexuelle Dysfunktionen multifaktoriell entstehen und sowohl organische Faktoren wie operative Veränderungen, hormonelle Dysregulation als auch psychologische und partnerschaftliche Komponenten umfassen [1,2]. Dies gilt nicht nur für klassische gynäkologische Entitäten wie Zervix-, Endometrium- oder Ovarialkarzinom, sondern auch für das Mammakarzinom, das als die häufigste Krebserkrankung der Frau einen erheblichen Einfluss auf sexuelle Gesundheit und Wohlbefinden hat [3,4].

Treiber sexueller Dysfunktion

Bei gynäkologischen Karzinomen können chirurgische Eingriffe zu neurovaskulären Sensibilitätsstörungen, Narbenbildungen, anatomischen Veränderungen und Beckenbodendysfunktionen führen. Eine Radiotherapie trägt durch Schleimhautatrophie, Fibrose sowie Stenosen zur Dyspareunie und eingeschränkten Penetrationsfähigkeit bei. Systemische Therapien wie Chemotherapie und zielgerichtete Endokrintherapien beeinflussen durch Fatigue, Neuropathien, hormonelle Veränderungen und ­psychosoziale Belastungen Libido, Erregbarkeit ­sowie sexuelles Erleben [5-7].

Diese Aspekte gelten auch für Mammakarzinome. Die Behandlung umfasst häufig chirurgische Eingriffe, Chemotherapie, Strahlentherapie und vor allem endokrine Therapien (z. B. Aromatasehemmer, Tamoxifen), die über induzierte Menopause und hormonelle Veränderungen insbesondere Vaginaltrockenheit, Libidoverlust und Dyspareunie begünstigen.

Der Mechanismus der sexuellen Dysfunktion wird häufig durch Kombination aus körperlichen Nachwirkungen der Therapie und psychosozialen Faktoren initiiert. Die Prävalenz von sexueller Dysfunktion bei Frauen mit Brustkrebs variiert zwischen etwa 17,5 % vor Diagnose und etwa 86 % nach 6 Monaten endokriner Therapie. Das umfasst reduzierte Lust, verminderte Erregung, Lubrikationsprobleme, Orgasmusstörungen, Zufriedenheitseinbußen und Schmerzen [3].

Querschnittsdaten bestätigen hohe Prävalenzen, wobei vorrangig Libido und vaginale Lubrikation betroffen sind. Risikofaktoren identifizierter Studien umfassen postmenopausalen Status, Hormontherapie, fehlende Brustrekonstruktion und altersassoziierte hormonelle Veränderungen [4]. Die Bedeutung des Körperbilds, insbesondere nach Mastektomie oder brusterhaltender Operation, ist dabei ein zusätzlicher, nicht rein physiologischer Einflussfaktor auf die sexuelle Funktionsfähigkeit und die psychosoziale Dimension von Intimität.

Auch das Körperbild hat einen Einfluss auf die sexuelle Funktionsfähigkeit.

In der Praxis ist es bedeutsam, dass die Diagnose eines Karzinoms nicht nur die anatomische, sondern auch die psychosexuelle Identität der Patientin berührt und dass sexuelle Funktionsstörungen sowohl in der Frühphase der Therapie als auch bis viele Jahre nach der Therapie persistieren können. Leitlinien zur Survivorship-Versorgung empfehlen, Sexualgesundheit proaktiv, wiederholt und symptomorientiert zu erheben (z. B. Trockenheit, Schmerz, Libido, Orgasmus, Vermeidung, Distress) und geeignete Erstlinientherapien anzubieten [2]. Bewährt sind:

  • Normalisierung („Viele Patientinnen berichten …“)
  • Symptom- und Distress-Screening
  • Ursachenhypothese
  • Stufenplan

Evidenzbasierte Interventionen

Die therapeutischen Interventionen sollten stufenweise ausgerichtet sein. Basismaßnahmen umfassen nicht-hormonale Vaginaltherapie mit Feuchtigkeitscremes und Gleitmitteln zur Symptomlinderung, Physiotherapie zur Beckenbodenmodulation und narbenspezifische Behandlungen [7]. Für Patientinnen mit Radiotherapie-induzierter Gewebeatrophie können regelmäßige, technisch strukturierte Vaginaldilatationsprogramme zur Prävention von Stenosen beitragen [5,8]. Niedrigschwellige Sexualrehabili­tationsprogramme, idealerweise pflege- oder teamgeführt, haben sich im randomisierten Setting als wirksam erwiesen, um sexualfunktionelle Endpunkte und subjektiven Distress zu verbessern. Der SPARC-Trial liefert hierfür wichtige Evidenz [9].

Psychosexuelle Interventionen, die kognitiv-behaviorale und achtsamkeitsbasierte Ansätze integrieren, adressieren nicht nur funktionelle, sondern auch emotionale und partnerschaftliche Komponenten sexueller Gesundheit [10,11]. Hierzu zählen psychologische Beratung und ggf. Paartherapie.

Die Verwendung lokaler hormoneller Therapien ­erfordert eine sorgfältige onkologisch-endokrine Risikoabwägung und interdisziplinäre Abstimmung, insbesondere im Kontext des Mammakarzinoms, wo systemische Hormontherapie kontraindiziert sein kann. Leitlinien vergleichen nicht-hormonelle First-line-Strategien und geben für hormonelle ­Optionen differenzierte Empfehlungen unter strenger Indikationsstellung [12].

Implementierung in der Nachsorge

In der klinischen Praxis gilt es, Sexualität als integralen Bestandteil des Survivorship-Care-Plans zu integrieren. Interdisziplinäre Teams sollten klare Kommunikationswege und standardisierte Assessments etablieren, um sexuelle Gesundheitsprobleme frühzeitig zu erkennen und evidenzbasiert zu adressieren. Ein multimodales Verständnis der Sexualfunktion, das operative, endokrine, psychologische und partnerschaftliche Faktoren einschließt, ist für eine hochwertige gynäko-onkologische Versorgung unverzichtbar. Nur durch systematische Erhebung, individuelle Risikoanalyse und patientenzentrierte Interventionen lässt sich die sexuelle Gesundheit von Patientinnen mit gynäkologischen und Brustkrebserkrankungen nachhaltig verbessern.

  1. Nesher SP et al., Sex Med Open Access 2025; 13: qfaf066
  2. Sanft T et al., J Natl Compr Canc Netw 2024; 22: 648–58
  3. Rodrigues-Machado N et al., Support Care Cancer 2025; 33: 332
  4. Guedes TSR et al., Sci Rep 2025; 15: 37653
  5. Charatsi D et al., Medicine (Baltimore) 2022; 101: e28705
  6. Lin YX et al., J Obstet Gynaecol Res 2024; 50: 485–93
  7. da Silva Ribeiro L et al., Support Care Cancer 2024; 32: 439
  8. Arzola A et al., Pract Radiat Oncol 2024; 14: e105–e16
  9. Suvaal I et al., Br J Cancer 2024; 131: 808–19
  10. Brotto LA et al., Gynecol Oncol 2012; 125: 320–5
  11. Yeoh SA et al., Psychooncol 2024; 33: e6280
  12. Bhinder JK et al., Support Care Cancer 2025; 33: 584
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