Vom 27.–31. März 2026 fand in Denver das Jahrestreffen der American Academy of Dermatology statt. PD Dr. med. Ina Hadshiew (Köln) sprach dort mit Dr. med. Daniela Neumayer (Köln) über aktuelle Entwicklungen bei der Psoriasis und mit PD Dr. Georgios Kokolakis (Kreta/Griechenland) über Hidradenitis suppurativa.
Auf großen dermatologischen Kongressen zeigt sich derzeit ein klarer Trend: Chronisch-entzündliche Dermatosen werden zunehmend nicht mehr isoliert als Hautkrankheiten verstanden, sondern als systemische Erkrankungen mit erheblicher Langzeitlast. Besonders deutlich wurde dies in den Gesprächen zu Hydradenitis suppurativa (HS) und Psoriasis. Trotz unterschiedlicher Pathophysiologie verbindet beide Entitäten ein gemeinsames therapeutisches Leitmotiv: frühe, wirksame Entzündungskontrolle, um Krankheitsprogression, irreversible Gewebeschäden und Komorbiditäten möglichst zu verhindern.
Für die HS wurde vor allem die weiterhin enorme Krankheitslast hervorgehoben. Die Erkrankung betrifft häufig jüngere Patientinnen und Patienten in Lebensphasen, in denen Ausbildung, Partnerschaft, Sexualität, Familienplanung und berufliche Etablierung eine zentrale Rolle spielen. Gerade hier wirkt HS oft weit über die sichtbaren Hautveränderungen hinaus: Schmerz, Scham, Drainage, Geruchsentwicklung, wiederkehrende Flares und operative Eingriffe führen nicht selten zu einem ausgeprägten „cumulative life course impairment“. Hinzu kommt, dass die Diagnosestellung häufig erst Jahre nach Symptombeginn erfolgt. Diese diagnostische Verzögerung verschiebt den Therapiebeginn nach hinten – mit potenziell schwerwiegenden Folgen für den weiteren Krankheitsverlauf.

Das Window of Opportunity nutzen
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Konzept des „Window of Opportunity“ bei HS weiter an Bedeutung. Gemeint ist der Zeitraum, in dem die Erkrankung noch überwiegend inflammatorisch geprägt ist und irreversible strukturelle Schäden – insbesondere Narbenbildung und Tunnel/Fistelstrukturen – noch begrenzt sind. Wird in dieser Phase konsequent behandelt, scheint die Chance größer, Progression und Gewebedestruktion einzudämmen. Aus den Interviews spricht zugleich vorsichtiger Optimismus, dass moderne zielgerichtete Therapien möglicherweise sogar etablierte entzündliche Tunnelstrukturen zumindest teilweise rückbilden können. Besonders hervorgehoben wurden Langzeitdaten zu Bimekizumab, einem dualen IL-17A/IL-17F-Inhibitor: Danach blieben viele Patientinnen und Patienten über längere Zeit flarefrei, was im klinischen Alltag von hoher Relevanz ist, weil gerade Krankheitsschübe für Betroffene mit erheblicher Angst und erneuter Destabilisierung verbunden sind.
Ebenso klar wurde jedoch: Bei HS ist das „Entweder-oder“ zwischen Operation und Systemtherapie therapeutisch kaum zielführend. Für die Lebensqualität der Betroffenen scheint die Kombination beider Strategien besonders relevant zu sein. Topische Ansätze wurden dagegen eher als additive Maßnahmen mit begrenzter Reichweite eingeordnet.

Hochwirksame Therapien nicht aufsparen
Auch bei der Psoriasis stand weniger die Hautläsion an sich als vielmehr das Gesamtsystem „Psoriasis-Erkrankung“ im Fokus. Besonders betont wurden die enge Verzahnung mit Adipositas, metabolischem Syndrom und kardiovaskulären Risiken sowie die wechselseitige Verstärkung von systemischer Inflammation und metabolischer Dysregulation. Psoriasis wird konsequent als Erkrankung beschrieben, deren erfolgreiche Behandlung potenziell über die Haut hinausreicht. Diskutiert wurde dabei auch die mögliche Rolle von GLP-1-Rezeptoragonisten, nicht nur im Kontext der Gewichtsreduktion, sondern perspektivisch als Teil kombinierter Strategien bei entzündlicher Grunderkrankung und metabolischer Komorbidität. Die Signale werden als interessant beschrieben, auch wenn sich daraus noch kein fertiger Standard ableiten lässt.
Ein zweiter Schwerpunkt war bei der Psoriasis das Konzept der „Disease Modification“. Dahinter steht die Vorstellung, durch frühe und ausreichend potente Therapie nicht nur Symptome zu bessern, sondern die Krankheitsdynamik selbst günstig zu beeinflussen. Im Gespräch wurden Tissue-Resident-Memory-T-Zellen als möglicher Schlüsselmechanismus genannt, der erklärt, warum Läsionen bevorzugt an denselben Stellen rezidivieren und warum eine frühe Intervention immunologisch bedeutsam sein könnte. Die therapeutische Konsequenz lautet daher nicht mehr, hochwirksame Therapien möglichst lange „aufzusparen“, sondern früh adäquat zu intervenieren – „smart and early“, ggf. auch „hard and early“. Dazu passen auch verschärfte Therapiezieldefinitionen mit dem Anspruch auf minimale Krankheitsaktivität.
Besonders praxisrelevant ist in diesem Zusammenhang der Blick auf sensitive Areale. Genitalbefall, Kopfhaut, Nägel oder exponierte Regionen wie die Handrücken können eine überproportional hohe psychosoziale und funktionelle Belastung verursachen, selbst wenn die formal befallene Körperoberfläche begrenzt ist. Die Schwere der Psoriasis darf nicht allein über Prozentangaben der betroffenen Hautfläche definiert werden. Vielmehr rechtfertigen sensitive Lokalisationen und hohe individuelle Krankheitslast in vielen Fällen eine frühe systemische Therapieeskalation, einschließlich dem First-Line-Einsatz moderner Biologika.
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