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Allgemeinmeizin

Chronische Schmerzen

Selbstmitgefühl als Geheimwaffe

Dipl.-Psych. Anna-Lena Guth, M.Sc. Psych. Sabrina Schluckebier

5.6.2026

Im Umgang mit chronischem Schmerz sind multimodale Ansätze gefragt. Ein Ansatz, der im Kern die Akzeptanz von Leid als Teil eines normalen Lebens sowie die Selbstversorgung bei Leiden beinhaltet, scheint besonders geeignet zu sein, um Schmerzpatienten bei ihrer Krankheitsbewältigung zu unterstützen: Selbstmitgefühl.

Selbstmitgefühl (engl. self-compassion) ist ein achtsamkeitsbasiertes Verfahren, bei dem es darum geht, sich selbst in Krisen, bei Leid oder Versagen mit einer wohlwollenden und verständnisvollen Haltung zu begegnen. Kristin Neff, Pionierin auf diesem Forschungsgebiet, definiert Selbstmitgefühl als grundlegende Fähigkeit, sich selbst zu bestärken und zu unterstützen, sich getröstet und beruhigt zu fühlen und sich ein Sicherheitsgefühl zu geben [1].

Selbstmitgefühl fußt auf 3 Säulen [2]

Selbstfreundlichkeit: Die praktische Umsetzung bedeutet vor allem Validierung, Trost und Beruhigung bei Leid sowie einen grundsätzlich wohlwollenden, fairen Umgang mit sich (auch liebende Güte genannt). Ähnlich zur Veränderung des inneren Kritikers im Zuge der kognitiven Therapie soll Mitgefühl gegenüber sich selbst erarbeitet werden. ­Anstatt den Schmerz als Problem zu lösen, was zur Stressreaktion mit Sympathikusaktivierung führen würde, sollen durch Akzeptanz und wohlwollenden Umgang mit sich selbst eine Parasympathikusaktivierung und die Ausschüttung von Opioiden und Oxytocin erreicht werden.

Gemeinsame Menschlichkeit: Mit dem Begriff ist die Annahme der menschlichen Lebensrealitäten („Fehler sind normal“, „In meinem Leben passieren Dinge, die wehtun und die ich nicht will“) gemeint. Es wird gelernt, dass Leid universell ist und den Einzelnen nicht unterscheidet. Dies nutzt teils Wirkfaktoren, die durch gemeinsamen Austausch und das Erleben von Verbundenheit etwa in einer Selbsthilfegruppe zum Tragen kommen können („Ich bin nicht allein damit“).

Achtsamkeit: Über Meditation wird eine metakognitive Perspektive geschult: Beobachten, Beschreiben und Wahrnehmen unterstützen u. a. einen entkatastrophisierenden Denkstil [3].

Ansatzpunkte bei Schmerz

Im Vordergrund steht, sich zu versorgen, weil man leidet. Es geht somit nicht um Leidvermeidung, ­lediglich um Vermeiden zusätzlichen Leides durch Selbstabwertung, Hadern, Angst und Wut. Im Gegensatz zu dem Ziel vieler Patienten und Patientinnen „Der Schmerz muss weg“ basiert das Konzept auf einer grundsätzlichen Akzeptanz von Leid und Problemen und fokussiert den Umgang damit. Es fördert somit akkommodatives Coping (Akzeptanz, Anpassung, Fokus auf andere Lebensziele trotz Schmerz) statt assimilativem Coping (Funktionieren, Schmerzkontrolle, -freiheit), welches mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Medikamentenübergebrauch bei Kopfschmerzerkrankungen assoziiert ist [4]. Bei ­Migräne, die oft mit Stigmatisierung einhergeht [5], kann Selbststigmatisierung durch Üben von Selbstmitgefühl über die Selbstfreundlichkeit direkt adressiert werden. Selbststigmatisierung trägt zu zusätzlicher psychischer Belastung, niedriger Adhärenz und Lebensqualität [6] bei und ist ein wichtiger Faktor in der Schmerzpsychotherapie bei Migräne.

Ein weiterer Vorteil des Ansatzes besteht darin, dass Betroffene die Fertigkeit selbst trainieren und Selbstmitgefühl sowie das einhergehende Gefühl von ­Sicherheit und Trost selbst erreichen können. Das Erleben von Selbstwirksamkeit in Abgrenzung zur erlebten Abhängigkeit von Behandlern/Eingriffen/Schmerzmitteln und der passiven Rolle als Patient ist vor allem bei Schmerzpatienten und -patientinnen relevant [7]. Selbstmitgefühl gilt als Resilienzfaktor in Krisen [8]. Im Umgang mit den wiederkehrenden oder anhaltenden Beschwerden ist die Resilienzsteigerung ein wichtiges Ziel, insbesondere da Resilienz kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal, sondern erlern- und entwickelbar ist [9].

