- Anzeige -
Fokus Naturmedizin

Aktuelle Leitlinie Endometriose

Endometriosetherapie: Multimodal und Komplementär

Prof. Dr. med. Harald Meden

14.8.2026

Die aktuelle Endometrioseleitlinie von 2025 postuliert ein multimodales Therapiekonzept als Goldstandard bei der Endometriosebehandlung. Komplementärmedizinische Maßnahmen und pflanzliche Wirkstoffe können dabei die Effektivität der Therapien erhöhen und Nebenwirkungen reduzieren.

Die aktualisierte S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Endometriose“ berücksichtigt komplementärmedizinische Ansätze ausdrücklich als Bestandteil eines multimodalen Behandlungskonzepts [1]. Parallel dazu hat die Weltgesundheitsorganisation 2025 die internationale Förderung traditioneller und komplementärmedizinischer Verfahren weiter ausgebaut [2].

Komplementärmedizin als wichtiges Add-on

Die Leitlinie bewertet mehrere Verfahren als mögliche Ergänzung zur Standardtherapie, insbesondere Osteopathie, Akupunktur, transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), vaginale Elektrostimulation, Bewegung, Yoga, ernährungsmedizinische Beratung sowie ausgewählte medikamentöse Optionen bei chronischem Schmerz einschließlich cannabisbasierter Arzneimittel [1].

Der klinische Stellenwert liegt dabei vor allem in der Reduktion chronischer Beckenschmerzen, Dysmenorrhö, Dyspareunie und funktioneller Beschwer­den. Eine kurative Wirkung ist daraus nicht abzuleiten; komplementäre Verfahren sollten vielmehr in ein individualisiertes Gesamtkonzept eingebettet werden.

Was Patientinnen als hilfreich erleben

Eine nach Veröffentlichung der Leitlinie publizierte Befragung von 912 Patientinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz liefert ergänzende Hinweise aus der Versorgungsperspektive. Die Teilnehmerinnen bewerteten verschiedene komplementärmedizinische Maßnahmen auf einer numerischen Ratingskala von 0 bis 10. Die höchste subjektive Schmerzlinderung wurde für Cannabis berichtet, mit einem medianen Wert von 8,0 Punkten. Es folgten Osteopathie mit 7,3 Punkten und Wärmeanwendungen mit 7,1 Punkten [3].

Hohen Stellenwert bei der Reduktion chronischer Beckenschmerzen hat die Komplementärmedizin.

Bewegung, Yoga und Körperwahrnehmung

Körperliche Aktivität wird in der Leitlinie unabhängig von der Intensität als unterstützende Maßnahme empfohlen [1]. Für Yoga liegt eine kleine Studie vor, in der Patientinnen über 8 Wochen zweimal wöchentlich übten. Anschließend berichteten die Teilnehmerinnen über eine Abnahme pelviner Schmerzen sowie über eine verbesserte Selbstwahrnehmung, mehr Selbstkontrolle und eine stärkere Selbstfürsorge [4]. Der therapeutische Effekt dürfte dabei nicht allein über muskuläre oder fasziale Mechanismen erklärbar sein. Atemführung, Meditation und die Veränderung der Schmerzwahrnehmung können neurophysiologisch ebenfalls relevant sein.

Nach Abschluss der Leitlinienrecherche wurde eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zu körperlicher Aktivität bei Endometriose veröffentlicht. In die Analyse gingen 6 randomisierte Studien mit 251 Patientinnen ein. Körperliche Aktivität war mit Verbesserungen der Lebensqualität, Schmerzintensität, psychischen Gesundheit, Beckenbodenfunktion und Knochendichte assoziiert [5]. Damit wird die Leitlinienempfehlung durch neuere Evidenz gestützt.

Neuromodulation: TENS und Akupunktur

TENS stellt eine nicht-medikamentöse Option zur Schmerzmodulation dar. In einer randomisierten Studie bei Frauen mit tiefer Endometriose wurden 2 Applikationsformen verglichen: akupunkturähnliche TENS und Selbstapplikation. Beide Gruppen behandelten über 8 Wochen die Sakralregion S3/S4. In beiden Armen verbesserten sich persistierende Beckenschmerzen, Dyspareunie und Dyschezie signifikant; Dysmenorrhö und Dysurie blieben hingegen unverändert. Zusätzlich besserten sich endometriosebezogene Lebensqualität, emotionales Wohlbefinden, soziale Unterstützung und Selbstbild [6].

