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Fokus Naturmedizin

Schmerzreduktion durch Akupunktur

Vor der Therapie die Ursache eingrenzen

Dr. med. Marita Fuhrmann

29.7.2021

Auch in Europa hat die Akupunktur mittlerweile einen hohen Stellenwert in der Schmerztherapie, da es sich um eine nebenwirkungsarme Methode handelt. Sie basiert auf dem Qi-Fluss, der durch bestimmte Akupunkturpunkte, die miteinander kommunizieren, reaktiviert wird. Dadurch löst sich die entstandene Stagnation auf und Meridiane sowie Netzgefäße werden wieder durchgängig.

Die Therapie der Schmerzbehandlung gründet zunächst auf einer Anamnese, Untersuchung und Differenzialdiagnose. Steht die Ursache des Schmerzes fest, ist es möglich, mit einer gezielten Therapie eine Schmerzreduktion zu bewirken. Der akute Schmerz ist verbunden mit einer Zunahme des Yang auf einem Meridian, welcher eine Stagnation in Form einer Entzündung, Infektion, Rötung, Schwellung oder Funktionseinschränkung zeigt. Der chronische Schmerz kann mehrere Ursachen haben. Er fühlt sich eher dumpf oder bohrend an, zeigt sich in einer Yin-, manchmal auch in einer Yang-Schwäche und ist eine Disharmonie zwischen der Lebensenergie Qi und dem Blut. Die allgemeinen Zeichen sind Abgeschlagenheit oder (seltener) Übelkeit – ggf. verbunden mit Zeichen von Blässe, Kälte und Schüttelfrost oder Zeichen der Hitze wie Fieber und Schwindel. Experten der TCM sprechen auch von gestautem Leberblut (Bluthitze) oder von einer Schleimstagnation.



Therapiert wird je nach Syndrom überwiegend mit regenerierenden oder sedierenden Methoden: Punkte um den Schmerzbereich (Nahpunkte), Fern­­punkte (meridianbezogene Punkte) und Ashi-Punkte (naheliegende Punkte im Schmerzbereich). Beim chronischen Schmerz erfolgt die Behandlung je nach Diagnosebild sedierend oder regulierend, indem die Akupunkturpunkte der betreffenden Meridiane mit der xie-fa-­Stichtechnik (tief stechend und nach unten abführend) therapiert werden. Dadurch löst sich die Stagnation langsam auf und die Energiebahnen sind wieder durchgängig. Der chronische Schmerz hat Ursachen, die schon längere Zeit auf den Organismus einwirken, deshalb sollte auch ein längerer Therapiezeitraum angesetzt werden. Eine Schmerzreduktion ist erst nach Beseitigung der Ursache möglich. Beispielsweise ist bei Patienten mit chronischen Kopfschmerzen, die vorwiegend im Schläfenbereich zu spüren sind und sich tagsüber sowie abends verschlechtern, die Fließfähigkeit des Gallenblasenmeridians gestört. Deshalb sollten der Tagesablauf dieser Patienten, ihre Streßbelastung und Ernährungsgewohnheiten sowie eventuelle gesundheitliche Vorbelastungen beobachtet und mitbehandelt werden.


Effekte auch bei Scheinakupunktur

Bei der Scheinakupunktur, z. B. einer Akupressur der entsprechenden Akupunkturpunkte, konnte ebenfalls eine Schmerzreduktion nachgewiesen werden. Dasselbe ließ sich auch bei der Behandlung von Ashi-Punkten feststellen. Das sind Punkte, die meridianunabhängig und oberflächlich im Schmerzbereich genutzt werden. Im Vergleich zur klassischen Akupunktur wirkt sich die Scheinakupunktur insbesondere bei Schmerzen ohne körperliche Krankheitsursache mittelfristig positiv aus. Sie sollte und kann immer wieder angewendet werden, solange die Ursache (evtl. Stress) nicht abgestellt wird oder z. B. mit zusätzlichen Therapiemöglichkeiten beseitigt werden kann. Eine Behandlung mit Scheinakupunktur bei organischen Ursachen ist eine Syndrombehandlung und kann an der Ursache nichts ändern, sofern nicht auf diese eingegangen wird.


