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Allgemeinedizin

Neuer Blickwinkel für Stabilität im Alltag

Cannabinoide in der Schmerzmedzin

PD Dr. med. Michael A. Überall

5.6.2026

Die Debatte über medizinisches Cannabis wird oft geführt, als ginge es nur um eine weitere Substanzklasse. Es steht jedoch mehr zur Disposition: das therapeutische Selbstverständnis in der Schmerzmedizin. Der Nutzen von Cannabinoiden in der Versorgung geht über die reine Schmerzreduktion hinaus. Der zweite Blick lohnt sich also.

Die moderne Schmerzmedizin ist geprägt von einer bemerkenswerten Diskrepanz zwischen therapeutischem Anspruch und klinischer Realität. Trotz eines breiten Spektrums an Analgetika gelingt es oft nicht, chronische Schmerzen nachhaltig zu kontrollieren. Es entsteht eine therapeutische Sackgasse, in der Wirkungsverlust, Nebenwirkungen und funktionelle Einschränkungen ineinandergreifen und sowohl Patientinnen und Patienten als auch Behandelnde an die Grenzen des Machbaren führen. Diese Entwicklung ist kein Ausdruck individueller Therapieversäumnisse, sondern verweist auf ein strukturelles Problem: Chronische Schmerzen entziehen sich einer linearen pharmakologischen Logik. Sie sind das ­Resultat eines komplexen Zusammenspiels neurobiologischer, immunologischer und psychosozialer Faktoren – und verlangen nach einem therapeutischen Ansatz, der genau diese Komplexität adressiert.

In diesem Kontext hat sich eine Therapieoption in den Vordergrund geschoben, die lange Zeit als randständig galt: cannabinoidhaltige Arzneimittel. Ihr Aufstieg verlief leise, fast unspektakulär. Doch darin liegt seine Bedeutung. Denn was sich abzeichnet, ist die Verschiebung eines therapeutischen Paradigmas.

Von der Ausnahme zur klinischen Praxis

Mit der gesetzlichen Neuregelung zu medizinischem Cannabis im Jahr 2017 wurde der Zugang in Deutschland grundlegend verändert, es kam in die reguläre Versorgung. Die gesetzlichen Krankenversicherungen wurden verpflichtet, die mit der Verordnung entstehenden Kosten zu übernehmen (bei Erfüllung der gesetzlichen Vorgaben und Rechtmäßigkeit der ärztlichen Verordnung). Dies hat die Verfügbarkeit erhöht und die klinische Erfahrung massiv erweitert. Es entwickelte sich eine Versorgungsrealität, die in vielen Bereichen der wissenschaftlichen Bewertung vorauslief. Cannabinoide wurden zunehmend dort eingesetzt, wo etablierte Therapien versagten oder nicht toleriert wurden, insbesondere bei chronischen Schmerzsyndromen.

Parallel dazu hat sich das Verständnis ihrer Wirkmechanismen weiterentwickelt. Das Endocannabinoidsystem wird heute als ein integratives Regulationssystem verstanden, das zentrale und periphere Prozesse der Schmerzverarbeitung moduliert und Funktionen wie Schlaf, Stressverarbeitung und emotional-affektive Regulation beeinflusst. Dies erklärt, warum die Wirkung cannabinoidhaltiger Arzneimittel oft über eine reine Schmerzreduktion hinausgeht und eine umfassendere Stabilisierung ermöglicht.

Wirkprinzip: Modulation statt Blockade

Während klassische Analgetika meist einzelne Signalwege adressieren und damit spezifische Komponenten der Schmerzverarbeitung blockieren oder dämpfen, greifen Cannabinoide in ein übergeordnetes Modulationssystem ein. Über CB1- und CB2-vermittelte Mechanismen beeinflussen sie neuronale und immunologische Prozesse, wirken damit gleichzeitig auf mehrere Ebenen der Schmerzgenese. Diese Multi­modalität ist pharmakologisch interessant und klinisch hoch relevant, da sie dem komplexen Charakter chronischer Schmerzen sehr viel näherkommt als die etablierten monokausalen Ansätze.