Auch Akupunktur wurde mehrfach untersucht. Eine Metaanalyse von Lund und Lundeberg umfasste 3 Studien mit insgesamt 121 Patientinnen und zeigte konsistent eine Reduktion endometrioseassoziierter Beckenschmerzen. Zugleich wurden Verbesserungen der krankheitsbezogenen Lebensqualität beschrieben; relevante Nebenwirkungen wurden nicht berichtet [7-9]. Eine weitere Metaanalyse bezog 10 Studien mit 589 Patientinnen ein. Gegenüber Kontrollgruppen zeigte sich eine signifikante Schmerzreduktion, gemessen auf einer Punkte-Skala von 0 bis 10, mit einer medianen Differenz von 1,36 Punkten. Zudem wurden günstigere CA-125-Werte und eine bessere klinische Symptomatik berichtet [10]. Eine neuere systematische Übersichtsarbeit bestätigt Hinweise darauf, dass Akupunktur erhöhte Serum-CA-125-Spiegel senken kann [11]. Akupunktur ist eher als ergänzende Maßnahme einzuordnen.

Manuelle Verfahren: Osteopathie und Co

Osteopathische Verfahren verfolgen das Ziel, somatische Dysfunktionen über manuelle Diagnostik und Therapie zu beeinflussen [12]. Bei Endometriose ist der Ansatz plausibel, weil viszerale Entzündung, muskuloskelettale Dysfunktion, Beckenbodenverspannung und Schmerzchronifizierung miteinander interagieren können [13].

In einer Untersuchung bei Patientinnen mit tief infiltrierender Endometriose und kolorektaler Beteiligung wurde die Osteopathic Manipulative Therapy (OMT) hinsichtlich Lebensqualität geprüft. Die Erfolgs­rate lag bei 80 % [14]. In einer weiteren Studie mit 28 Frauen mit chronischen Unterbauchschmerzen ­berichteten 17 von 22 eine Schmerzreduktion; in der Endometrioseuntergruppe waren es 10 von 14 Frauen [13]. Eine prospektive Studie bei 46 Frauen mit kolorektaler Endometriose zeigte nach OMT signifikante Verbesserungen der physischen und mentalen Lebensqualität sowie gynäkologischer, digestiver und allgemeiner Beschwerden [15].

Auch Massage wurde untersucht. In einer kleinen Analyse mit 23 Frauen mit operativ gesicherter ­Endometriose und Dysmenorrhö nahm die Schmerzintensität sowohl unmittelbar nach Beginn der ­Behandlungen als auch 6 Wochen nach Abschluss des Programms signifikant ab [16]. Die Datenlage bleibt limitiert, stützt aber den Einsatz manueller Verfahren bei ausgewählten Patientinnen.

Ernährung: keine restriktiven Diäten

Ernährung spielt in der Beratung vieler Patientinnen eine große Rolle. Die Datenlage ist jedoch differenziert zu bewerten. Zahlreiche Studien untersuchten, ob bestimmte Ernährungsfaktoren das Erkrankungsrisiko beeinflussen. Daraus lassen sich derzeit keine belastbaren präventiven Empfehlungen ableiten. Anders ist die Frage zu bewerten, ob Ernährung nach Diagnosestellung Beschwerden modulieren kann.

Für eine glutenfreie Ernährung liegen 2 retrospektive Studien vor, in denen Patientinnen mit symptomatischer Endometriose über eine Schmerzreduktion berichteten [17,18]. Die Evidenz reicht jedoch nicht aus, um eine glutenfreie Diät ohne entsprechende Indikation generell zu empfehlen [19]. Leitlinienkonform erscheint vielmehr eine gesunde, vitamin- und ballaststoffreiche Ernährung. Eliminationsdiäten sollten auf definierte Indikationen wie gesicherte ­Unverträglichkeiten begrenzt bleiben [1].

