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Dermatologie

Reisemedizin

Beratung, Schutz und Nachsorge: Die optimale Begleitung bei Fernreisen

Yasmin Niederstenschee

26.8.2026

Dermatologische Erkrankungen zählen zu den häufigsten Folgen internationaler Reisen. Dennoch werden Dermatologinnen und Dermatologen selten in die Reisevorbereitung einbezogen, obwohl sie mit ihrer Expertise in Lichtschutz, Photosensibilisierung und tropischer Differenzialdiagnose die idealen Ansprechpartner sind.

Im Jahr 2024 unternahmen Reisende aus Deutschland 114 Millionen Auslandsreisen. Das ist laut dem Statistischen Bundesamt ein neuer Rekordwert [1]. Und immer öfter geht es dabei weit weg: Fernreiseziele, allen voran in Asien, liegen im Trend. Beide Entwicklungen erhöhen allerdings auch die Anforderungen an die reisemedizinische Beratung. Hautveränderungen sind bei Reiserückkehrern aus ­Industrieländern das dritthäufigste medizinische Problem nach Diarrhö und Atemwegsinfekten [2,3]. Die ­kutane Larva migrans, Insektenstichreaktionen, Hautabszesse und allergische ­Reaktionen machen dabei regelmäßig den Großteil der Befunde aus.

Dabei greift die klassische Rollenverteilung – die hausärztliche Praxis berät vor der Reise, die dermatologische behandelt danach – längst zu kurz. Wer über Kompetenz in Lichtschutz, Photosensibilisierung und ­Tropendermatosen verfügt, ist fachlich bestens geeignet, diesen Beratungsauftrag aus eigener Initiative zu übernehmen.

Sonnenschutz und Photodermatologie

Lichtschutzberatung nach Hauttyp, Reiseziel und UV-Index ist eine ureigene Domäne der Dermatologie. Für Tropenreisen gelten die Verwendungen von Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor (LSF) und konsequenter Kleidungsschutz als Mindeststandard. Zudem sollten Patientinnen sowie Patienten auf Tageszeiten mit starker Exposition (von 10 –16 Uhr) und das erhöhte Reflexionsrisiko durch Sand und Wasser hingewiesen werden [4]. Polymorphe Lichtdermatose oder Acne aestivalis (auch ­bekannt als Mallorca-Akne) können durch ­intensivere UV-Exposition auf Reisen erstmals auftreten oder sich verstärken.

Besondere Relevanz hat zudem die Photosensi­bilisierung durch verbreitete Reisepräparate. Doxycyclin als häufig verwendete Malariaprophylaxe, ­Fluorchinolone (wie Ciprofloxacin oder Norfloxacin) bei Reisediarrhö sowie das Diuretikum Hydrochlorothiazid erfordern aufgrund ihres phototoxischen Potenzials unter UV-A-Strahlung eine Anpassung des Lichtschutzes und eine gezielte Aufklärung des ­Patienten bzw. der Patientin [5]. Daneben können auch chronische ­Dermatosen durch veränderte Umwelt- und Klimabedingungen auf Reise beeinflusst werden. So kann Psoriasis zwar von intensiverer UV-Strahlung profitieren, unter Hitze und Klimastress aber auch ­getriggert werden [6]. Für Patientinnen und Patienten mit atopischem Ekzem oder Rosazea sind individuelle Empfehlungen zu Triggervermeidung, Hautpflege, UV-Schutz und der Mitführung notweniger Therapien innerhalb der Reisevorbereitung sinnvoll [7,8].

Psoriasis kann von UV-Strahlung profitieren, unter Hitze und Klimastress aber auch getriggert werden.

