Ob in Kakao, Beeren, Grüntee oder Olivenöl – pflanzliche Polyphenole schützen Herz und Gefäße. Mehrere kontrollierte Studien und Metaanalysen belegen blutdrucksenkende und lipidverbessernde Effekte. Die Evidenz ist jedoch durch eine heterogene Studienlage und kurze Interventionszeiträume limitiert.
Flavonoide, Resveratrol, Catechin – in Pflanzen schützen diese teilweise farbigen Polyphenole vor ultravioletter Strahlung und hemmen das Wachstum von Bakterien und Pilzen. Unterteilt werden die aromatischen Strukturen hauptsächlich in Flavonoide und Phenolsäuren, zu denen Hydroxyzimtsäuren (wie die Kaffeesäure) und Hydroxybenzoesäuren (wie die Vanillinsäure) gehören. Untergruppen der Flavonoide sind Flavone (wie Quercetin und Kaempferol) und Anthocyane. Auch Resveratrol aus den Schalen von roten Weintrauben hat ein Polyphenol-Grundgerüst. Die sekundären Pflanzenstoffe finden sich in dunkel gefärbtem Obst (Blaubeeren, Kirschen, Pflaumen) und Gemüse (Rote Beete, Aubergine, Zwiebel, Gewürzpflanzen, Grünkohl, Brokkoli), in grünem und schwarzem Tee sowie in Kakao, Walnüssen, reifen Oliven und Olivenöl extra vergine, dazu in Vollkorngetreide, Sesam und Leinsamen.
Welche davon sind kardiovaskulär relevant? Eine systematische Untersuchung hat ergeben, dass es sich dabei um Anthocyanin, Flavanol, Flavonoid und Resveratrol sowie um Catechin, Curcumin, Quercetin und Genistein handelt (Tab.). Diese Stoffe sind in den Knospen und Blüten des ansonsten sehr giftigen japanischen Schnurbaums (Sophora japonica) enthalten.
Evidenz im kardiovaskulären Kontext
Die wichtigste Ernährungsstudie ist 20 Jahre alt, doch die Resultate sind nach wie vor aktuell: Wie die spanische PREDIMED-Studie belegte, kam es zu weniger vorzeitigen Todesfällen (Herzinfarkt, Schlaganfall, Tod durch kardiovaskuläre Ereignisse), wenn die Mittelmeerdiät befolgt wurde, die mit 1 l Olivenöl extra vergine pro Woche oder 30 g gemischten Nüssen (Walnüssen, Haselnüssen, Mandeln) pro Tag angereichert war. Die 7 447 Teilnehmenden (55 bis 80 Jahre), gesund, aber mit hohem kardiovaskulärem Risiko, befolgten über 4,8 Jahre entweder die mediterrane Diät plus Olivenöl extra vergine, die mediterrane Diät plus Nüsse oder eine fettarme Ernährung. Der Risikoquotient für die mediterrane Diät mit Olivenöl und für die mediterrane Diät mit Nüssen betrug 0,69 (95%-Konfidenzintervall [KI] 0,53– 0,91) bzw. 0,72 (95%-KI 0,54– 0,95) verglichen mit der fettarmen Ernährung [1].
Gibt es in der komplexen Lebensmittelmatrix auch einzelne Polyphenole, die gefäßwirksam sind? Sehr phenolreich sind z. B. die Samen des Kakaobaums (Theobroma cacao). Sie enthalten Flavanole (Catechin, Epicatechin), Quercetin sowie Hydroxyzimtsäure. Je nach Region, Reifezeit, Ernte und Lagerung enthalten die Bohnen bis zu 18 % Polyphenole. Auch der bittere Kakao-Auszug, der im 16. Jahrhundert aus Mesoamerika nach Europa kam, liefert bis zu 900 mg Flavanole. Die heute so beliebte dunkle Schokolade enthält allerdings nur noch 8 mg Polyphenole pro Gramm [2]. Aktuell untersucht wurde, wie ein polyphenolreicher Kakao-Extrakt die kardiovaskuläre Gesundheit älterer Personen beeinflusst [3].
Hochdosiert gegen den Herz-Kreislauf-Tod
In der COSMAS-Studie erhielten 12 666 Frauen über 65 Jahre sowie 8 776 Männer über 60 Jahre ohne wesentliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine Supplementation mit einem Kakao-Extrakt (500 mg Flavanole/Tag, mit 80 mg Epicatechin) plus Multivitaminen oder Placebo über durchschnittlich 3,6 Jahre. Primärer Endpunkt war ein Komposit-Parameter der kardiovaskulären Ereignisse (Myokardinfarkt, Schlaganfall, koronare Revaskularisation, kardiovaskulärer Tod, Karotisstenose, Gefäßchirurgie, instabile Angina pectoris).