Somit wird klar, warum Patientinnen und Patienten bei cannabinoidbasierter Therapie oft nicht nur von Schmerzreduktion berichten, sondern auch von besserem Schlaf, besserer Stressverarbeitung und mehr Leistungsfähigkeit. Die Wirkung ist systemisch und betrifft viele unterschiedliche Krankheitsfaktoren – genau darin liegt ihr potenzieller Mehrwert.

Evidenz zwischen Heterogenität und Relevanz

Die wissenschaftliche Evidenz zu cannabinoidhaltigen Arzneimitteln ist noch heterogen, hat sich aber deutlich weiterentwickelt. Randomisierte kontrollierte Studien (RCT), systematische Reviews und Metaanalysen erlauben nun eine differenziertere Bewertung. Dennoch bleibt die Übertragbarkeit einzelner Ergebnisse begrenzt, da sich die geprüften Präparate in Zusammensetzung, ­Dosierung und Applikationsform teilweise stark unterscheiden. Konsekutiv können Ergebnisse zu einem Cannabinoid nicht einfach auf andere Cannabisprodukte übertragen werden.

Mit dieser Heterogenität wird häufig gegen eine breitere Anwendung argumentiert. Die Komplexität des Wirkprinzips sollte aber nicht dazu führen, die Therapie infrage zu stellen, sondern sie differenziert und indikationsbezogen einzusetzen. Studien und Versorgungsdaten belegen konsistent, dass cannabinoidhaltige Arzneimittel für bestimmte Gruppen von Patientinnen und Patienten eine klinisch relevante Option sind, besonders dann, wenn etablierte Therapien nicht wirksam genug sind. Aktuelle Leitlinien wie die der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) berücksichtigen dies, indem sie eine differenzierte, indikations- und präparatespezifische Bewertung vornehmen. Das führt teilweise zu vorsichtigeren Empfehlungsgraden, ohne aber das therapeutische Potenzial infrage zu stellen [1].

Umkehr des Entwicklungsparadigmas

Ein in der Tragweite wichtiger Aspekt bei der Entwicklung cannabinoidhaltiger Therapien liegt darin, wie sie in die Versorgung eingeführt wurden. Während klassische Arzneien einer streng linearen Entwicklung folgen – Phase-I-Studien zur Sicherheit, Phase II und III zur Dosisfindung und Wirksamkeit bis hin zum Nachweis von Nutzen/Zusatznutzen versus einer zweckmäßigen Vergleichstherapie –, wurde dies bei medizinischen Cannabisanwendungen in bemerkenswerter Weise umgekehrt.

2017 wurde eine Therapie verfügbar, ohne dass sie den kompletten Evidenz-Zyklus durchlaufen hatte. Sicherheit, Verträglichkeit und Effektivität wurden nicht primär kontrolliert validiert, sondern im realen Versorgungskontext. Damit verlagerte sich die entscheidende Bewertungsinstanz aus der RCT in den klinischen Alltag – mit Konsequenzen. Denn im Alltag existiert kein neutraler Vergleichsraum, sondern ein hoch kompetitives therapeutisches Umfeld. ­Cannabinoidhaltige Arzneien mussten sich nicht gegen Placebo behaupten, sondern gegen etablierte Therapien, oft nach deren Versagen, immer im Verum-Vergleich. Es handelte sich von Anfang an um einen impliziten Zusatznutzennachweis.

Patientenerfahrungen als Therapiebasis

Bemerkenswert ist, dass sich die Cannabinoidtherapie dennoch stetig verbreitet hat. Das ist kaum nur durch regulatorische Veränderungen zu erklären. Es deutet darauf hin, dass Patientinnen und Patienten den wahrgenommenen Nutzen bewertet und Therapieentscheidungen getroffen haben. Hier wurde eine Selektion wirksam, die weniger durch Studiendesigns, mehr durch Erfahrung gesteuert war.