Die richtigen Akupunkturpunkte

Anhand der vom Patienten angegebenen Schmerzen wird eine individuelle Punktekombination ausgewählt. Ein wichtiger Punkt ist Di 4 (He Gu), weil er das Abwehr-Qi (Wei-Qi) reguliert, Obstruktionen ausleitet, Meridiane und Netzgefäße wieder durchgängig macht und somit den Qi-Fluß wieder­herstellt. Er ist der Meisterpunkt für den Gesichts- sowie Mundbereich und für den gesamten Kopfbereich zuständig. Ma 44 (Nei Ting) reguliert den Spannungsschmerz im Abdomen und ist für den Verdauungstrakt zuständig. Er wirkt auch bei aufsteigender Hitze im Kopfbereich. Der Kreuzungspunkt aller Yang-Meridiane ist Du 20 (Bai Hui). Er ist effektiv bei starken Kopfschmerzen mit begleitendem Schwindel und Sehstörungen, da er aufsteigendes Leber-Yang und Fülle-Hitze beseitigt. Ein besonderer Analgesiepunkt ist der Ohrpunkt 55 (Shenmen), dieser wirkt nicht nur schmerz-stillend und beruhigend, sondern auch entzün-dungshemmend.  Steht der Schmerz nicht in einem organbezogenen Zusammenhang, therapiert man z. B. die vier Hauptpunkte sowie die Ashi-Punkte an der jeweiligen Stelle des Schmerzes. Stellt sich bei der Differenzial­diagnose aber heraus, daß der Schmerz auf eine organische Störung zurückzuführen ist, werden neben den Grundpunkten individuelle, organbezogene Akupunkturpunkte mitbehandelt, welche die Obstruktionen lösen, die Energie- und Leitbahnen wieder durchgängig machen, eventuelle Hitze, Feuchtigkeit, Blutstau oder Schleimstau somit ausleiten und das Gleichgewicht wiederherstellen. Bei bestimmten chronischen Schmerzen wie Migräne, Polyneuropathien, Schmerzen des Bewegungsapparates etc. wird daher zusätzlich organbezogen behandelt. Dann wird unterschieden, ob es sich um ein Hitze- oder Kälte-Syndrom, ein Fülle- oder Leere-Syndrom oder eine Blut- bzw. Schleimstagnation handelt. Der jeweils geschwächte Meridian wir dann manchmal tonisierend, meistens jedoch ausleitend, sedierend oder regulierend mittherapiert. In leichteren Fällen chronischen Schmerzes sind etwa zehn Akupunkturbehandlungen ausreichend. Bei den meistens schwereren Fällen erfordert es eine längerfristige Therapie. Wichtig für die Therapie ist auch die Compliance des Patienten, welcher auch bereit sein sollte, seine Lebensweise anzupassen. Dann ist es möglich, einen lang­anhaltenden Effekt mit Akupunktur zu erzielen. Alternative Behandlungen, z. B. Medikamenteneinnahme bzw. manuelle Behandlungen wie Physiotherapie oder Osteopathie, können in einzelnen Fällen gut mit der Akupunktur kombiniert werden und zu einer schnelleren Schmerzlinderung führen. Mittels differenzialdiagnostischer Abklärung ist es möglich, individuelle Therapien für die Patienten zu erstellen, um mit nebenwirkungsarmen Methoden den Schmerzzustand zu erleichtern bzw. aufzuheben.

Die Autorin

Dr. med. Marita Fuhrmann
Master of Medicine
(Univ. Guangxi, China)
Ärztin für TCM
80639 München

dr. maritafuhrmann@gmail.com

Literatur bei der Autorin

Bildnachweis: leezsnow (iStockphoto); privat

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