Insektenschutz und vektorielle Erkrankungen

DEET (N,N-Diethyl-3-methylbenzamid, ≥ 30 %) und Icaridin (≥ 20 %) sind die Repellentien der ersten Wahl mit vergleichbarer Schutzwirkung gegen Anopheles- und Aedes-Mücken. Icaridin gilt als hautverträglicher, geruchsärmer und schädigt keine Kunststoffe. Konzentrationen über 50 % DEET bieten keinen klinisch sinnvollen Mehrwert, da sie die Schutzdauer kaum noch verlängern, aber das Risiko für lokale Hautreizungen erhöhen [9]. Für Risikosituationen empfiehlt sich zusätzlich die Permethrin-Imprägnierung von Kleidung und Moskitonetzen. Auf der Haut darf Permethrin zur Repellent-Wirkung nicht aufgetragen werden [9].

Neben dem Individualschutz gewinnt die Kenntnis vektorieller Erkrankungen an Bedeutung. Dengue-Fieber erreichte weltweit Rekordwerte mit Millionen symptomatischen Infektionen jährlich. Die Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke (Aedes albopictus) nach Mitteleuropa macht Dengue und Chikungunya zunehmend auch im europäischen Umfeld relevant [10]. Dermatologinnen und Dermatologen sollten die klassische klinische Symptomkonstellation kennen, zu der hohes Fieber, makulopapulöses Exanthem sowie ausgeprägte Myalgien, Arthralgien und retroorbitale Kopfschmerzen gehören. Eine frühzeitige Abgrenzung von Arzneimittelexanthemen oder klassischen viralen Exanthemen sollte stattfinden [2]. Petechien treten vor allem beim schwereren ­hämorrhagischen Verlauf auf und gelten als Warnsymptom.

Über vektorielle Erkrankungen hinaus umfasst das dermatologische Spektrum bei Reiserückkehrern weitere klassische Tropendermatosen. Zu den häufigsten in deutschen Praxen gehören die kutane ­Larva migrans, die Tungiasis (Sandfloh-Befall) sowie die furunkuläre Myiasis (Fliegenmaden-Befall). Reisenden in Subsahara-Afrika (Endemiegebiet der Tumbu-Fliege, Cordylobia anthropophaga) wird empfohlen, frisch gewaschene, im Freien getrocknete Kleidung vor dem Anziehen heiß zu bügeln. Das schützt zuverlässig vor einer Infestation, da die ­Hitze die auf den Textilien abgelegten Eier abtötet [2].

Wunden, Infektionen und Hautpflege

Im tropischen Klima heilen selbst kleine Hautläsionen verzögert. Mazeration und veränderte Keimspektren begünstigen rasche bakterielle Super­infektionen. Neben Staphylococcus aureus und Streptokokken treten in tropischen Regionen vermehrt gramnegative Erreger sowie Methicillin-­resistente Stämme (CA-MRSA) auf [11]. Reisende sollten einfache Verletzungen sofort antiseptisch versorgen, steril abdecken und konsequent auf Barfußgehen verzichten, um auch dem Eindringen von Parasiten vorzubeugen [2].

Gegen die im tropischen Klima häufigen Beschwerden wie Hitzedermatitis (Miliaria) und Intertrigo helfen atmungsaktive Kleidung sowie topische, barriere­stabilisierende oder zinkhaltige Präparate [2]. Besondere Vorsicht gilt für immunsupprimierte Personen (z. B. unter Biologika-Therapie). Infektionen können bei ihnen atypisch oder schwerer verlaufen, weshalb eine spezialisierte Vorberatung an einem Tropeninstitut ratsam ist [2].

Impfberatung im dermatologischen Kontext

Die dermatologische Reiseberatung eignet sich auch zur Überprüfung des Impfstatus. Zu den reisedermatologisch relevanten Indikationen gehört die Dengue-Impfung (TAK-003, zugelassen ab 4 Jahren). Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt diese Lebendimpfung als Reiseimpfung derzeit nur für Personen mit anamnestisch labordiagnostisch gesicherter Dengue-Vorinfektion [12]. Eine Bestimmung des Serostatus vor der Impfung wird von der STIKO ausdrücklich nicht empfohlen. Da TAK-003 ein Lebendimpfstoff ist, besteht eine Kontraindikation bei angeborener oder erworbener Immundefizienz sowie unter immunsuppressiver Therapie [12,13].