Diese „Abstimmung mit den Füßen“ hat zur Etablierung cannabinoidhaltiger Therapien beigetragen, Anwendungsfelder erschlossen und therapeutische Hierarchien infrage gestellt. Besonders die gesetzlich intendierte Positionierung als „Therapie der letzten Wahl“ gerät so zunehmend unter Druck. Denn wenn eine Therapie im Versorgungsalltag wiederholt als überlegen oder zumindest gleichwertig (und regelhaft besser verträglich) erlebt wird, verschiebt sich ihre funktionale Einordnung – unabhängig von ihrer formalen regulatorischen Stellung.

Mehr noch: Im Alltag machen cannabinoidhaltige Therapien die Grenzen etablierter pharmakologischer Konzepte sichtbar. Sie legen offen, dass das, was arzneimittelrechtlich zugelassen und leitliniengerecht empfohlen ist, nicht zwangsläufig das am besten Wirksame oder Verträglichste ist, sondern das, was die formalen Anforderungen der aktuellen evidenzbasierten Arzneimittelbewertung erfüllt. Die resultierende Diskrepanz zwischen formaler Evidenz und erlebter Effizienz ist kein Randphänomen, sie berührt den Kern unseres therapeutischen Selbstverständnisses.

Hier schließt sich der Kreis zum ursprünglichen Konzept der evidenzbasierten Medizin. Diese war nie als rein studiengetriebenes Entscheidungsmodell gedacht, sondern als Integration von wissenschaftlicher Evidenz, klinischer Erfahrung und Werte sowie Präferenzen der Behandelten. In der Praxis ist diese Trias aber (besonders in Industrienationen des ­Westens) zugunsten einer primär formalisierten ­Evidenzhierarchie verschoben worden. Die Entwicklung cannabinoidhaltiger Therapien führt die Trias wieder zusammen: Die wissenschaftliche Evidenz bleibt relevant, wird durch reale Versorgungserfahrung ergänzt und durch die Entscheidung informierter Patientinnen und Patienten validiert.

Somit lässt sich die Entwicklung auch als Ausdruck eines gelebten Shared Decision Makings interpretieren. Behandelte entscheiden sich gemeinsam mit ihren Behandelnden für oder gegen eine Therapie auf Basis des individuell erlebten Nutzens, der ­Verträglichkeit und ihrer Lebensrealität. Cannabinoidhaltige Therapien werden zu einem Beispiel, wie evidenzbasierte Medizin im ursprünglichen Sinn funktionieren kann: als Entscheidungsprozess inmitten von Evidenz, Erfahrung und Präferenz.

Damit verschiebt sich die Perspektive. Die Frage ist nicht mehr, ob eine Therapie alle formalen ­Kriterien erfüllt, sondern ob sie im Alltag die ­individuelle Situation verbessert. Hier entsteht eine neue Evidenzform, die die Ur-Intention der evidenzbasierten Medizin wieder sichtbar macht. Zudem stellen sich neue Fragen: Reicht das klassi­sche, linear evidenzbasierte Entwicklungsmodell in allen Medizinbereichen noch aus? Oder muss es durch versorgungsnahe, adaptive Ansätze ergänzt und der faktisch erlebte Zusatznutzen im Alltag zum Primat von Wirksamkeitsbewertung und Effizienz werden?

Opioidsparing als strategischer Wendepunkt

Ein Effekt hat das Potenzial, die zukünftige Positionierung cannabinoidhaltiger Therapien zu verändern: die opioidsparende Wirkung [2]. In der Praxis zeigt sich wiederholt, dass mit Cannabinoiden eine deutliche Reduktion der Opioiddosis möglich ist, oft ein Absetzen. Bemerkenswert ist, dass diese Reduktion häufig nicht mit Wirkverlust einhergeht, sondern mit einer besseren Symptomkontrolle und weniger opioidtypischen Nebeneffekten. Diese zunächst im Versorgungsalltag dokumentierten Beobachtungen werden durch kontrollierte Studien gestützt: Cannabinoidbasierte Therapien sind bei bestimmten Indikationen, etwa chronischem ­Kreuzschmerz, Opioiden in ihrer Wirkung nicht nur ebenbürtig, sondern können wegen ihrer besseren Verträglichkeit überlegen sein [3]. Ist die traditionelle Einordnung im Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch zeitgemäß oder sollten Cannabinoide perspektivisch nicht früher im ­Therapiealgorithmus (z. B. vor Opioidanalgetika) eingesetzt werden [4,5]? Die Diskussion hat begonnen und dürfte Konsequenzen haben.

