Bisher gibt es keine überzeugend wirksamen Medikamente gegen Alzheimer-Demenz. Darum wurde viel Hoffnung auf monoklonale Antikörper gesetzt, die gegen die Alzheimer-typischen Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn helfen sollen. Laut eines neuen Cochrane-Reviews hat dieser Ansatz jedoch wahrscheinlich keine klinisch bedeutsame Wirkung, erhöht aber vermutlich das Risiko von Gewebsveränderungen im Gehirn. Wie sich diese Veränderungen langfristig auswirken, ist wegen mangelnder Daten noch unklar.
Quasi zeitgleich mit dem aktuellen Cochrane Review hat der Gemeinsame Bundesausschuss im April einen Beschluss zur Bewertung des Zusatznutzens zu einem der sieben untersuchten Antikörper veröffentlicht („Der Privatarzt“ berichtete),
Die systematische Cochrane-Übersichtsarbeit „Monoklonale Antikörper gegen Amyloid-Beta für Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder Alzheimer-Demenz im Frühstadium“ hat die Ergebnisse aus 17 klinischen Studien mit insgesamt sieben verschiedenen Antikörpern gegen das Eiweiß Beta-Amyloid gemeinsam ausgewertet. Insgesamt flossen in die Übersichtsarbeit die Daten von 20.342 Teilnehmenden ein, deren mittleres Alter bei 70 bis 74 Jahren lag. Die Antikörper wurden intravenös verabreicht – meist alle 2–4 Wochen. Die verschiedenen Antikörper-Therapien wurden in den Studien jeweils mit Placebo-Behandlungen verglichen. Die Vermutung war, dass die Wirkstoffe im Frühstadium der Erkrankung bei Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigung oder leichter Alzheimer-Demenz eher wirken, als wenn die Krankheit weiter fortgeschritten ist.
Zu den untersuchten sieben Wirkstoffen zählten auch Lecanemab und Donanemab. Beide sind in der EU zur Behandlung von Alzheimer-Demenz im Frühstadium zugelassen. Bereits im Februar 2026 hatte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) auf Basis von Studiendaten der Hersteller festgestellt, dass für Lecanemab im Vergleich zum bisherigen Therapiestandard kein Zusatznutzen belegt ist. Das Gleiche gilt für den Mitte April veröffentlichten G-BA-Beschluss zu Donanemab, der besagt, dass sich auch für diesen Antikörper-Wirkstoff kein Zusatznutzen feststellen lässt. Die Beschlüsse des G-BA sind hierzulande die Grundlage für die Verhandlungen zwischen dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen und den Herstellern über den Preis der Arzneimittel.
Wirksamkeit deutlich unter klinisch relevant
Der jetzt veröffentlichte Cochrane-Review zeigt bei der gemeinsamen Auswertung aller gesammelten Studienergebnisse: Über einen Zeitraum von anderthalb Jahren war die Wirksamkeit der Antikörper-Medikamente gegen den Abbau der geistigen Fähigkeiten und der Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung wahrscheinlich entweder gar nicht vorhanden oder so gering, dass sie nicht als klinisch relevant eingestuft werden konnte.
„Leider legt die Evidenz nahe, dass diese Medikamente für die Erkrankten keinen klinisch bedeutsamen Unterschied machen“, sagt der Erstautor des Reviews Francesco Nonino, Neurologe und Epidemiologe am IRCCS Institut für Neurologische Wissenschaften in Bologna (Italien). Einige wenige der im Review ausgewerteten Studien hatten statistisch signifikante Unterschiede gezeigt. „Aber es ist wichtig, zwischen der statistischen Signifikanz und der klinischen Relevanz der Ergebnisse zu unterscheiden“, so Nonino.
ARIA als zentrales Sicherheitsproblem
Mit Blick auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen stellt die Übersichtsarbeit fest, dass die Antikörper-Medikamente wahrscheinlich das Risiko von speziellen Hirnschwellungen und kleinsten Blutungen im Gehirn erhöhen (ARIA; Amyloid-Related Imaging Abnormalities). Solche Veränderungen wurden in den Studien mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen – häufig ohne dass bei den Patientinnen und Patienten entsprechende Symptome wie Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Übelkeit, Schwindel, Seh- und Gangstörungen erkennbar waren. Über alle sieben Wirkstoffe insgesamt betrachtet stieg beispielsweise die Zahl der Hirnschwellungen (ARIA E) – asymptomatische und symptomatische – wahrscheinlich von 12 pro 1.000 Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern ohne Antikörper-Therapie bzw. mit Placebo auf rund 119 pro 1.000 Teilnehmende mit Antikörper-Therapie (11 Studien mit 13.595 Teilnehmenden und 18 Monaten Laufzeit, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: moderat). Wie sich diese beobachteten Veränderungen im Gehirn langfristig auswirken, lässt sich wegen mangelnder Daten nicht sagen.
Künftige Forschung sollte andere Ansatzpunkte verfolgen
Die Autorinnen und Autoren des neuen Cochrane Reviews betonen, dass mit den Antikörper-Wirkstoffen zwar Beta-Amyloid-Protein erfolgreich aus dem Gehirn entfernt werden kann, aber daraus kein klinisch bedeutsamer Nutzen entsteht. Sie empfehlen daher, dass der Fokus zukünftiger Alzheimer-Forschung auf anderen Mechanismen liegen sollte. Mehrere solcher Studien laufen bereits.
„Ich sehe jede Woche in meiner Sprechstunde Patientinnen und Patienten mit Alzheimer-Demenz und wünschte, ich könnte ihnen eine wirksame Behandlung anbieten“, sagt Edo Richard, Professor für Neurologie am Radboud Universitätsklinikum in Nijmegen (Niederlande) und Mitautor des Cochrane Reviews. „Die bereits zugelassenen Medikamente bieten einigen Betroffenen einen gewissen Nutzen, aber es besteht weiterhin ein großer Bedarf an wirksameren Behandlungen. “
Pressemitteilung: „Antikörper-Therapien gegen Alzheimer-Demenz wahrscheinlich ohne klinisch bedeutsame Wirkung“. Cochrane Deutschland, Freiburg, 16.4.2026 (https://www.cochrane.de/news/antikoerper-therapien-gegen-alzheimer-demenz-wahrscheinlich-ohne-klinisch-bedeutsame-wirkung).
* Nonino F et al.: Amyloid-beta-targeting monoclonal antibodies for people with mild cognitive impairment or mild dementia due to Alzheimer‘s disease. Cochrane Database Syst Rev. 2026 Apr 16;4(4):CD016297 (DOI 10.1002/14651858.CD016297).