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Sättigungsgefähl

Warum Essensreize das Gehirn nicht loslassen

13.5.2026

Eigentlich müsste nach einer ausreichenden Mahlzeit Ruhe einkehren im System der Nahrungsaufnahme. Hunger gestillt, Belohnung erreicht, Reiz erledigt. Doch so einfach funktioniert es offenbar nicht. Eine experimentelle EEG-Studie aus Großbritannien zeigt, dass das Gehirn auf appetitliche Essensreize weiterhin reagiert – selbst dann, wenn subjektiv längst Sättigung eingetreten ist.

Untersucht wurden 76 gesunde Probanden in einem belohnungsbasierten Lernparadigma. Während einer Entscheidungsaufgabe erhielten sie wiederholt Lebensmittelbilder als „Belohnung“. Zur Hälfte des Experiments wurden die Teilnehmenden mit einem dieser Lebensmittel bis zur Sättigung versorgt. Die erwartbare Folge: Die Attraktivität genau dieses Lebensmittels sank deutlich, ebenso die Bereitschaft, es im weiteren Verlauf aktiv anzustreben.

Auf neuronaler Ebene zeigte sich jedoch ein anderes Bild. Die ereigniskorrelierten Potentiale, insbesondere im Bereich früher belohnungsassoziierter Signale, reagierten weiterhin unverändert auf die entsprechenden Nahrungsreize. Mit anderen Worten: Was subjektiv und im Verhalten bereits „entwertet“ war, blieb für das Gehirn zunächst weiterhin belohnungsrelevant.

Diese Diskrepanz ist bemerkenswert. Sie deutet darauf hin, dass frühe neuronale Bewertungsprozesse offenbar nicht ohne Weiteres an den aktuellen physiologischen Zustand angepasst werden. Stattdessen scheinen sie stärker durch gelernte Reiz-Reaktions-Verknüpfungen geprägt zu sein – also durch das, was man im Alltag als Gewohnheit oder Konditionierung beschreiben würde.

Perspektivwechsel als Lösung

Ganz neu ist die Idee nicht: Essverhalten wird seit Langem nicht nur als homöostatisch gesteuert verstanden, sondern auch als stark durch externe Reize beeinflusst. Die vorliegenden Daten liefern nun eine neurophysiologische Ergänzung dazu. Sie zeigen, dass diese Reizverarbeitung zeitlich sehr früh ansetzt – und sich der bewussten Kontrolle zumindest initial entzieht.

Allerdings bleibt Zurückhaltung geboten. Die Studie wurde an jungen, gesunden Probanden unter experimentellen Bedingungen durchgeführt. Zudem handelt es sich bei der beobachteten „Devaluations-Insensitivität“ um einen Nullbefund, dessen Interpretation methodisch nicht trivial ist. Ob und in welchem Ausmaß sich daraus Rückschlüsse auf klinisch relevante Essstörungen oder Adipositas ziehen lassen, bleibt offen.

Die eigentliche Pointe liegt daher weniger in einer direkten therapeutischen Konsequenz als in einem Perspektivwechsel: Wenn Essensreize auch im Zustand der Sättigung weiterhin als belohnend kodiert werden, erklärt sich zumindest ein Teil des Phänomens „Essen ohne Hunger“ nicht aus mangelnder Disziplin, sondern aus der Persistenz gelernter neuronaler Muster. Das macht das Weglegen des sprichwörtlichen Kekses nicht einfacher, aber vielleicht verständlicher.

Sambrook TD et al.: Devaluation insensitivity of event related potentials associated with food cues. Appetite. 2026 Mar 1;218:108390 (DOI 10.1016/j.appet.2025.108390. Epub 2025 Nov 20).

* Pressemitteilung: „Science reveals why you can’t resist a snack - even when you’re full“. EurekAlert!, American Association for the Advancement of Science (AAAS), Washington, 28.2.2026 (https://www.eurekalert.org/news-releases/1117968).

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