Nahrungsergänzungsmittel

Beobachtungsdaten deuten auf niedrigere Vitamin-D-Spiegel bei Betroffenen und eine mögliche Assoziation mit der Erkrankungsschwere hin. Ob eine Supplementierung die Symptomatik relevant verbessert, ist jedoch nicht gesichert. Eine aktuelle Analyse randomisierter Studien ergab keinen Nutzen einer Vitamin-D-Gabe in üblicher Dosierung [20].

Auch antioxidativ ausgerichtete Supplementierung wurde geprüft. In einer Studie über 6 Monate wurde eine Kombination aus Vitaminen A, B, C und E, Fermenten, Mineralsalzen sowie Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren mit Placebo verglichen – ohne Effekt auf die laparoskopisch objektivierte Rezidivrate von Endometriomen [21]. Nahrungsergänzung sollte nur indikationsbezogen eingesetzt werden.

N-Acetylcystein und Resveratrol

N-Acetylcystein (NAC) ist als Vorläufer der Glutathion-Synthese biologisch plausibel, da antioxidative und antiinflammatorische Mechanismen für die Endometriosepathophysiologie relevant sind. In einer Fall-Kontroll-Studie erhielten Patientinnen NAC in einer Dosierung von 3 × 600 mg täglich an 3 Tagen pro Woche über 3 Monate oder Placebo. Unter NAC wurden kleinere Endometriomdurchmesser sowie Verbesserungen von Dysmenorrhö, Dyspareunie und chronischen Beckenschmerzen berichtet [22].

In einer weiteren klinischen Untersuchung nahmen endometrioseassoziierte Schmerzen und Endometriomgrößen ab; zudem wurden niedrigere CA-125-Spiegel beobachtet [23]. Im Mausmodell reduzierte NAC das Gewicht von Endometriomen signifikant [24]. Der Einsatz bleibt trotzdem ein individueller, aufzuklärender Therapieversuch.

Resveratrol ist ein Phytoalexinpolyphenol, das unter anderem in Trauben, Beeren und Nüssen vorkommt [25]. Präklinisch sind die Resultate konsistent: In Mausmodellen reduzierte Resveratrol Zahl, Größe bzw. Volumen experimenteller Endometriome [26-29]. Als Mechanismen wurden unter anderem verminderte Zellproliferation, reduzierte Gefäßdichte und vermehrte Apoptose beschrieben.

Klinische Daten sind deutlich spärlicher. In einer ­placebokontrollierten Studie bei 44 Patientinnen war Resveratrol Placebo hinsichtlich endometriose­bedingter Schmerzen nicht überlegen [30]. Weitere Studien sind erforderlich, um Wirksamkeit, Dosis und geeignete Patientinnengruppen zu definieren [31]. Rotwein als Resveratrolquelle ist aufgrund des Alkoholgehalts ausdrücklich keine sinnvolle therapeutische Strategie.

Cannabisbasierte Arzneimittel bei Schmerz

Chronische Schmerzen bei Endometriose sind häufig multifaktoriell. Die S2k-Leitlinie führt daher eine ­Reihe medikamentöser Optionen auf, die je nach Schmerzmechanismus als individueller Therapieversuch eingesetzt werden können. Dazu zählen trizyklische Antidepressiva, Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, Gabapentinoide, Metamizol, Paracetamol, Opioidanalgetika und cannabisbasierte Arzneimittel [1].

Die hohe subjektive Bewertung von Cannabis in der Patientinnenbefragung sollte nicht als Wirksamkeitsnachweis missverstanden werden. Für die Praxis bedeutet dies: Cannabisbasierte Arzneimittel können bei chronischen, therapierefraktären Schmerzen diskutiert werden, sollten aber in ein strukturiertes schmerzmedizinisches Konzept eingebunden und hinsichtlich Nutzen, Nebenwirkungen, Fahrtüchtigkeit, Abhängigkeitspotenzial und regulatorischer Rahmenbedingungen sorgfältig geprüft werden.

