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Online-Videos und KI-Chatbots

Neue Risikokonstellationen in der Jugendsprechstunde

19.6.2026

Die aktuelle DAK-Mediensuchtstudie 2025/2026 zeigt, dass problematische Nutzungsmuster digitaler Medien bei 10- bis 17-Jährigen trotz leicht sinkender Screenzeiten auf hohem Niveau verharren. Während riskantes Gaming eher rückläufig ist, verschiebt sich der Schwerpunkt hin zu Social Media und Online-Videos: Mehr als jede bzw. jeder Fünfte erfüllt inzwischen Kriterien einer riskanten Nutzung von Online-Videos, weitere 4 % einer pathologischen Nutzung – hochgerechnet über 1,3 Millionen Betroffene. Die zugrunde liegenden Kriterien orientieren sich an den ICD-11-Kriterien der Computerspielstörung und markieren jenseits bloßer „Vielnutzung“ klinisch relevante Muster.

Für die Praxis ist weniger die einzelne Plattform entscheidend als das Zusammenspiel aus hoher Nutzungszeit, plattformseitigem Verstärkungsdesign (endloses Scrollen, Autoplay, algorithmische Empfehlungssysteme) und individueller Vulnerabilität. Social Media und Online-Videos erreichen bei riskanter Nutzung inzwischen vergleichbare Prävalenzen; 7,2 % der Jugendlichen zeigen problematische Muster in allen drei Bereichen (Gaming, Social Media, Videos). Auffällig ist zudem, dass elterliche Schutzmaßnahmen – Zeit- und Inhaltsregeln, Gespräche, Aufklärung über Online-Risiken – mit zunehmendem Alter deutlich abnehmen, während die Prävalenzen problematischer Nutzung gerade im Jugendalter hoch bleiben.

Wenn der Chatbot zur Vertrauensperson wird

Neu im Fokus der Studie sind generative KI-Chatbots. Rund 39 % der Kinder und Jugendlichen nutzen diese mindestens wöchentlich, vor allem für Schule und Informationssuche, aber auch mit sozial-emotionaler Funktion. Etwa jede bzw. jeder Zehnte berichtet, dem Chatbot Dinge anzuvertrauen, die sonst niemandem oder nur engen Bezugspersonen mitgeteilt würden; ähnlich viele nutzen Chatbots zur Regulation negativer Gefühle oder bei Einsamkeit. Parallel zeigen sich Zusammenhänge zwischen stärkerem Bindungsverhalten an Chatbots und erhöhten Depressions-, Angst- und Stresswerten. Kausalitäten lassen sich daraus nicht ableiten, der Befund weist jedoch auf eine Risikokonstellation hin, in der KI-Systeme als niedrigschwellige, jedoch unregulierte „Ansprechpersonen“ fungieren.

Für Hausärztinnen sowie Kinder- und Jugendmediziner legt der Bericht nahe, die Medienanamnese systematisch zu erweitern: weg von einer primären Fokussierung auf Gaming hin zu videobasierten Plattformen, Social Media und neuen Interaktionsformen wie KI-Chatbots – insbesondere als mögliche Kompensationsstrategien bei psychosozialer Belastung.

Zusatzinfo: Mediennutzung in der Praxis gezielt ansprechen

  • nicht nur nach Gaming fragen: Online-Videos und Social Media gezielt explorieren („Wie viel Zeit verbringst du täglich mit Videos/Feeds?“)
  • Funktionsfrage stellen: Nutzungsmotive klären („Wofür nutzt du das – Unterhaltung, Ablenkung, Kontakt?“)
  • Warnsignale erkennen: Kontrollverlust, Schlafmangel, Leistungsabfall, sozialer Rückzug aktiv erfragen
  • KI-Chatbots einbeziehen: Nach Nutzung und Funktion fragen („Sprichst du mit Chatbots auch über persönliche Dinge?“)
  • Eltern einbinden: Altersabhängigen Rückgang von Regeln thematisieren, zu klaren, realistischen Vereinbarungen beraten
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