Überraschender Nutzen im Alter

Besondere Beachtung verdient der unerwartet hohe Nutzen bei älteren Patientinnen und Patienten [6]. Gerade hier sind klassische Analgetika häufig problematisch, da sie das Risiko für Nebenwirkungen, Interaktionen und funktionelle Einschränkungen steigern. Das Verhältnis von Wirksamkeit zu Verträglichkeit ist bei cannabinoidhaltigen Therapien oft ein günstigeres, etwa im Hinblick auf Schlafqualität, nächtlichen Schmerz und Stabilität. ­Diese Beobachtungen widersprechen der früher verbreiteten Zurückhaltung von Cannabinoiden bei Älteren und legen nahe, dass gerade diese Menschen in den Fokus rücken sollten. Der Wert cannabinoidhaltiger Therapien liegt nämlich auch in ihrem Beitrag zur umfassenden funktionellen ­Stabilisierung.

Kinder und Jugendliche im Fokus

Die Situation bei Kindern und Jugendlichen ist komplexer. Hier stehen potenzielle therapeutische ­Effekte im Konflikt mit entwicklungsneurologischen Risiken. Das Endocannabinoidsystem ist zentral bei der Hirnreifung, sodass exogene Cannabinoide – besonders Tetrahydrocannabinol (THC) – bereits in niedrigen Dosen und nach einmaliger Exposition die neuronale Entwicklung beeinflussen können.

Daher ist eine zurückhaltende Indikation zwingend. Ein pauschales Ausschlusskriterium lässt sich aber nicht ableiten. Die Anwendung erfordert hier eine besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung, die auch die Folgen eines Verzichts berücksichtigt. Gerade bei schwer beeinträchtigenden Schmerzsyndromen oder therapieresistenten Verläufen kann es Situationen geben, in denen cannabinoidbasierte Therapien relevant sind [7].

Entscheidend ist eine differenzierte Auswahl der Präparate, die strenge Indikationsstellung sowie eine engmaschige ärztliche Begleitung. Die Diskussion sollte sich weniger an ideologischen Grenzen orientieren als an der konkreten klinischen Situation und der Frage, welches Vorgehen dem individuellen Patientenwohl am ehesten entspricht.

Psychische Komorbidität: Risiko und Chance

Ein weiterer kritischer Bereich betrifft Patientinnen und Patienten mit psychiatrischer Komorbidität. Chronische Schmerzsyndrome gehen häufig mit einer komplexen Begleitsymptomatik einher, die depressive Verstimmungen, Angst- und Furchtzustände ­sowie stressassoziierte Störungen umfasst. Diese Konstellation ist nicht nur therapeutisch fordernd, sondern beeinflusst auch die Bewertung cannabinoidbasierter Therapien [8].

Besonders THC-haltige Präparate können bei entsprechender Vulnerabilität psychotische oder schizoaffektive Reaktionen auslösen oder verstärken. Dieses Risiko ist relevant und erfordert eine sorgfältige ­Anamnese und differenzierte Abschätzung. Aber eine pauschale Ablehnung greift auch hier zu kurz. Denn die häufigen affektiven und stressassoziierten Begleitsymptome chronischer Schmerzen können auch Ziel einer cannabinoidbasierten Therapie sein. Es eröffnet sich ein therapeutischer Spielraum, der aber gezielter Steuerung bedarf. ­Besonders Cannabidiol(CBD)-dominante oder balancierte Vollspektrumextrakte können eine Alternative sein, da sie ein anderes neuropsychopharmakologisches Profil und potenziell anxiolytische und stabilisierende Effekte haben. Entscheidend ist auch hier nicht das „Ob“, sondern das „Wie“.