Komplementärmedizinische Verfahren haben bei Endometriose ihren Platz vor allem als ergänzende Bausteine eines multimodalen Therapiekonzepts. Die stärkste Praxisrelevanz besitzen aktuell Bewegung, Yoga, TENS, Akupunktur und osteo­pathische Verfahren, da sie leitliniengestützt und vergleichsweise nebenwirkungsarm sind. Ernährung sollte im Sinne einer gesunden, vitamin- und ballaststoffreichen Kost beraten werden; restriktive Diäten oder Supplemente sollten nicht ohne Indikation empfohlen werden. Für NAC und Resveratrol liegen interessante präklinische und erste klinische Daten vor, die derzeit jedoch keine generelle Anwendung rechtfertigen. Entscheidend bleibt die individualisierte Beratung: Komplementäre Maßnahmen können Symptome lindern und Selbstwirksamkeit stärken, ersetzen aber weder hormonelle, operative noch schmerz­medizinische Standardtherapien.

Der Autor

Prof. Dr. med. Harald Meden
1. Vorsitzender der NATUM e. V.

harald.meden@natum.de

  1. S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Endometriose“. Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V. (DGGG). AWMF-Reg.-Nr. 015-045, Version 5.1, Stand: 01.04.2025
  2. World Health Organisation Global Traditional Medicine Centre. https://go.sn.pub/aiazi8; Stand: 19.01.2026
  3. Werner F et al., Arch Gynecol Obstet 2025; 312: 425–34
  4. Gonçalves AV et al., J Altern Complement Med 2016; 22: 977–82
  5. Xie M et al., PLoS One 2025; https://doi.org/qjps
  6. Mira TA et al., Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2015; 194: 1–6
  7. Lund I et al., J Pain Res 2016; 9: 157–65
  8. Wayne PM et al., J Pediatr Adolesc Gynecol 2008; 21: 247–57
  9. Rubi-Klein K et al., Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2010; 153: 90–3
  10. Xu Y et al., PLoS One 2017; 12: e0186616
  11. Chen C et al., Arch Gynecol Obstet 2024; 310: 2101–14
  12. World Health Organisation. https://go.sn.pub/0nmh7n; Stand: 19.01.2026
  13. Sillem M et al., Geburtshilfe Frauenheilk 2016; 76: 960–3
  14. Daraï C et al., Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2015; 188: 70–3
  15. Daraï C et al., Gynecol Obstet Fertil Senol 2017; 45: 472–7
  16. Valiani M et al., Iran J Nurs Midwifery Res 2010; 15: 167–71
  17. Marziali M et al., J Minim Invasive Gynecol 2015; 22: S51–2
  18. Marziali M et al., Minerva Chir 2012; 67: 499–504
  19. van Haaps AP et al., A Glob Rep 2024; 4: 100369
  20. Zhou IW et al., PLoS One 2025; https://doi.org/qjpt
  21. Sesti F et al., Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2009; 147: 72–7
  22. Porpora MG et al., Evid Based Complement Alternat Med 2013; 240702
  23. Anastasi E et al., Int J Environ Res Public Health 2023; 20: 4686
  24. Pittaluga E et al., Fertil Steril 2010; 94: 2905–8
  25. Cucciolla V et al., Cell Cycle 2007; 6: 2495–510
  26. Bruner-Tran KL et al., Biol Reprod 2011; 84: 106–12
  27. Ricci AG et al., Hum Reprod 2013; 28: 178–88
  28. Rudzitis-Auth J et al., Hum Reprod 2013; 28: 1339–47
  29. Tekin BY et al., Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2015; 184: 1–6
  30. Mendes da Silva D et al., J Endocr Soc 2017; 1: 359–69
  31. Sienko A et al., Ginekol Pol 2024; 95: 573–83

Bildnachweis: privat

Lesen Sie mehr und loggen Sie sich jetzt mit Ihrem DocCheck-Daten ein.
Der weitere Inhalt ist Fachkreisen vorbehalten. Bitte authentifizieren Sie sich mittels DocCheck.
- Anzeige -

Das könnte Sie auch interessieren

123-nicht-eingeloggt