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Allgemeinmedizin

Depression als Komorbidität

Tipps für die Therapieanpassung

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

3.2.2026

Zwischen Depressionen und chronischen körperlichen Erkrankungen bestehen ausgeprägte Wechselwirkungen. Viele chronisch Kranke leiden aufgrund der eingeschränkten Lebensqualität dauerhaft auch unter einer Depression und umgekehrt. Zusätzlich können Nebenwirkungen der Antidepressiva andere Krankheiten beeinflussen.

Personen mit Herzinsuffizienz, Diabetes, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung und neurologischen Erkrankungen leiden oft dauerhaft auch unter einer Depression und umgekehrt (Tab.). Insbesondere für Multimorbidität gibt es zunehmend Evidenz, dass ein bidirektionaler Zusammenhang vorliegt: Für Patienten und Patientinnen mit Multimorbidität ist das Risiko einer depressiven Erkrankung erhöht, ebenso ist für Patientinnen und Patienten mit einer depressiven Erkrankung das Risiko für Multimorbidität erhöht. Liegt bei Erkrankten mit depressiver Erkrankung Ko- oder Multimorbidität vor, kommt es zur [1]:

  • Verstärkung körperlicher Symptome,
  • schlechteren Anpassung an die Erkrankung,
  • reduzierten Behandlungsadhärenz,
  • Ausweitung psychosozialer Funktions- und Teilhabebeschränkungen.

Deshalb sollte insbesondere bei chronischer depressiver Erkrankung der Fokus der Behandlung an die jeweils führende Erkrankung angepasst werden.

Medikamentöse Therapie bei Depression

Zur Akutbehandlung von depressiven Störungen sind zahlreiche Antidepressiva in Deutschland zugelassen, Benzodiazepine und Z-Substanzen sollen nicht eingesetzt werden [1]. In der S3-Leitlinie/Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) „Unipolare Depression“ gibt es keine vorrangige Empfehlung für einen bestimmten Wirkstoff oder eine bestimmte Wirkstoffklasse. Es wird empfohlen, sich auf 2–3 Substanzen bzw. Substanzklassen zu beschränken und diese hinsichtlich Dosierung, Nebenwirkungsprofil und Anwendung gut zu kennen [1].

Die Behandlung mit Antidepressiva kann mit vielen unerwünschten Nebenwirkungen verbunden sein. Die meisten sind leicht und vorübergehend, aber in einigen Fällen können sie auch schwerwiegend und behindernd sein. In der Praxis besteht das Hauptproblem in der Adhärenz, wenn Betroffene unter erheblichen Nebenwirkungen leiden. Es gibt 4 Gruppen von häufigen Nebenwirkungen, die den Einsatz von Antidepressiva einschränken können: Sedierung, Gewichtszunahme, kardiovaskuläre Nebenwirkungen und sexuelle Dysfunktionen [1,2]. Die Adhärenz steigt, wenn relevante Nebenwirkungen durch eine passende Medikation minimiert werden.

Besondere Vorsicht bei Betagten

Besondere Aufmerksamkeit ist bei der Verordnung von Antidepressiva bei Personen in hohem Alter erforderlich: Aufgrund verschiedener Faktoren (relativ erhöhter Anteil an Fettgewebe bei reduzierter Muskelmasse und somit verlängerter systemischer Verweildauer, Verminderung des Plasmaproteingehalts, verzögerter Arzneimittelmetabolismus, erhöhtes Risiko von Interaktionen bei Polypharmakotherapie) ist bei diesen Menschen ein langsames Aufdosieren unter Monitoring relevanter Parameter (Nierenfunktion, Leberfunktion, kardialer Status) und eine möglichst niedrige wirksame Dosis anzustreben. Aufgrund erhöhter Empfindlichkeit bzgl. anticholinerger Nebenwirkungen (Neigung zu Verwirrtheit bzw. ­Delir) sind trizyklische Antidepressiva im Alter zu vermeiden und Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Mirtazapin oder Agomelatin zu bevorzugen.

Die klinischen Praxisleitlinien 2020 des Royal Aus­tralian and New Zealand College of Psychiatrists helfen, Nebenwirkungen durch Wahl der passenden Medikation zu minimieren (Abb.) [2].  

Johanniskraut bei leichter Depression

Als Erstlinientherapie werden oft Citalopram oder Escitalopram eingesetzt – Tagesdosis steigern auf 10 mg (Escitalopram) bzw. 20 mg (Citalopram). Bei signifikanten Schlafstörungen ist alternativ Mirtazapin abends empfehlenswert. Alternative dazu ist Trazodon. Bei leichten und mittelschweren Depressionen kann initial Johanniskraut erwogen werden [1]. Bei fehlender Response ist zunächst der Wechsel auf ein anderes Antidepressivum indiziert. Laut NVL soll man nur einmal wechseln, weil es sinnlos ist, bei Nichtansprechen nacheinander mehr als 2 Antidepressiva in Monotherapie auszuprobieren.

Bei einigen Antidepressiva bestehen in der Anfangsphase die depressiven Symptome weiter, jedoch steigt die Aktivität. Hier ist die Suizidprävention wichtig und eine engmaschige Kontrolle empfehlenswert. Der Leitlinie folgend sollten Antidepressiva mindestens 6–12 Monate über die Remission einer depressiven Episode hinaus eingenommen werden (Erhaltungstherapie), um das Rückfallrisiko zu verringern.

  1. BÄK, KBV, AWMF. S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Langfassung, Version 3.2 Juli 2023; AWMF-Reg.-Nr. nvl-005
  2. Malhi GS et al., Aust N Z J Psychiatry 2021; 55: 7–117

Bildnachweis: Pikovit44 (gettyimages)

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