Neue Forschungsergebnisse der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) zeigen, dass sich bei anhaltendem Vorhofflimmern beide Herzvorhöfe tiefgreifend verändern. Bislang galt vor allem der linke Vorhof als zentraler Ort für Entstehung und Aufrechterhaltung der Rhythmusstörung.
Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung weltweit. Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung sind allein in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen betroffen. Die Erkrankung entsteht durch ungeordnete elektrische Aktivität in den Herzvorhöfen und geht mit einem unregelmäßigen Herzrhythmus einher. Viele Betroffene berichten über Herzrasen, Luftnot, Leistungsminderung oder Erschöpfung. Besonders problematisch ist die persistierende Form des Vorhofflimmerns, bei der die Rhythmusstörung nicht spontan endet. Mit zunehmender Dauer kommt es zu strukturellen, elektrischen und metabolischen Umbauprozessen im Vorhofgewebe. Das Risiko für Schlaganfälle, Herzinsuffizienz und erhöhte Mortalität steigt deutlich. Forschung und interventionelle Therapie konzentrierten sich bislang vor allem auf den linken Vorhof und die dort einmündenden Lungenvenen, die als wichtige Triggerregion gelten.
Ein Forschungsteam untersuchte, ob und in welchem Ausmaß auch der rechte Vorhof bei langanhaltendem Vorhofflimmern betroffen ist. Die internationale Studie zeigt: Auch der rechte Vorhof weist ausgeprägte krankheitsassoziierte Umbauprozesse auf und ähnelt dem linken Vorhof auf molekularer Ebene zunehmend.
„Die Ergebnisse unserer Studie sprechen dafür, dass persistierendes Vorhofflimmern als Erkrankung beider Vorhöfe verstanden werden muss“, sagt Dr. Aiste Liutkute, Erstautorin. „Das könnte auch erklären, warum etablierte Therapien bei langanhaltendem Vorhofflimmern häufig nicht dauerhaft erfolgreich sind.“
Auch für die klinische Einordnung könnten die Daten relevant sein. Aktuelle interventionelle Strategien fokussieren vor allem den linken Vorhof. Ob daraus therapeutische Konsequenzen folgen, ist offen – die Ergebnisse stützen jedoch die Sicht, dass persistierendes Vorhofflimmern eher als biatriale Erkrankung verstanden werden sollte.
Auch der rechte Vorhof weist zentrale Merkmale auf
Für die Studie analysierte das Team Gewebeproben aus rechtem und linkem Herzvorhof von Patientinnen und Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern, die bei kardiochirurgischen Eingriffen entnommen wurden. Als Vergleich dienten Gewebeproben aus nicht insuffizienten Spenderherzen, die nicht transplantiert worden waren.
Mittels massenspektrometrischer Proteomanalyse untersuchten die Forschenden tausende Proteine parallel, um krankheitsassoziierte Veränderungen im Herzgewebe sichtbar zu machen. Dafür wurde zunächst eine tiefe Referenzbibliothek des menschlichen kardialen Proteoms aufgebaut. Ergänzend analysierte das Team fibrotische Umbauprozesse histologisch, validierte auffällige Proteinveränderungen biochemisch und bestimmte zirkulierende Belastungsmarker des Herzens.
Die Analysen zeigen, dass der rechte Vorhof bei persistierendem Vorhofflimmern zentrale Merkmale aufweist, die bislang vor allem mit dem linken Vorhof assoziiert wurden. In beiden Vorhöfen fanden sich vermehrte Fibrose, Hinweise auf Myolyse sowie ein ausgeprägter struktureller und metabolischer Umbau. Gleichzeitig nahmen die normalerweise bestehenden molekularen Unterschiede zwischen rechtem und linkem Vorhof deutlich ab. Besonders auffällig war, dass der rechte Vorhof einen Teil seiner spezifischen Proteinmarker verlor und zugleich Merkmale eines linksvorhofbetonten Proteomprofils annahm. Die Autoren und Autorinnen sprechen deshalb von einer zunehmenden „Proteom-Homogenisierung“ beider Vorhöfe – einem möglichen Kennzeichen persistierenden Vorhofflimmerns.
Pressemitteilung: „Studie zu Vorhofflimmern: Beide Herzvorhöfe stärker beteiligt als bislang angenommen“. Universitätsmedizin Göttingen, 21.5.2026 (https://www.umg.eu/news-detail/news-detail/detail/news/studie-zu-vorhofflimmern-beide-herzvorhoefe-staerker-beteiligt-als-bislang-angenommen/).
* Liutkute A et al.: Mass spectrometric proteome profiling using a deep spectral library reveals homogenization of right and left atrial proteomes in persistent atrial fibrillation patients. Cardiovasc Res. 2026 Apr 2:cvag076 (DOI 10.1093/cvr/cvag076).