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Dermatologie

Innovativ bei Nahrungsmittelallergie

Erstmals orale Immuntherapie bei Erdnussallergie

Dr. med. Gerd-Marko Ostendorf

3.12.2021

Die häufigste Ursache einer Nahrungsmittel-induzierten Anaphylaxie bei Kindern und Jugendlichen, die Erdnussallergie, kann nach einem neuen Konzept künftig mit oraler Immuntherapie (OIT) effektiv behandelt werden. Die Zulassung eines entsprechenden Präparats in Deutschland soll im November 2021 erfolgen.

Die Häufigkeit der Erdnussallergie hat sich von 2005 bis 2015 in den westlichen Ländern verdoppelt und liegt derzeit bei 1,4–3,0 %. In Deutschland sind fast 11 % der Jugendlichen gegen Erdnüsse sensibilisiert. Die etwas später im Kindesalter auftretende Erdnussallergie persistiert in der Regel über Jahre, ggf. bis ins Erwachsenenalter. Eine ­Toleranzentwicklung innerhalb von drei Jahren findet sich nur bei 22 % der Betroffenen.

Eine Erdnussallergie belastet nicht nur die betroffenen Kinder und Jugendlichen erheblich, sondern auch die ganze Familie, und das oft über Jahrzehnte, erklärte Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann (Bielefeld-Bethel). Es handele sich um „ein echtes Pro­blem, ein Lebensthema“. So bezeichnet etwa fast die Hälfte der Erdnussallergiker das Leben mit Erdnussallergie als teuer bzw. sogar sehr teuer.

Besonders gefährlich ist das Auftreten einer ggf. ­lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktion. Mehr als die Hälfte aller Erdnussallergiker reagieren bereits auf eine Dosis von < 100 mg Erdnussprotein. Mindestens eine schwere allergische Reaktion innerhalb von sechs Jahren zeigen 56 % der Kinder mit Erdnussallergie, wobei diese unvorhersehbar ist und die häufigste Todesursache bei Anaphylaxien darstellt.

Zudem treten bei vielen Kindern mit Erdnussallergie allergische Reaktionen auf, obwohl Erdnüsse möglichst konsequent gemieden werden. Ursachen sind in der Regel eine versehentliche Aufnahme von Erdnüssen sowie die Tatsache, dass die Inhaltsstoffe von Nahrungsmitteln oft nur unzureichend deklariert werden. Das bedeutet für die Betroffenen erhebliche Einschränkungen, etwa: Kann ein angebotener Kuchen risikolos gegessen werden?

Prophylaxe mit Erdnussprotein

Ein neues Konzept zur Prophylaxe bei Risikokindern ist die Frühfütterung mit Erdnusszubereitungen, um eine Toleranzentwicklung zu erreichen. Im aktuellen Update der S2k-Leitlinie zum Management IgE-­vermittelter Nahrungsmittelallergien vom Juli 2021 [1] wird dazu als Konsens ausgeführt, dass zur ­Prävention der Erdnussallergie bei Säuglingen mit atopischer Dermatitis eine regelmäßige Erdnuss-Beikost-Fütterung (z. B. Erdnussbutter) erwogen werden kann. Eine solche Vorgehensweise würde allerdings nicht standardisiert erfolgen.

Angesichts dieser erheblichen Problematik stellt das  wissenschaftliche Konzept der oralen Immuntherapie (OIT) bei Erdnussallergie eine echte Innovation dar, zumal es bisher weltweit noch kein Produkt zur effektiven Therapie einer Nahrungsmittelallergie gibt, ­betonte Prof. Dr. med. Ludger Klimek (Wiesbaden).

Aktuelle Studien, insbesondere die randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert durchgeführten klinischen Phase-III-Studien ARTEMIS (175 Kinder/Jugendliche in Europa) und PALISADE (496 Kinder/Jugendliche in Nordamerika und Europa), belegen Effektivität und Sicherheit einer OIT mit Erdnussprotein zur Erhöhung des Schwellenwerts für Reaktionen gegen Erdnuss, eine Verringerung der akzidentellen Reaktionshäufigkeit sowie eine Verbesserung der Lebensqualität. In beiden Studien galt als primärer Endpunkt, wenn die Probanden im Alter von 4 bis 17 Jahren zum Abschluss in einem doppelblinden, placebokontrollierten Provokationstest eine einzelne Höchstdosis von 1 000 mg Erdnussprotein tolerierten und dabei höchstens leichte allergische Symptome zeigten. Das war zum Ende der ARTEMIS-Studie bei 58,3 % und der PALISADE-Studie bei 67 % der Studienteilnehmer der Fall. Diese Behandlung könne eine Erdnussallergie zwar nicht eliminieren, sie ­solle aber den Schwellenwert erhöhen, sodass die Patienten eine zufällige Einnahme von Erdnuss in geringer Menge tolerieren, erklärte Hamelmann.

Ein entsprechendes OIT-Präparat zur Behandlung der Erdnussallergie bei Kindern im Alter von 4 bis 17 Jahren wurde im Januar 2020 in den USA und Ende 2020 in Europa zugelassen; die Zulassung in Deutschland wird für November 2021 erwartet.

Die Behandlung ist allerdings aufwendig:
• Nach einer ausführlichen Aufklärung sind am ersten Behandlungstag zur initialen Aufdosierung fünf Schritte mit oraler Allergen-Applikation (0,5 mg, 1,0 mg, 1,5 mg, 3,0 mg und 6,0 mg) und anschließender Beobachtung von jeweils bis zu ­30 Minuten und zusätzlicher ärztlicher Aufsicht über 60  Minuten erforderlich.
• Es folgt das Stadium der Dosissteigerung in elf Schritten alle 14 Tage auf schließlich 300 mg und Nachbeobachtung über jeweils 60 Minuten.
• Die Weiterbehandlung erfolgt dann mit sechs Folgerezepten zur Erhaltungstherapie.

Schematischer Ablauf der oralen Immuntherapie bei Erdnussallergie


Dieses Vorgehen mit insgesamt 920 Arzt- bzw. ­Abrechnungsstunden benötigt etwa 2,5- bis 3-mal so viel Zeit wie die subkutane Immuntherapie (SCIT) und ist in den Vergütungssystemen (EBM und GOÄ) bisher nicht berücksichtigt. Hier muss eine entsprechende Vergütung geschaffen ­werden, forderte Klimek, entsprechende Gespräche laufen bereits.

1 Worm M et al., Allergologie select 2021; 5: 195–243
Symposium „Allergie Immuntherapie – endlich auch für Erdnuss“ anlässlich des Kongresses „Allergie im Kloster“, Eltville/Rheingau, September 2021

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