Gerbstoffe haben in der hausärztlichen Praxis seit Jahrzehnten einen festen Platz, waren aber zuletzt in Deutschland nicht mehr verfügbar. Tannocare® enthält den natürlichen Gerbstoff Tanninsäure und ist ein kosmetisches Hautpflegeprodukt. Verfügbar ist das Produkt als Badezusatz, Creme und Lotion.
Die historische Erfahrung mit Gerbstoffen ist eng mit synthetischen Gerbstoffen verbunden. Tannosynt® und Tannolact® waren zur unterstützenden Behandlung von Hauterkrankungen zugelassen, die mit Entzündung, Nässen und Juckreiz einhergehen [1,2]. Zu den Anwendungsgebieten gehörten akute entzündliche, nässende und juckende Dermatosen, besonders in Körperfalten sowie Anal- und Genitalregion, außerdem Windeldermatitis und übermäßige Schweißsekretion.
In den vergangenen Monaten waren diese tanninhaltigen Präparate nicht mehr verfügbar. Dadurch stehen bislang genutzte tanninhaltige Optionen für die hautpflegerische Anwendung bei Patientinnen sowie Patienten derzeit nicht mehr im gewohnten Umfang zur Verfügung [3]. MiM Pharma entwickelte eine Alternative auf Basis natürlicher Tanninsäure. Das neue Produkt Tannocare® enthält den natürlichen Gerbstoff und ist ein kosmetisches Hautpflegeprodukt [4].
Wirkmechanismus von Tanninsäure
Das zentrale pathophysiologische Merkmal vieler dermatologischer Erkrankungen ist die gestörte Barrierefunktion der Epidermis. Eine normale Hautbarrierefunktion ist entscheidend, um eine korrekte Hydration des Körpers aufrechtzuerhalten und das Eindringen noxischer Substanzen wie Toxine und Allergene zu blockieren [5]. Wenn die Hautbarriere gestört ist, treten Xerose, eine Veränderung des Hautmikrobioms durch Kolonisierung mit pathogenen Bakterien sowie Entzündungen auf.
Gerbstoffe wirken auf mehreren Ebenen auf diesen pathophysiologischen Prozess ein. Tannine sind polyphenolische Verbindungen mit ausgeprägter Fähigkeit, mit Proteinen zu interagieren. Diese Proteinbindung ist Grundlage der klassischen adstringierenden Wirkung. Bei den früheren synthetischen Gerbstoffpräparaten wurde sie als oberflächliche Verdichtung des Gewebes mit Entquellung, Austrocknung und Bildung eines schützenden Films beschrieben [1,2]. Eine dünne Schicht aus koaguliertem Eiweiß ist bei der Wundbehandlung in der Lage, den Flüssigkeitsverlust zu verringern [1]. Experimentell wurden eine Verminderung von Exsudation und Sekretion sowie antipruriginöse Effekte beschrieben [1,2]. Das erklärt die traditionelle Verwendung vor allem bei nässenden, intertriginösen und juckenden Hautzuständen.
Die adstringierende Eigenschaft des Gerbstoffs bedingt durch den Entzug an mikrobiell verwertbarem Substrat eine indirekte antibakterielle und antimykotische Wirkung. Auch nässende und intertriginöse Dermatosen, die bakteriell und mit Fadenpilzen, insbesondere aber mit Hefepilzen wie Candida albicans superinfiziert sind, sollen einer Therapie zugänglich sein [6].
Für natürliche Tanninsäure liegen eigenständige experimentelle Daten vor. Nakamura et al. untersuchten Tanninsäure in einem Mausmodell irritativ induzierter Hautentzündung und an rekonstruierter humaner Epidermis. Tanninsäure reduzierte die Penetration eines Markers durch das Stratum corneum.
Die Autorengruppe interpretierte dies als Barriereeffekt gegenüber externen Stimuli, darunter künstlicher Schweiß [7]. Eine aktuelle Übersicht zu Tanninen in der Dermokosmetik beschreibt Tanninsäure ebenfalls als funktionellen Inhaltsstoff mit adstringierenden und hautprotektiven Eigenschaften, auch wenn die klinische Evidenz für kosmetische Anwendungen noch überschaubar ist [8].
In der Summe ergeben sich adstringierende, gerbende und schorfbildende Eigenschaften – und damit eine plausible Rationale für tanninsäurehaltige Hautpflege, wenn Feuchtigkeit, Schweiß oder irritative Einflüsse die oberste Hautschicht belasten.