Mit strukturierter Anwendung zum Erfolg

Der erfolgreiche Einsatz cannabinoidhaltiger Arzneimittel setzt ein strukturiertes therapeutisches Vorgehen voraus. In der Praxis sind standardisierte Vollspektrumextrakte in oral-transmukosaler oder oral-enteraler Applikation verlässlich in der Basistherapie. Je nach Situation kommen unterschiedliche Wirkprofile zum Einsatz, die von CBD-dominanten über balancierte bis hin zu THC-dominanten Präparaten reichen. Die Auswahl dient der Anpassung an individuelle Symptome und Therapieziele.

Bei akuten Schmerzexazerbationen kann die Inhalation standardisierter Extraktwirkstoffe sinnvoll sein, bevorzugt über moderne Vaporizer, die eine kontrollierte und reproduzierbare Aufnahme ermöglichen. Dieses Vorgehen verbindet die Vorteile stabiler Basis­wirkung mit der Flexibilität bedarfsgerechter Symptomkontrolle, es macht unstandardisierte Blüten­präparate medizinisch überflüssig.

Niedrige Dosis als therapeutisches Prinzip

Charakteristisch für die klinische Anwendung cannabinoidhaltiger Arzneimittel ist die Wirksamkeit vergleichsweise niedriger Dosierungen. In Studien ­wurden teilweise höhere Dosen untersucht. Im Versorgungsalltag können aber bereits moderate Mengen im Bereich von etwa 15 bis 25 mg THC und 20 bis 35 mg CBD pro Tag ausreichen, um relevante klinische Effekte zu erzielen [9]. Dies unterstreicht die Bedeutung einer schrittweisen, individuellen ­Titration und bestätigt das Prinzip „start low – go slow and keep low“ als zentrales Element.

Praktisch hat sich ein Vorgehen bewährt, bei dem initial mit einer niedrigen abendlichen Dosis eines oral-enteral applizierten balancierten Vollspektrum­extrakts begonnen wird (z. B. 0,5–1 mg THC/CBD 10/10). Die Dosissteigerung erfolgt dann langsam und in individuell angepassten Intervallen, typischerweise alle 3–5 Tage (zunächst durch Hinzufügen einer Dosis morgens, dann durch schrittweise Dosiseskalation) und unter Berücksichtigung von Wirksamkeit und Verträglichkeit.

Die effiziente Erhaltungsdosis ergibt sich nicht aus festen Zielwerten, sondern aus dem individuell erreichten Gleichgewicht zwischen Symptomkontrolle und Nebenwirkungsprofil. Dieses Gleichgewicht ist dynamisch und kann sich im Verlauf verändern, ­sodass regelmäßige Reevaluationen nötig sind. ­Allerdings liefern weder klinische Studien noch ­longitudinale Real-World-Analysen von Cannabinoiden in der Schmerztherapie Hinweise auf einen Wirkverlust im Sinne einer Dosishabituation und folgend nötigen Dosiseskalationen. Diese flexible, patientenzentrierte Dosierungsstrategie unterscheidet die cannabinoidbasierte Therapie grundlegend von vielen klassischen Pharmakotherapien und ist wesentlich für ihre gute Verträglichkeit im Alltag.

Sicherheit: Eine Frage der Einordnung

Cannabinoidhaltige Arzneimittel sind nicht frei von Nebenwirkungen, haben aber insgesamt ein günstiges Sicherheitsprofil. Die meisten unerwünschten Wirkungen sind dosisabhängig, mild und reversibel. Schwerwiegende organische Toxizitäten sind selten, und ein relevantes Risiko tödlicher Überdosierung besteht nicht. Daher mutet die in Teilen weiterhin zurückhaltende Bewertung weniger als durch aktuelle Evidenz begründet an, als vielmehr durch historisch gewachsene Vorbehalte geprägt.