Während des Follow-ups erlitten 410 Teilnehmende der Kakao-Gruppe und 456 Teilnehmende unter Placebo kardiovaskuläre Ereignisse (HR 0,90; 95%-KI 0,78–1,02; p = 0,11). Der Risikoquotient für den kardiovaskulären Tod war 0,73 (95%-KI 0,54– 0,98), für Myokardinfarkt 0,87 (95%-KI 0,66 –1,16), für Schlaganfall 0,91 (95%-KI 0,70 –1,17), für die koronare Revaskularisation 0,95 (95%-KI 0,77–1,17), neutral für andere individuelle kardiovaskuläre Endpunkte und für die allgemeine Sterblichkeit 0,89 (95%-KI 0,77–1,03). In den Per-Protokoll-Analysen verringerte der Kakao-Extrakt den primären Endpunkt, also die kardiovaskulären Ereignisse insgesamt, im Vergleich zu Placebo (HR 0,85; 95%-KI 0,72– 0,99).
Auch wenn der Kakao-Extrakt langfristig die Gesamtzahl der kardiovaskulären Ereignisse bei älteren Personen nicht signifikant verringerte, konnten die kardiovaskulären Todesfälle um 27 % reduziert werden. Die täglich zugeführten 500 mg Kakao-Flavanole waren deutlich mehr als die in Europa durchschnittlich am Tag aufgenommenen 105 mg Polyphenole (von 84 mg in Schweden bis 138 mg in Spanien), schreibt die Wissenschaftlergruppe aus medizinischen Forschungseinrichtungen in Boston und Seattle (USA) [3].
Die Risikofaktoren beeinflussen
Ob verschiedene Polyphenol-Supplemente auch die kardiovaskulären Risikofaktoren beeinflussen, sollte eine Metaanalyse klären. Dazu wurden 281 Studien mit 17 126 Teilnehmern und Teilnehmerinnen (im Durchschnitt 52,2 Jahre) im Random-Effects-Modell untersucht. Supplementiert wurden: Anthocyane, Catechin, Chlorogensäure, Curcumin, Flavanol, Flavonoid, Gallussäure, Genistein, Hesperidin, Isoflavone, Quercetin und Resveratrol. In der Analyse verbesserte Catechin den systolischen und diastolischen Blutdruck (-1,56 [-2,75 bis -0,37] mmHg bzw. -0,95 [-1,69 bis -0,20] mmHg), Anthocyane beeinflussten das Lipidprofil und von Curcumin profitierte der glykämische Status.
Die Daten speziell für den Blutdruck (191 RCTs mit 10 703 Personen): Der systolische und diastolische Wert wurde signifikant verringert durch eine Catechin-Supplementation, durch Genistein und Resveratrol. Curcumin, Flavanol und Quercetin senkten den systolischen Blutdruck signifikant. Den diastolischen Blutdruck reduzierten Flavonoide signifikant. Allerdings sind die Studien sehr heterogen, schreibt die Wissenschaftlergruppe aus China. Um Polyphenole optimal einzusetzen, sind Langzeitstudien mit kardiovaskulären Endpunkten sowie zu Dosierung und Interventionsdauer nötig. [4]
Aus epidemiologischen Studien ist bekannt, dass das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen bei einer polyphenolreichen Diät um 46 % verringert ist [5]. Der Hintergrund: Polyphenole verbessern die Endothelfunktion, schützen vor übermäßiger Plättchenaggregation, verbessern das Lipidprofil, regulieren die Glucosespiegel und reduzieren Entzündungen. Außerdem beeinflussen Polyphenole den Cholesterin-Stoffwechsel, indem sie die Oxidation der Blutlipide LDL und HDL verhindern sowie den Efflux von Cholesterin erleichtern. Oxidierte Lipoproteine gelten als besonders gefäßaggressiv. Auch hemmen Polyphenole die Glucoseaufnahme, stimulieren die Insulinsekretion und beeinflussen auch das Mikrobiom.

