Wenn ausschließlich die wirtschaftliche Sicherheit die Hauptmotivation für die berufliche Tätigkeit ist, findet man keine Befriedigung. Und macht häufig „Dienst nach Vorschrift“. Soziale Anerkennung steigert die Motivation erheblich. Ein Wir-Gefühl im Praxisteam sollte deshalb das Ziel einer jeden Gyn-Praxis sein.
Warum arbeiten wir? Nur um uns Nahrung und Unterkunft zu ermöglichen? Geld sichert unser Überleben. Doch wer ausschließlich für Geld arbeitet, bleibt unzufrieden. Der emotionale Druck steigt, Trägheit und Nachlässigkeit greifen um sich.
Die Motivation erwächst auch aus dem sozialen Status, die eine Tätigkeit mit sich bringen kann. Durch Arbeit finden Menschen ihren Platz in der Gesellschaft, in einem sozialen Umfeld, finden einen persönlichen Raum und entwickeln eine Identität. Das gilt auch für das Praxisteam.
Der Alltagston macht die Musik
Ein Wir-Gefühl im Praxisteam entsteht nicht von selbst. Es entsteht auch nicht durch Stellen- und Arbeitsplatzbeschreibungen, regelmäßige Team-Besprechungen und ein faires Gehalt allein. Distanziertheit, soziale Kälte und emotionale Entfremdung vermitteln Mitarbeitenden das Gefühl von „Dienstleistungserbringern“ gegen Bezahlung.
Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie gut es sich anfühlt, wenn uns Anerkennung und Achtung entgegengebracht werden, wenn wir positive Zuwendung, Lob und Dankbarkeit erfahren. Dennoch ist oft ein rauer und unfreundlicher Ton im Umgang mit Menschen erlebbar – leider zunehmend auch in Arztpraxen, Krankenhäusern und im Rettungswesen. Dabei braucht es keine Schulungen und dicken Bücher, um daran zu erinnern, dass alle – insbesondere die uns anvertrauten Patientinnen, aber auch alle, die am Praxiserfolg mitarbeiten – eine große Sehnsucht nach Geborgenheit und Sicherheit haben.
„Sei ein Mensch“ – dieser kurze Satz, den der Journalist Marcel Reif in seiner beeindruckenden Rede 2024 am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag zitierte, ist eine simple Botschaft und Aufforderung zugleich, menschlich und damit wertschätzend zu handeln.
Diese markanten Worte können als Werte-Haltung gerade im persönlichen Bereich im Umgang mit Menschen eine große Bedeutung haben.
Wenn daraus sogar eine – auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende – Unternehmenskultur in der Praxis etabliert wird, stärkt dies die Zufriedenheit von allen deutlich. Diese Zufriedenheit ist in einer stärkeren Identifikation mit dem Betrieb nach innen und außen wahrnehmbar. Denn ein wertschätzendes menschliches Klima ist immer spür- und erlebbar, auch für Patientinnen und sonstige Praxisbesucher wie Lieferanten, Pharmareferenten und andere Multiplikatoren. Gelebte Wertschätzung, Gefühle der Verbundenheit und des gegenseitigen Respekts sind auch z. B. in Telefonaten oder in Video-Calls deutlich hörbar, im Schriftverkehr sogar nachlesbar.
Wozu führt der Mangel an Zuwendung?
Viele Konflikte in Partnerschaften, Familien und in Teams bei der Arbeit werden durch mangelnde Beachtung und Anerkennung ausgelöst – durch „das Gefühl fehlender Wertschätzung“. Gerade im beruflichen Kontext kann die Praxisleitung durch ein rechtes Maß an Aufmerksamkeit, Wohlwollen und Verständnis jeden Einzelnen im Team stärken. Das Gleiche gilt auch für die Interaktion mit Patientinnen. Sie erwarten mit Recht eine hohe medizinische Fachkompetenz. Wirklich verstanden und angenommen werden die Frauen aber nur durch die berühmten großen drei Z:

Und gerade das kann das herausragende Qualitätsmerkmal einer Facharztpraxis sein, gerade auch im Umgang mit Privatpatientinnen. Wenn alle mitziehen! Der Impuls der erlebbaren Geborgenheit – konträr zur oft erlebten distanzierten Kühle und Geschäftigkeit im Gesundheitswesen – muss ein echtes Anliegen des gesamten Praxisteams sein. Patientinnen mit Wertschätzung zu begegnen vermag nur jemand mit gesundem Selbstwert. Wer selbst erlebt hat, wie stark aktives Zuhören, Gesehenwerden und verlässliche Beziehungen dazu beitragen, dass Menschen wachsen und sich entfalten können, ist fähig, anderen mit Respekt und Verständnis zu begegnen.
Darum ist die wesentliche Grundlage einer Wertschätzungskultur in der Praxis: die Wertschätzung auch selbst zu leben. Nicht nur mit den Patientinnen, sondern vor allem mit den Teammitgliedern. Kennen wir die Mitglieder des Praxisteams wirklich? Jeder Mensch trägt seine Geschichten in sich. Sie steuern sein Verhalten und seinen Einsatz. Nur echte Aufgeschlossenheit und ein gewisses Maß an Neugierde ermöglichen eine emotionale Öffnung. Interesse an dem hinter jedem Menschen stehenden Schicksal und den Besonderheiten jedes Charakters sowie ein intuitives Geschick sind „Baumeister“ für eine wertschätzende, menschliche Kommunikation.
Was braucht es, um in Beziehung zu bleiben?
Eine gute, wertschätzende Beziehung zu den Mitarbeitenden aufzubauen, bedeutet Einsatz und Engagement. Und immer wieder ein offenes Ohr für Probleme und Misstöne zu haben, gemeinsam immer kontinuierlich Arbeits- und Lebensfreude zu entwickeln und zu etablieren und einander Raum und Zeit für Gespräche zu geben.
1. Im Gespräch bleiben
Menschen verändern sich, auch die „Praxisperle“, die seit Jahren den Laden schmeißt. Regelmäßig den Dialog miteinander zu suchen, fällt allen viel leichter, wenn noch keine Krise oder Missstimmung da sind. Der persönliche Austausch miteinander (in kurzen Briefings, längeren Einzelgesprächen und klar terminierten und strukturierten Team-Meetings) sollten zur guten Gewohnheit und zur normalen Praxis-Routine gehören. Dazu gehört das Gespräch über Alltagsdinge ebenso wie der Austausch zu Arbeitsthemen. Das setzt Aufgeschlossenheit, Interesse und Vorurteilsfreiheit voraus. Klug ist es, Vorlieben, Hobbys, Geburtstage und Besonderheiten in der Familie in einer persönlichen Notiz oder Datei zu notieren. Daraus können kleine Gesten mit großer Wirkung entstehen. Denn wie so oft sind es die kleinen Dinge und die leisen Töne, die für Staunen, Freude und Zufriedenheit sorgen.
2. Auf die Bedürfnisse achten
Dem anderen Zeit zu schenken, schafft einen Resonanzraum zum Sprechen. Es wird spürbar, dass Wünsche und Bedürfnisse im geschützten Rahmen geäußert werden dürfen. Gesprächspartner sehnen sich manchmal nach ganz anderen Dingen als gedacht. Und oft braucht es etwas Bedenkzeit und viel Vertrauen, um sich zu öffnen. Welche Punkte sind dem anderen wichtig? Jede Biografie hat Besonderheiten. Achtsames Zuhören ermöglicht einen sensiblen und zarten Zugang zu Wünschen und damit ein mögliches Formulieren von Bedürfnissen: Sicherheit (z. B. Routinen), Nähe und Verbindung, Anerkennung, Entwicklung oder Abwechslung.
3. Die/Den anderen ertragen
Toleranz ist akzeptierendes Verständnis für andere Personen und Wesensarten. Als alter Ausdruck für Duldsamkeit erfordert Toleranz eine grundsätzlich großzügige, weitherzige und gelassene Haltung. Sie ist durch Übung dauerhaft möglich. „Toleranz besteht nicht darin, dass man die Ansicht eines anderen teilt, sondern nur darin, dem anderen das Recht einzuräumen, überhaupt anderer Ansicht zu sein“, formulierte der Psychotherapeut Viktor Frankl. Echte Toleranz setzt persönliche Stärke und eine fundierte eigene Wertewelt voraus. Sie hilft als wesentlicher Baustein zum friedlichen Mit- und Nebeneinander und ist die Vorbedingung von Freiheit, Humanität – und von Wertschätzung.
„Das Überleben der Menschheit hängt davon ab, ob sie die Empathie retten kann.“ Stephen Hawking
4. Für Wertschätzung sind beide verantwortlich
Jede Beziehung, auch eine berufliche, bedeutet Verantwortung. Wie im privaten Bereich sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer verantwortlich für das, was sie tun oder was sie lassen. Nicht klagen, sondern aktiv werden, heißt die Devise, und gegebenenfalls etwas verändern, wenn es erforderlich ist. Dazu gibt es die Instrumente der modernen Praxis- und Mitarbeiterführung, wie sie in der Regel im Qualitätsmanagement-Handbuch der Praxis fixiert sind.
Die berufliche Beziehungspflege sollte immer die gemeinsame Sorge umfassen, dass die wirtschaftlichen und die privaten Ziele möglichst erreicht werden. Solidarische Verantwortung ist eine Frage der persönlichen Haltung und liegt im Geben und Nehmen auf beiden Seiten. Von Seiten der Führungskraft in einer gelebten Lob- und Feedback-Kultur, von Seiten des Arbeitnehmenden im loyalen Verhalten zum Unternehmen und im fairen Umgang untereinander.
5. Gelungene Beziehungen sind keine Glückssache
Zufrieden und glücklich zu sein, ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung. Zumindest behaupten das einige Psychologen bzw. Psychologinnen und Autorinnen bzw. Autoren. Man könnte auch sagen: Eine gelingende Beziehung – beruflich wie privat – ist etwas, das beiden Beteiligten gleichermaßen wichtig ist. Es sollte auch eine Art Schutzraum sein, in dem soziale Interaktion stattfinden kann und der nicht auseinanderbricht, wenn schwierige Phasen zu bewältigen sind. Weil es gegenseitigen Respekt gibt und eine wertschätzende Grundhaltung.

Wertschätzung äußert sich als stille Kraft im Sinne von „Excellence in Menschlichkeit“ in kleinen Gesten, wertschätzenden Signalen, in anerkennenden Worten und in respektvoller Kommunikation. Sie drückt Dankbarkeit aus, erkennt Bedürfnisse und lässt eine offene Fehlerkultur zu.
Die Wertschätzung ist auch ein wichtiger Faktor im Zusammenleben- und -arbeiten in der Praxis und äußert sich als positive Wertschätzung einer Person. Alle Menschen sollten ohne Vorurteile, Klischees oder Annahmen angehört und angenommen werden. Gelebte Wertschätzung ist die wichtigste Voraussetzung für die Entwicklung einer Vertrauensbasis. Und unverzichtbar für die erfolgreiche Zukunftsstrategie des Unternehmens Arztpraxis.

Die Autorin
Theresia Wölker
Beraterin und Fachreferentin im Gesundheitswesen
(Schwerpunkte QM, Kommunikation, Stressbewältigung und Resilienz)
Bildnachweis: privat