Ein besonders sensibler Aspekt betrifft die Frage nach Abhängigkeit und Entzug. Gerade hier hat die jüngere klinische Forschung ein differenzierteres Bild gezeichnet, als es in der öffentlichen Wahrnehmung oft ankommt. In placebokontrollierten Doppelblind-Studien mit gezielten Entzugsphasen zeigten sich selbst mit hochkonzentrierten THC-dominanten Vollspektrumextrakten keine relevanten Unterschiede zwischen Verum und Placebo sowie keine klinisch bedeutsamen Entzugsphänomene [10]. Dies spricht dafür, die Bewertung cannabinoidbasierter Therapien stärker an realen klinischen Daten als an tradier­ten Annahmen auszurichten.

Die Sicherheitsdiskussion sollte differenzierter geführt werden. Nicht die prinzipielle Existenz von Risiken ist entscheidend, sondern deren tatsächliche klinische Relevanz im Vergleich zu etablierten Therapien. Gerade in der Schmerzmedizin, in der andere Analgetika mit erheblichen Nebenwirkungs- und Abhängigkeitsrisiken verbunden sein können, gewinnt diese Relativierung an Bedeutung.

FAZIT
Cannabinoidhaltige Arzneimittel haben sich in der Schmerzmedizin von einer Randerscheinung zur relevanten Therapieoption für viele Menschen entwickelt. Die Frage, ob sie im 21. Jahrhundert zur Standardtherapie bei Schmerz werden (können), greift zu kurz, weil sie voraussetzt, dass sich neue Therapien in bestehende Strukturen einordnen lassen. Das ist hier nicht der Fall. Cannabinoide folgen nicht der etablierten Logik linearer Stufenschemata. Sie verweisen auf ein anderes therapeutisches Verständnis, das Komplexität nicht reduziert, sondern integriert. Damit stehen sie für eine (Schmerz-)Medizin im Wandel, hin zu patientenzentrierten, kontextsensitiven Entscheidungen, die funktionelle Zusammenhänge und Bedürfnisse des Individuums in den Mittelpunkt stellen. Ihr Stellenwert wird sich daher weniger über Leitlinienempfehlungen definieren als über ihren praktischen Nutzen in der Versorgung. Nicht die Cannabinoide werden zum Standard, sondern die therapeutische Logik wird es, die ihrem individualisierten Einsatz zugrunde liegt.

Der Autor

PD Dr. med. Michael A. Überall
Privates Institut für Neurowissenschaften
DGS-Exzellenzzentrum für Versorgungsforschung, Nürnberg
Präsident Deutsche Schmerzliga (DSL) e. V.

michael.ueberall@ifnap.de

  1. https://www.dgschmerzmedizin.de/versorgung/dgs-praxisleitlinien/; aufgerufen am 30.03.2026
  2. Nielsen S et al., Neuropsychopharmacology 2022; 47(7): 1315–30
  3. Meissner W et al., Pain Ther 2025; 14(6): 1765–82
  4. World Health Organization. Cancer pain relief. 1986; 1 ed. Geneva: World Health Organization. ISBN 9241561009
  5. IASP Position Statement on the Use of Cannabinoids to Treat Pain. https://www.iasp-pain.org/publications/iasp-news/iasp-position-statement-on-the-use-of-cannabinoids-to-treat-pain/; aufgerufen am 30.03.2026
  6. Überall MA et al., J Pain Res 2026; 19: 551457
  7. Kelly LE, Paediatr Child Health 2024; 29(2): 104–21
  8. Hasin D et al., J Clin Med 2020; 10(1): 15
  9. Boehnke KF et al., Anesth Analg 2024; 138(1): 5–15
  10. Karst M et al., Nat Med 2025; 31(12): 4189–96

Bildnachweis: KI-Bearbeitung mit ChatGPT/OpenAI und finale Bearbeitung MiM Agentur; @ Nadine Stegemann

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