Abgrenzung zu Selbstmitleid

Häufig wird Selbstmitgefühl mit Selbstmitleid gleichgesetzt. Dies ist nicht sinnvoll, da wesentliche Unterschiede nicht berücksichtigt werden: Während Selbstmitleid oft beinhaltet, dass egozentrisch und passiv um das eigene Leid gekreist wird, welches „besonders schlimm“ und „unfair“ erscheint, bedeutet Selbstmitgefühl ein achtsames Wahrnehmen des eigenen Leids („Mir geht es schlecht“) bei gleichzeitiger Sicht auf das Gesamtbild („Alle Menschen ­leiden irgendwann, ich bin einer davon, das ist ­weder fair noch unfair“) [10,11].

Angebote und Evidenz

Umsetzungen des Konzepts gibt es aktuell in Form der Compassion-Focused-Therapie und der Mindful- Self-Compassion als Gruppenprogramm [12,13]. Letzteres wurde in einer randomisiert kontrollierten Studie untersucht. Bei Patientinnen und Patienten mit chronischem Schmerz war Selbstmitgefühl einem klassisch kognitiv-behavioralen Programm hinsichtlich der Punkte Katastrophisieren, Angst, Schmerzakzeptanz und -interferenz sowie Selbstmitgefühl bei kleinen bis mittleren Effektstärken überlegen. Übersichtsarbeiten zeigen Hinweise auf positive Effekte, vor allem auf Schmerzakzeptanz und psychische Beeinträchtigung, auf, was angesichts der Gemeinsamkeiten zu etablierten Verfahren der dritten Welle (Acceptance and Commitment Therapy (ACT), Schematherapie) nachvollziehbar erscheint [14,15,16]. Sie stellen aber aufgrund der Heterogenität der vorhandenen Arbeiten weiteren Forschungsbedarf fest. Eine Integration in die schmerzpsychotherapeutische Arbeit kann bei Betroffenen mit emotionaler Beeinträchtigung und ­Akzeptanzproblemen sinnvoll sein und wird durch Ratgeber zum Thema unterstützt.

Selbstmitgefühl ist ein vielversprechender ­Ansatz in der multimodalen Behandlung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen und adressiert viele typische Pro­blemstellungen, mit denen chronische (Kopf-)Schmerzpatienten konfrontiert sind, es besteht jedoch weiterer Forschungsbedarf.

Die Autorin

Dipl.-Psych. Anna-Lena Guth
Psychologische Psychotherapeutin Verhaltenstherapie, Spezielle Schmerzpsychotherapie, Supervisorin
Kopfschmerzzentrum Frankfurt

a.guth@kopfschmerz-frankfurt.de

Die Autorin

M.Sc.Psych. Sabrina Schluckebier
Psychologische Psychotherapeutin

s.schluckebier@kopfschmerz-frankfurt.de

  1. Neff K, Arbor-Verlag 2021
  2. Neff KD, Self Identity 2003; 2: 85–102
  3. Torrijos-Zarcero M et al., Eur J Pain 2021; 25(4): 930–44
  4. Lauwerier E et al., Pain 2011; 152(6): 1334–9
  5. Goadsby PJ et al., Cephalalgia 2025; 45(9): 3331024251368251
  6. Buse DC et al., BMC Neurol 2024; 24(1): 232
  7. Schönbach B et al., Schmerz 2024; 38: 132–8. doi:10.1007/s00482-023-00728-3
  8. Joy GV et al., Nurs Open 2023; 10(7): 4404–12
  9. Werner EE, J Adolesc Health 1992; 13: 262–8. doi:10.1016/1054-139X(92)90157-7
  10. Neff KD, Annu Rev Psychol 2023; 74: 193–218
  11. Wolf C, Achtsamkeit und Selbstmitgefühl bei chronischen Schmerzen. Schattauer 2024
  12. Craig C et., Expert Rev Neurother 2020; 20(4): 385–400
  13. Neff KD, Germer CK, J Clin Psychol 2013; 69(1): 28–44. doi: 10.1002/jclp.21923
  14. Kılıç A et al., Behav Ther 2021; 52(3): 607–25
  15. Lanzaro C et al., Span J Psychol 2021; 24: e26
  16. Greff Ballejos K et al., Front Psychol 2023; 14:1270287
Weitere Artikel aus dieser Serie finden Sie hier

Bildnachweis: privat

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