Eine Hepatitis-B-Impfung (oft als Kombinationsaufklärung mit Hepatitis A) ist explizit für Reisende indiziert, die im Ausland invasive kosmetische Eingriffe wie Tätowierungen oder Piercings planen. Bei Outdoor-Aktivitäten mit potenzieller Tierexposition (vor allem Fledermäuse) in Endemiegebieten eignet sich zudem eine präexpositionelle Tollwutimpfung [13].

Neben S. aureus und Streptokokken treten in tropischen Regionen vermehrt gramnegative Erreger auf.

Reiserückkehreranamnese

Eine strukturierte Reiseanamnese bildet die Grundlage der dermatologischen Diagnose nach einer Fernreise. Neben dem genauen Reiseziel und der Dauer sollten Unterkunftstyp (Backpacker-Hostel vs. Resort), das Aktivitätsprofil (z. B. Trekking, Badeaufenthalt, Städtereise), Kontakt mit Süßwasser sowie der genaue Zeitpunkt des Auftretens der Hautveränderung erfragt werden [2]. Bestimmte Befundkonstellationen nach einer Tropenreise sollten Anlass zur raschen Weiterleitung an ein Tropeninstitut geben. Da Fehldiagnosen in der Praxis keine Seltenheit sind – etwa, wenn eine kutane Leishmaniose über Wochen oder Monate fälschlicherweise als Ekzem oder banale Wunde behandelt wird –, sollte bei therapieresistenten Hautveränderungen frühzeitig eine Biopsie zur histologischen Aufarbeitung und, soweit verfügbar, zur PCR-basierten Speziesidentifizierung erfolgen [2].

Dermatologinnen und Dermatologen können Reisende wirksam vor und nach Fernreisen beraten und so eine Lücke schließen, die in der hausärztlichen Versorgung häufig offen bleibt. Hierzu gehören individuell angepasster Lichtschutz, Photosensibilisierungscheck bei Dauermedikation, evidenzbasierte Insektenschutzberatung, frühzeitige Diagnose tropischer Dermatosen und klar definierte Überweisungskriterien. Der Klimawandel und die Ausbreitung vektorübertragener Erkrankungen werden diesen Beratungsbedarf in den nächsten Jahren wohl weiter erhöhen.

  1. Statistisches Bundesamt (Destatis). 11 % mehr Reisen im Jahr 2024 [Internet]. Verfügbar unter: www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_284_45.html
  2. Wanat KA, Norton SA. Post-Travel Dermatologic Conditions. In: CDC Yellow Book: Health Information for International Travel 2026 [Internet]. Verfügbar unter: www.cdc.gov/yellow-book/hcp/post-travel-evaluation/post-travel-dermatologic-conditions.html
  3. Shepard Z et al., Curr Trop Med Rep 2021; 8(2): 104–11
  4. S3-Leitlinie Prävention von Hautkrebs. AWMF-Reg.-Nr. 032/052OL, 2021
  5. Neumann NJ, Schauder J, Akt Dermatol 2018; 44: 44–8
  6. S3-Leitlinie Therapie der Psioriasis vulgaris. AWMF-Reg.-Nr. 013-001, 2025
  7. S3-Leitlinie Atopische Dermatitis (AD) [Neurodermitis; atopisches Ekzem]. AWMF-Reg.-Nr. 013-027, 2026
  8. S2k-Leitlinie Rosazea. AWMF-Reg.-Nr. 013-065, 2022
  9. Rothe C et al., Flug u Reisemed 2024; 31(4): 165–206
  10. Frank C, Lachmann R, Epidemiol Bull 2024; (29): 14–6
  11. Stevens DL et al., Clin Infect Dis 2014; 59(2): 147–59
  12. Kling K et al., Epid Bull 2023; 48: 3–43
  13. Rothe C et al., Flug u Reisemed 2025; 32: 68–98

Bildnachweis: Shendart (gettyimages)

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