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Allgemeinmedizin

Diabetesprävention

Eine Remission von Prädiabetes gelingt auch ohne Gewichtsverlust

Prof. Dr. med. Andreas Birkenfeld, Prof. Dr. med. Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg

30.1.2026

Gezielte Lebensstilinterventionen können einen Prädiabetes in Remission bringen und das Risiko für Typ-2-Diabetes um mehr als 70 % senken. Das hat eine neue, groß angelegte Studie ergeben. Der Effekt tritt selbst ohne Gewichtsverlust auf. Entscheidend ist, wo im Körper das Fett gespeichert wird.

Schätzungen zufolge ist etwa ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland von Prädiabetes betroffen. Bei 5–10 % dieser Personen entwickelt sich jedes Jahr ein manifester Typ-2-Diabetes. Um dies zu vermeiden, gilt eine Verringerung des Körpergewichts als zentrale Maßnahme.

Doch aktuelle Daten des Universitätsklinikums ­Tübingen, von Helmholtz Munich und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) e. V. zeichnen ein differenzierteres Bild. Erstmals konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler belegen, dass die Remission eines Prädiabetes auch ohne Gewichtsverlust möglich ist – und dass diese Normalisierung des Stoffwechsels langfristig vor der Manifestation eines Typ-2-Diabetes schützt. Entscheidend scheint weniger das Körpergewicht selbst zu sein, sondern die Art und die Lokalisation der Fetteinlagerung im Organismus.

Lebensstilintervention mit überraschendem Ergebnis

Grundlage der Veröffentlichung im Fachjournal ­Nature Medicine war eine Auswertung der Prediabetes Lifestyle Intervention Study (PLIS). Sie umfasst mehr als 1 100 Personen mit Prädiabetes aus mehreren deutschen Studienzentren. Alle Teilnehmenden erhielten ein Jahr lang eine strukturierte Lebensstilberatung mit Fokus auf Ernährung, Bewegung und Stoffwechselmonitoring. Bemerkenswert: Bei etwa einem Fünftel hatten sich nach 12 Monaten die Glucosewerte völlig normalisiert, obwohl sie nicht abgenommen oder gar leicht zugenommen hatten.

Normalisierte Blutglucose sogar trotz etwas mehr Körpergewicht möglich.

Diese Responder unterschieden sich deutlich von den übrigen Teilnehmenden, die trotz Intervention keine Remission erreicht hatten. Ihr Stoffwechsel schien sich grundlegend umgestellt zu haben, unabhängig von dem Gewicht auf der Waage. Auch wer leicht zugenommen hatte, konnte von der ­Lebensstilintervention profitieren.

Unterschiedliche Fettverteilung bei Respondern und Non-Respondern

Die Erklärung: Während bei Non-Respondern vor allem viszerales Fettgewebe im Bauchraum zugenommen hat, wiesen Responder einen Zuwachs an subkutanem Fett auf. Diese Form der Fettanlagerung gilt bekanntlich als metabolisch neutral oder sogar schützend, da sie überschüssige Energie speichert, ohne eine Insulinresistenz oder Entzündungsprozesse zu fördern.

Die Betazellen hatten bei Respondern nach der Intervention eine höhere GLP-1-Sensitivität als vorher.

Tatsächlich war bei Respondern die Insulinsensitivität messbar verbessert, die Insulinsekretion gesteigert und die Betazellfunktion stabilisiert. Auch eine erhöhte GLP-1-Sensitivität der Betazellen war nachweisbar. Dadurch wurde die Insulinausschüttung nach Mahlzeiten effizienter. Somit unterscheidet sich diese Form der Remission von der klassischen, gewichtsinduzierten Remission eines Prädiabetes, die vor allem über eine Verringerung des viszeralen Fetts wirkt.

Dieser Effekt erinnert an ein „metabolisches Schutzprogramm“ des Körpers: Indem überschüssige Kalorien in ungefährlichere Fettdepots umgelenkt wurden, blieb der Glucosestoffwechsel stabil. Parallel dazu stiegen die Spiegel des Hormons Adiponektin bei den Respondern an, das die Insulinsensitivität weiter verbessert.

Schutz durch gewichtsneutrale Remission über ein Jahrzehnt hinweg

Der Nutzen für die Patientinnen und Patienten zeigte sich in der bis zu zehnjährigen Nachbeobachtungsphase eindrucksvoll. Teilnehmende, die ihren Prädiabetes ohne Gewichtsverlust in Remission gebracht hatten, entwickelten deutlich seltener einen Typ-2-Diabetes. Ihr Erkrankungsrisiko verringerte sich um 71 %. Damit haben sie einen nahezu identischen Schutz wie Menschen, die ihr Gewicht verringern und so in Remission kommen.

Die Forschenden konnten ihre Ergebnisse mit Daten der US-amerikanischen Diabetes-Prevention-Program(DPP)-Kohorte mit mehr als 3 000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen bestätigen. Auch dort fanden sie eine vergleichbare Verringerung des Diabetesrisikos unabhängig von Alter, Geschlecht oder körperlicher Fitness.

Die Studie stellt den bisherigen Fokus auf der Gewichtsreduktion bei Prädiabetes infrage. Zwar bleibt ein gesunder Body-Mass-Index ein wichtiger Faktor. Doch sollte die Wiederherstellung normoglykämischer Glucosewerte gleichrangig berücksichtigt werden. Entscheidend ist weniger der reine Gewichtsverlust, sondern das Fördern der metabolischen Gesundheit. Dazu gehören regelmäßige Kontrollen von HbA1c, Nüchternglucose und postprandialen Werten, um den Stoffwechselverlauf frühzeitig zu erfassen.

Ebenso wichtig sind individuell angepasste Maßnahmen zu Bewegung, Ernährung und Stressregulation – mit dem Ziel, die Insulinsensitivität zu verbessern und den Anteil viszeralen Fetts zu senken.

Der Autor

Prof. Dr. med. Andreas Birkenfeld
Ärztlicher Direktor Klinik für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie
Universitäts­klinikum Tübingen

andreas.birkenfeld@med.uni-­tuebingen.de

Der Autor

Prof. Dr. med. Reiner Jumpertz-von Schwartzenberg
Leitung Studienzentrale
W3-Professur für Klinische Metabolismus- und Adipositasforschung
Universitätsklinikum Tübingen

reiner.jumpertz-vs@med.uni-tuebingen.de

  1. Sandforth L et al., Nat Med 2025; 31(10): 3330–40, doi: 10.1038/s41591-025-03944-9
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