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Neurologie

Wo Tics entstehen

17.5.2022

Ein neuronales Netzwerk, das für die Entstehung von Tics verantwortlich ist, haben Forscher der Charité-Universitätsmedizin Berlin entdeckt. Ihr Fund könnte die Grundlage für eine bessere Therapie von schweren Tic-Störungen legen.

Wie bekannt sind Tics kurze Bewegungen oder Lautäußerungen, die oft in rascher Abfolge und ohne ersichtlichen Bezug zur aktuellen Situation wiederholt werden. Oft geht die Krankheit in Kombination mit anderen Erkrankungen wie Angst- und Zwangsstörungen, ADHS oder Depressionen einher. Das Tourette-Syndrom ist eine der bekanntesten Tic-Störungen. Laut Schätzungen sind bis zu vier Prozent aller Kinder betroffen. Oft schwächen sich die Symptome im Erwachsenenalter ab.

Darüber, wie Tics entstehen, ist wenig bekannt. „In den vergangenen Jahren hat die neurologische Forschung verschiedene Bereiche des Gehirns identifiziert, die für Tics eine Rolle spielen“, sagt Dr. Andreas Horn, Leiter einer Emmy Noether-Nachwuchsgruppe zu netzwerkbasierter Hirnstimulation. „Unklar blieb jedoch: Welche dieser Hirnareale lösen die Tics aus? Welche sind stattdessen aktiv, um fehlerhafte Prozesse zu kompensieren? Wir konnten jetzt zeigen, dass es nicht eine einzelne Hirnregion ist, die die Verhaltensstörung verursacht. Tics sind stattdessen auf Fehlfunktionen in einem Netzwerk verschiedener Areale im Gehirn zurückzuführen.“

Netzwerk identifiziert

Für die Studie fanden die Forschenden in der Literatur 22 Patienten, deren Tic-Störung durch eine Schädigung der Hirnsubstanz (Schlaganfall oder Unfall) erworben wurde. Die Tics wurden folglich eindeutig durch das verletzte Hirnareal ausgelöst. Die Forschenden kartierten im Detail, wo sich die Verletzung der Hirnsubstanz befand und mit welchen anderen Hirnbereichen dieser Ort normalerweise über Nervenfasern verbunden ist.

Ergebnis: Die Hirnschädigungen waren trotz unterschiedlicher Lokalisation nahezu alle Teil eines zusammenhängenden Nervengeflechts. Dieses Netzwerk umfasst verschiedene Bereiche des Gehirns, nämlich die Inselrinde (Cortex insularis), die Gürtelwindung (Gyrus cinguli), das Striatum, den Globus pallidus internus, den Thalamus sowie das Kleinhirn. „Diese Strukturen sind praktisch über das gesamte Gehirn verteilt und haben unterschiedlichste Funktionen, von der Steuerung der Motorik bis zur Verarbeitung von Emotionen. Sie alle wurden in der Vergangenheit bereits als mögliche Auslöser für Tics diskutiert, ein eindeutiger Beweis ist jedoch bisher nicht gelungen und auch ein direkter Zusammenhang zwischen diesen Strukturen war nicht bekannt. Jetzt wissen wir, dass diese Hirnbereiche ein Netzwerk bilden und tatsächlich die Ursache für Tic-Störungen sein können“, sagt Bassam Al-Fatly von der Charité Berlin.

Die Forschenden verglichen ihre Funde mit den Analysen von 30 Patienten mit Tourette-Syndrom, denen ein Hirnschrittmacher mit unterschiedlich platzierten Elektroden implantiert worden war. Es zeigte sich, dass die Symptome der Betroffenen umso stärker zurückgingen, je präziser die Elektroden das Tic-Netzwerk stimulieren. Menschen mit schweren Tic-Störungen profitieren offenbar am meisten, wenn die tiefe Hirnstimulation auf das Tic-Netzwerk abzielt, schließen die Autoren der Studie.

Pressemitteilung Charité, Januar 2022
Ganos C et al.: Brain (2022), doi: 10.1093/brain/awac009

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