Indikationen für tanninhaltige Produkte
Die Indikationen, in denen tanninhaltige Präparate eingesetzt werden, umfassen ein breites Spektrum dermatologischer Erkrankungen. Die aktuelle S3-Leitlinie zur atopischen Dermatitis (AD) [9] räumt tanninhaltigen Pflegeprodukten grundsätzlich einen Platz innerhalb der Basistherapie ein: Emollienzien können als sogenannte „Emollienzien plus“ unter anderem mit Tannin angereichert werden [9]. Für natürliche Tanninsäure liegen zudem erste klinische Daten vor, die insbesondere auf eine mögliche Reduktion des Pruritus bei leichter bis mittelschwerer AD hinweisen [9]. Tanninhaltige Pflegeprodukte sind dabei als Ergänzung der konsequenten Basistherapie zu verstehen. Bei einem behandlungsbedürftigen entzündlichen Schub reichen sie nicht; dieser erfordert eine stadiengerechte antientzündliche Therapie.
Intertrigo ist eine weitere häufige Indikation für gerbstoffbasierte Therapien. Intertrigo entsteht bevorzugt in Hautfalten, in denen Wärme, Feuchtigkeit, Okklusion und Haut-auf-Haut-Reibung zusammenwirken. Die aufgeweichte Barriere wird mechanisch vulnerabler. Sekundäre bakterielle oder mykotische Infektionen können den Verlauf komplizieren. Eine aktuelle Übersichtsarbeit betont als Basismaßnahmen die Reduktion von Feuchtigkeit und Reibung sowie das Sauber- und Trockenhalten gefährdeter Areale [10].
Diaper-Dermatitis betrifft vor allem Säuglinge und kann bei Erwachsenen mit Inkontinenz auftreten. Die Exposition gegenüber Feuchtigkeit, Urin und Fäzes im Windelbereich begünstigt Hautirritationen und Entzündungen. Eine aktuelle systematische Übersicht mit Metaanalyse bestätigt die klinische Bedeutung topischer Barrierepräparate bei Windeldermatitis, zeigt aber zugleich, dass die Wirksamkeit von der jeweiligen Formulierung und dem Studiendesign abhängt [11]. Tanninsäure könnte aufgrund ihrer adstringierenden und oberflächenprotektiven Eigenschaften grundsätzlich in ein solches Pflegekonzept passen.
Personen mit Hyperhidrose können ebenfalls von adstringierenden Präparaten profitieren. Experimentell wurde für Tanninsäure ein Barriereeffekt gegenüber künstlichem Schweiß beschrieben [10]. Synthetische Gerbstoffe wurden aufgrund ihrer Adstringenz traditionell bei übermäßiger Schweißsekretion eingesetzt [1,2].
Eine pathologische Hyperhidrose ist hier klar abzugrenzen. Aktuelle Übersichten nennen in diesem Fall je nach Lokalisation und Schweregrad Antitranspirante, topische oder systemische Anticholinergika, Iontophorese, Botulinumtoxin und weitere Verfahren als etablierte Optionen [12]. Tannocare® kommt hier bei Betroffenen als ergänzende Pflege schweißbelasteter, zu Irritation neigender Haut infrage.
Drei Darreichungsformen – ein Pflegeprinzip
Tannocare® wird aus Tanninsäure in Ph. Eur. Qualität (Europäisches Arzneibuch/Pharmacopoea Europaea) hergestellt. Dieser offizielle, rechtlich verbindliche Qualitätsstandard legt strenge Grenzwerte für Reinheit, Identität, Gehalt und Prüfmethoden für z. B. Inhaltsstoffe in Europa fest.
Die Tannocare®-Produktlinie umfasst eine Creme mit 1 % natürlicher Tanninsäure, eine Lotio mit 1 % und ein flüssiges Badekonzentrat mit 40 %Tanninsäure [3]. Die unterschiedlichen Galeniken erlauben grundsätzlich eine Anpassung der Hautpflege an Lokalisation, Fläche und Hautzustand.
Weitere Informationen zu TANNOCARE® finden sie HIER
Impressum
Bericht I Redaktion I Konzept: Dr. rer. nat. Reinhard Merz
MiM Verlagsgesellschaft mbH (Neu-Isenburg)
Mit freundlicher Unterstützung der MiM Pharma GmbH (Neu-Isenburg)
Bildnachweis: MiM-Verlag, KI-generiert, privat