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Gesundheitssystem

Problematische Dauerverordnungen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln

18.10.2023

Der Anteil der Pflegebedürftigen im Heim, die 2021 eine problematische Dauerverordnung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln erhielt, lag im Viertel der Regionen mit den besten Ergebnissen bei maximal 4,7%, während im Viertel der Regionen mit den schlechtesten Ergebnissen mindestens 9,9% der Bewohner betroffen waren. Das zeigte eine Auswertung der Abrechnungsdaten von Pflege- und Krankenkassen für den „Pflege-Report 2023“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO). In den westlichen Bundesländern kommen die Dauerverordnungen laut der Analyse deutlich häufiger vor als im Osten.

Problematische Dauerverordnungen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln in Heimen finden sich unter anderem im gesamten Saarland sowie in Nordrhein-Westfalen, wo 45 der 53 Kreise und kreisfreien Städte auffällige Ergebnisse aufweisen. „Eigentlich sollten pflegebedürftige Menschen maximal vier Wochen mit den untersuchten Schlaf- und Beruhigungsmitteln behandelt werden. Denn bei Dauereinnahme drohen unter anderem Abhängigkeit, erhöhte Sturzgefahr und die Entstehung von Angstgefühlen, Depressionen und Aggressionen“, betont Dr. Antje Schwinger, Forschungsbereichsleiterin Pflege beim WIdO. „Die Auswertung der Verordnungsdaten bestätigt den Befund zahlreicher Studien, dass hier ein ernsthaftes Versorgungsproblem besteht, das regional sehr unterschiedlich ausgeprägt ist.“

Große Spanne bei Klinikeinweisungen von Demenzkranken wegen Dehydration

Als Schwerpunkte an der Schnittstelle zwischen Pflege und Gesundheitsversorgung wurden für den Report 10 Themen analysiert: unzureichende Flüssigkeitszufuhr bei Demenz, Auftreten von Dekubitus, fehlende augenärztliche Vorsorge bei Diabetes, Dauerverordnung von Antipsychotika bei Demenz, Dauerverordnung von Beruhigungs- und Schlafmitteln, Kombination von neun oder mehr Wirkstoffen, Einsatz von für Ältere ungeeigneter Medikation, Krankenhausaufenthalte am Lebensende, kurze Krankenhausaufenthalte und sturzbedingte Krankenhausaufenthalte. Deutliche regionale Unterschiede zeigten sich neben der Dauerverordnung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln auch den bei neun weiteren analysierten Themen: So hatten laut der Auswertung im bundesweiten Durchschnitt knapp 4% aller an Demenz erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen 2021 einen Krankenhausaufenthalt, der durch unzureichende Flüssigkeitszufuhr verursacht war. In den 20 Kreisen mit den auffälligsten Werten (95%-Perzentil) waren es dagegen zwischen 7,5% und 12,5% der Pflegeheimbewohnenden mit Demenz. Auffällige Kreise finden sich in Bayern, vor allem an der deutsch-tschechischen Grenze, in Niedersachsen, im Süden von Rheinland-Pfalz sowie in Nordrhein-Westfalen.

„Der „Qualitätsatlas Pflege“ macht derartige Informationen zu Problemen an der Schnittstelle zwischen Pflege und Gesundheitsversorgung erstmals kleinräumig sichtbar“, sagt Schwinger. Das neue Portal www.qualitaetsatlas-pflege.de biete den Kranken- und Pflegekassen, aber auch den Verantwortlichen in den Regionen ab sofort die Chance, regionale Auffälligkeiten zu erkennen und gezielt anzugehen.

Es gibt auch positive Veränderungen, wenn die Zeitreihen 2017-2021 betrachtet werden: „Hier zeigen sich durchaus positive Entwicklungen - zum Beispiel bei den vielfach unnötigen Krankenhaus-Aufenthalten von Pflegeheim-Bewohnerinnen und -Bewohnern am Lebensende“, berichtet Pflege-Expertin Schwinger. So sank der Anteil der Menschen, die in ihren letzten 30 Lebenstagen einen Krankenhausaufenthalt hatten, von bundesweit 47% im Jahr 2017 auf 42% im Jahr 2021. Auch bei diesem Thema gab es große regionale Unterschiede, die im Zeitverlauf bestehen blieben. Spitzenreiter bei den Krankenhauseinweisungen am Lebensende ist das Saarland mit einem Anteil von 49,5% im Jahr 2021 (2017: 55%), am anderen Ende der Skala liegt Sachsen mit 36% (2017: 43%).

Hintergrund: Die WIdO-Analysen für den Pflege-Report beruhen auf den Abrechnungsdaten der elf AOKs, die rund ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland versichern. Dabei wurden die Daten aus der Kranken- und aus der Pflegeversicherung einbezogen und miteinander verknüpft. Insgesamt sind die Daten von rund 350.000 Pflegeheim-Bewohnerinnen und -Bewohnern ab 60 Jahren eingeflossen. Das entspricht rund der Hälfte aller stationär versorgten Pflegebedürftigen in Deutschland.

Das WIdO hat die Ergebnisse seiner Auswertungen zu insgesamt zehn untersuchten Versorgungsthemen im Online-Portal „Qualitätsatlas Pflege“ (www.qualitaetsatlas-pflege.de) veröffentlicht.

„Pflege-Report: Große regionale Unterschiede bei Versorgungsqualität von Menschen im Pflegeheim“. AOK-Bundesverband, Berlin, 19.9.2023 (https://www.aok-bv.de/presse/pressemitteilungen/2023/index_26580.html).
* Schwinger A et al.:  Pflege-Report 2023 - Versorgungsqualität von Langzeitgepflegten. Springer Verlag, Berlin, 2023 (DOI 10.1007/978-3-662-67669-1).

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