Wir beobachten zunehmend, wie klimatische Veränderungen nicht nur die Häufigkeit, sondern auch das Erscheinungsbild, die Saisonalität und die Therapieantwort vieler Hauterkrankungen verändern. Dieser Beitrag gibt einen Überblick.
Neben intrinsischen Alterungsprozessen spielt die extrinsische Hautalterung eine zentrale Rolle in der Pathogenese zahlreicher Dermatosen. Global zunehmende Klimaveränderungen führen zu veränderten Expositionsprofilen und beeinflussen Prävalenz, Schweregrad und therapeutisches Ansprechen chronischer Hauterkrankungen.
Zu den Klima-assoziierten Faktoren gehören steigende Umgebungstemperaturen, veränderte Luftfeuchtigkeit, zunehmende Luftverschmutzung, veränderte UV-Exposition und extreme Wetterereignisse. Diese wirken sowohl direkt auf die Hautphysiologie (Barriereschädigung, oxidativer Stress, vaskuläre Reaktionen) als auch indirekt über ökologische Veränderungen (z. B. Verbreitung von Vektoren, Pflanzenpollen, Schimmelpilzen) und Verhaltensänderungen der Menschen (mehr Zeit im Freien, veränderte Kleidung, Migrationsbewegungen) [1].
Kernauswirkungen des Klimawandels
Zunahme von entzündlichen Dermatosen
Höhere Temperaturen und zunehmende Feuchtigkeit können Schübe entzündlicher Dermatosen begünstigen. Schwitzen und Reibung fördern die Entstehung von Barrieredefekten und bakterielles Wachstum (z. B. Staphylococcus aureus). Epidemiologische Studien zeigen Assoziationen zwischen Hitze-/Feuchtigkeitsindizes und steigender Versorgungsnachfrage bei Patientinnen und Patienten mit atopischem Ekzem [2,3]. Im Einzelnen sind pathophysiologische Veränderungen bei einer Reihe von Indikationen beschrieben:
Atopische Dermatitis: Die atopische Dermatitis (AD) ist durch eine genetisch determinierte Barrierestörung (Filaggrin-Mutationen) und eine Th2-dominierte Immunantwort charakterisiert. Klimatische Faktoren modulieren den Krankheitsverlauf signifikant.
Kalte, trockene Klimazonen sind mit erhöhter Prävalenz und Schwere der AD assoziiert. Studien zeigen eine inverse Korrelation zwischen Luftfeuchtigkeit und AD-Inzidenz. Warme, feuchte Klimata können hingegen durch Schweißretention und mikrobielle Dysbiose Exazerbationen induzieren [4].
Psoriasis: Die Psoriasis vulgaris zeigt saisonale Schwankungen mit typischer Besserung in den Sommermonaten (UV-induzierte Immunsuppression) und Verschlechterung im Winter. UV-Strahlung induziert die Apoptose aktivierter T-Zellen und hemmt die IL-23/Th17-Achse. Kälte, geringe Sonneneinstrahlung und niedrige Luftfeuchtigkeit sind mit erhöhter Krankheitsaktivität assoziiert [5].
Acne vulgaris: Akne zeigt eine komplexe Interaktion zwischen Seborrhoe, follikulärer Hyperkeratose, der Besiedlung der Haut mit Cutibacterium acnes und Inflammation. Hohe Temperaturen und Luftfeuchtigkeit erhöhen die Talgproduktion und fördern die follikuläre Okklusion [6]. In tropischen Regionen wird häufig die sogenannte „tropical acne“ beobachtet, gekennzeichnet durch monomorphe Papulopusteln und ausgeprägte Inflammation [7].
Rosazea: Rosazea-Exazerbationen werden durch vasodilatatorische Stimuli wie Hitze, Kälte, UV-Exposition und Wind getriggert. Klimatische Extreme führen zur neurovaskulären Dysregulation und verstärkten Expression proinflammatorischer Mediatoren (Cathelicidin LL-37, KLK5) [8].
Luftverschmutzung als Schlüsselmechanismus
Feinstaub (PM2.5/PM10), Ozon, Stickstoffoxide und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) dringen in die Haut ein oder erzeugen reaktive Sauerstoffspezies an der Hautoberfläche. Diese Mechanismen aktivieren Aryl-Hydrocarbon-Rezeptor(AhR)-Signalwege, fördern Entzündung, Pigmentstörungen (z. B. Melasma, postinflammatorische Hyperpigmentierung) und beschleunigen chronische Photo-/Chronoaging-Prozesse. Umfangreiche Übersichtsarbeiten belegen klare Zusammenhänge zwischen schlechter Luftqualität und höherer Inzidenz sowie der Exazerbation zahlreicher Hauterkrankungen [9].
UV-Exposition und Hautkrebs
Während die Ozonregeneration teilweise positive Effekte zeigt, führen Verhaltensänderungen (mehr Freizeitaktivitäten im Freien und/oder Arbeiten im Freien) und regionale Verschiebungen der UV-Intensität zu persistierenden bzw. steigenden Hautkrebsrisiken. WHO-Daten dokumentieren weiterhin hohe Inzidenzen für Basalzell- und Plattenepithelkarzinome sowie Melanome, die eng mit erhöhter UV-Exposition verknüpft sind. Die Prävention durch Sonnenschutz und Aufklärung sind daher zentral [10,11].
