Traumatische Erfahrungen im geburtshilflichen Kontext betreffen nicht ausschließlich Gebärende, sondern in erheblichem Ausmaß auch das betreuende Personal sowie Neugeborene. Diese Perspektive gewinnt zunehmend an Bedeutung innerhalb der psychosomatischen und perinatalen Medizin.
Bereits seit den 1990er-Jahren ist der Begriff der Hebammentrauer etabliert und beschreibt die emotionale Verarbeitung von Verlusten oder kritischen Geburtssituationen. Die hohe Inzidenz traumatisch erlebter Geburten im geburtshilflichen Team ist durch internationale Studien gut belegt; bis zu 96 % des Personals berichten im Verlauf ihrer Berufstätigkeit von mindestens einem als traumatisch empfundenen Ereignis. Diese Erfahrungen können zum sogenannten Second-Victim-Phänomen führen, bei dem das Gesundheitspersonal nach einem unerwünschten Ereignis selbst psychisch belastet ist. Die Folgen reichen von Burnout und posttraumatischen Belastungssymptomen bis hin zu Arbeitszeitreduktion, internen Versetzungen oder dem vollständigen Berufsausstieg. Gleichzeitig zeigen aktuelle Daten, dass ein erheblicher Anteil der Betroffenen auch ein posttraumatisches Wachstum erlebt, insbesondere in den Dimensionen persönliche Stärke und gesteigerte Wertschätzung des Lebens. Dies unterstreicht die Bedeutung strukturierter Unterstützungs- und Debriefing-Konzepte im klinischen Alltag.
Auch Säuglinge können peripartal traumatischen Belastungen ausgesetzt sein. Neuere neurobiologische und entwicklungspsychologische Erkenntnisse widerlegen die frühere Annahme, Neugeborene seien nicht traumatisierbar. Obwohl das explizite autobiografische Gedächtnis erst ab dem dritten bis vierten Lebensjahr ausreift, ist das implizite Gedächtnis – vermittelt über limbische Strukturen – bereits pränatal funktionsfähig. Frühkindliche Stress- und Schmerzerfahrungen können daher somatisch-emotional gespeichert werden. Mögliche traumatische Ereignisse umfassen Frühgeburtlichkeit, Notkaiserschnitt, invasive geburtshilfliche Interventionen, lebensbedrohliche Situationen für Mutter oder Kind, frühe Trennung sowie nicht adäquat gemanagte Schmerzen.
Klinisch können sich diese Belastungen in Regulationsstörungen, erhöhter Stressreaktivität, Schlaf- und Fütterproblemen oder erhöhter Herzfrequenz manifestieren. Zentrale protektive Faktoren sind eine sichere Bindung und eine feinfühlige, traumainformierte Betreuung. Sowohl für Geburtshelfende als auch für Säuglinge ist daher ein psychosomatisch fundierter, beziehungsorientierter Ansatz essenziell, um traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und langfristige Folgen zu minimieren.
Session „Psychosomatik“