Bioverfügbarkeit = Wirkung
Wie bioaktive Phytosubstanzen absorbiert werden und das Zielgewebe erreichen, ist eine Frage der chemischen Struktur, der Lebensmittelmatrix, der Mikrobiota und auch der Genetik. So wird Resveratrol transformiert, was die Stabilität und Bioverfügbarkeit beeinflussen kann. Sind Flavonoide an Zucker gebunden (Flavonoidglykoside), bleiben sie während des Verdauungsvorgangs stabil. Dann wird das biologisch aktive Aglykon freigesetzt, das besser resorbiert wird. Auch in komplexen Matrices (dunkle Schokolade, manche Gemüse) sind Flavonoide besser geschützt und werden somit besser aufgenommen. Wichtig: Flavonoide können synergistisch mit Arzneimitteln interagieren, da sie die metabolisierenden Enzyme hemmen.
In Obst und Gemüse treten Polyphenole in Fruchtfleisch, Schale, Haut oder Samen auf. So gelten Beeren (Schließfrüchte, die die Samen enthalten) als außergewöhnlich reich an Anthocyanen und anderen Flavonoiden. Die Konzentration nimmt während der Fruchtentwicklung zu und erreicht das Maximum, wenn die Beeren reif sind. Bei Trauben ist die Kompartimentierung wichtig: Anthocyane liegen hauptsächlich in der Schale vor, während sich Catechine und Proanthocyanidine in den Kernen befinden, Resveratrol dagegen in Schale und Fruchtfleisch. Bei den Zitrusfrüchten finden sich mehr Polyphenole in der Schale als im Fruchtfleisch. Etwa 5–20 % der Polyphenole werden resorbiert und üben einen direkten Effekt aus. Ein indirekter Effekt entsteht über das Mikrobiom, welches aus den ringförmigen Molekülen kurzkettige Fettsäuren (Propionat, Butyrat, Acetat) bildet. Diese verbessern die Barrierefunktion und wirken herz- und gefäßschützend [6].
Synergien nutzen
Dass eine polyphenolreiche Vollwerternährung oder gereinigte Polyphenol-Extrakte (aus Lebensmitteln) Herz-Kreislauf-Risiken verringern, ergab eine Metaanalyse aus 46 Studien mit 2 494 Teilnehmenden (53,3 ± 10 Jahre). Fazit: Polyphenolreiche Lebensmittel, nicht aber die Extrakte, reduzierten signifikant den Blutdruck (SBP, -3,69 mmHg; 95%-KI -4,24 bis -3,15 mmHg; p = 0,00001; DBP, -1,44 mmHg; 95%-KI -2,56 bis -0,31 mmHg; p = 0,0002). Die Extrakte beeinflussten den Taillenumfang (-3,04 cm; 95%-KI -7,06 bis -0,98 cm; p = 0,14). Isoliert betrachtet, übten die Extrakte einen signifikanten Effekt auf das Gesamtcholesterin (-9,03 mg/dl; 95%-KI -16,46 bis -1,06 mg/dl; p = 0,02) und die Triglyceride (-13,43 mg/dl; 95%-KI -23,63 bis -3,23; p = 0,01) aus. Die gepoolten Daten aus Vollwerternährung und Extrakten ergaben eine signifikante Reduktion von Blutdruck (systolisch, diastolisch), flussvermittelter Dilatation, Triglyceriden und Gesamtcholesterin. So können Polyphenole aus vollwertigen Lebensmitteln und gereinigten Extrakten kardiometabolische Risikofaktoren verringern. Dennoch ist Vorsicht geboten, so das Autorenteam der Katholischen Universität Leuven (Belgien), denn die Studien sind heterogen und fördern einen Bias [7].

Polyphenole verbessern die kardiovaskuläre Gesundheit. Sie senken den Blutdruck und beeinflussen Blutglucose und Lipidprofil. Die sekundären Pflanzenstoffe wirken als Präbiotika, fördern die Vielfalt im Darmmikrobiom und unterstützen die Darmbarriere. Aus den Studiendaten ergeben sich zudem mögliche Vorteile einer flavonoidreichen Intervention auf kardiometabolische Risiken, kognitive bzw. neuroprotektive Ergebnisse und auf entzündliche oder immunmetabolische Endpunkte [6].
Wie die European Food Safety Authority (EFSA) betont, ist eine gesundheitsbezogene Aussage nur für Polyphenole aus Olivenöl erlaubt: Diese tragen dazu bei, die Blutfette vor Oxidierung zu bewahren. Und zwar dann, wenn mindestens 5 mg Hydroxytyrosol und Derivate (Oleuropein) pro 20 g Öl enthalten sind. Der Effekt tritt bei einer täglichen Menge von 20g Olivenöl auf [8].