Infektiöse und Vektor-assoziierte Hauterkrankungen
Erwärmung und veränderte Niederschlagsmuster verschieben Habitatgrenzen von Zecken, Mücken und anderen Vektoren. Das kann das Auftreten von Borreliose-assoziierten Hautmanifestationen, Leishmaniose oder anderen Vektor-übertragenen Dermatosen in zuvor unbelasteten Regionen begünstigen [1].
Praktische Hautpflegeempfehlungen
Das Grundprinzip der Hautpflege lautet: Prävention durch Barriereschutz und individualisierte UV-Schutzstrategien, Reduktion exogener Trigger, adäquate Behandlung akuter Schübe.
Barrierestärkung als Basis: Tägliche, parfümfreie Emollients mit hohem Lipidgehalt (Ceramide, Cholesterol, Fettsäuren) zur Reduktion des transepidermalen Wasserverlusts sollten bei atopischer Haut insbesondere im Winter (mehrmals) täglich Anwendung finden – im Idealfall unmittelbar nach dem Duschen. Barrierereparative Präparate und eine regelhafte Hautpflege mit Emollients reduzieren den Bedarf an entzündungshemmenden Medikamenten langfristig [2]. Im Sommer, bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit sollten weniger fetthaltige, eher wässrige feuchtigkeitsspendende Pflegepräparate zum Einsatz kommen. Langes, heißes Duschen oder Baden sollte vermieden werden, da dies die Haut weiter austrocknen und die Barriere schwächen kann.
Sanfte Reinigung: Empfehlenswert sind pH-hautneutrale Reinigung, kurze lauwarme Duschen (kein heißes Wasser) sowie die Vermeidung von aggressiven Tensiden. Bei hoher Luftverschmutzung kann eine abendliche doppelte Reinigung (z. B. mildes Öl/Creme und sanfter Schaum) sinnvoll sein, um eine Partikelablagerungen und PAK gründlich zu entfernen.
Gezielter Schutz vor Luftschadstoffen: Topische Antioxidantien (Vitamin C, E, Niacinamid) können oxidativen Stress mildern; physikalische Filter (mikronisiertes Zinkoxid/Titaniumdioxid) reduzieren zusätzlich den Partikel-/Pollutions-Eintrag. Bei starken Smog-Episoden sind Barriereschutz (Cleansing und Emollient) und Innenraumluftfilter sinnvoll [9].
Sonnenschutz und UV-Vorsorge: Tagescremes mit Breitband-UV-Schutz (UV-A / UV-B), SPF ≥ 30, regelmäßiges Nachcremen, schützende Kleidung und Verhaltensregeln (Schatten, Mittagssonne meiden) sind empfohlen. Eine individuelle Beratung für Personen mit erhöhtem Hautkrebsrisiko oder immunmodulierenden Therapien ist obligatorisch [10].
Management bei hitze-/feuchtebedingten Problemen: Antitranspirantien, luftdurchlässige Kleidung, rasche Hautreinigung bei verstärktem Schwitzen, antiseptische Waschlotionen und bei Intertrigo/Pilzinfektionen eine frühe antimykotische Therapie sowie konsequente Trocknung der betroffenen Hautfalten sind empfohlen.
Forschungslage und offene Fragen
Die Literatur zeigt einen klaren Trend: Klima- und Umweltveränderungen sind relevant für dermatologische Prävalenzen und Krankheitsverläufe. Dennoch bleiben Wissenslücken: Langzeitkohorten, die multikausale Einflüsse (Temperatur × Luftverschmutzung × sozioökonomische Faktoren) gemeinsam berücksichtigen, fehlen noch – ebenso Daten zur Effektivität bestimmter Hautpflegeinterventionen unter realen Umweltbelastungen. Darüber hinaus ist die Rolle der Hautmikrobiota in der Reaktion auf Umweltstressoren ein vielversprechendes, jedoch noch nicht vollständig verstandenes Forschungsfeld [1,9].
FAZIT:
Wir müssen Patienten und Patientinnen nicht nur individualisiert behandeln, sondern auch umweltbezogen beraten. Präventive Maßnahmen (Sonnenschutz, Barrierestärkung, Luftschadstoffreduktion), frühzeitige Therapie bei Exazerbationen und eine intersektorale Zusammenarbeit (Gesundheitswesen, Umweltpolitik, Stadtplanung) sind essenziell. Dermatologinnen und Dermatologen sollten zudem an Bildungs- und Präventionsprogrammen mitwirken, um vulnerable Gruppen (z. B. Outdoor-Arbeitende, Obdachlose, ältere Menschen) zu schützen. Auf individueller Ebene ist die Kernbotschaft klar: Starke Hautbarriere, konsequenter Sonnenschutz, gezielte Antioxidantien und Anpassung an lokale Umweltbedingungen – das sind die Pfeiler moderner, klimaresilienter Hautpflege.
Bildnachweis: MiM Verlagsgesellschaft mbH;alvarez (gettyimages), privat