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Adipositas

Hyperkalorische Ernährung nicht kausal für Übergewicht

17.9.2021

Auf die Frage nach den beiden wichtigsten Ursachen der weltweiten Adipositas-Pandemie äußern auch die meisten Health Professionals, dass sie durch einen übermäßigen Verzehr energiereicher verarbeiteter Lebensmittel verursacht wird.

Verstärkt wird es durch durch eine sitzende Lebensweise (despektierlich wird dieses „Energiebilanzmodell“ auch „Tonnen-Modell“ genannt - „alles was an Energie zu viel aufgenommen wird, wandelt sich wie durch ein Wunder zu eingelagertem Fett um“). Immer wieder äußern Fachleute jedoch erhebliche Zweifel an diesem simplifizierenden Modell, am lautesten wohl schon vor 50 Jahren Michel Cabanac mit seiner Ponderostat-/Sollwert-Theorie. Jetzt hat sich die Crème de la Crème heutiger US-amerikanischer Übergewichtsexperten zu dem Thema geäußert. Sie kritisieren, dass sich die Adipositasraten weiterhin auf historischen Höchstständen halten, trotz eines anhaltenden Fokus darauf, Weniger zu essen und sich mehr zu bewegen, wie von Vertretern des Energiebilanzmodells (EBM) als Problemlösung gebetsmühlenartig vorgeschlagen wird.
Das vollständige Versagen des Gesundheitswesens überall auf der Welt könnte, so schlagen die Autoren vor, durch grundlegende Einschränkung des zugrunde gelegten Modells selbst bedingt sein. Die Vorstellung von Adipositas als einer Störung allein des Energiehaushalts postuliere nämlich eine einseitig physikalische Sichtweise („energy in - energy out“), ohne die biologischen Mechanismen hinter der Erkrankung zu berücksichtigen, die eine Gewichtszunahme fördern. Ein alternatives Paradigma, so fasst die US-Gruppe zusammen, könnte das Kohlenhydrat-Insulin-Modell (Carbohydrate-Insulin Model of Obesity - CIM) sein. Dieses schlägt eine Umkehrung der bislang gedachten kausalen Richtung bei der Pathogenese von Adipositas vor. Laut CIM führt eine zunehmende Fettablagerung im Körper - und zwar als Folge von hormonellen Reaktionen auf eine Diät mit hoher glykämischer Last - zu einer positiven Energiebilanz. Aus Sicht der Autoren bietet das alternative Modell einen konzeptionellen Rahmen mit überprüfbaren Hypothesen, wie verschiedene, veränderbare Faktoren den Energiehaushalt und die Fettspeicherung beeinflussen. Angesichts der ungewöhnlichen Resistenz vieler Adipositasforscher hinsichtlich neuer Denkweisen sollte endlich mit dringend notwendiger intensivierter Forschung die Gültigkeit der beiden Modelle verglichen werden. Denn, nach leidvoller Einsicht der meisten Übergewichtigen und ihrer betreuenden Ärzte, kann ein falsches Modell diese Pandemie nicht beenden, weder individuell noch global. Ein zeitgemäßeres Modell auf Grundlage wissenschaftlicher Evidenz würde jedoch erhebliche Auswirkungen auf das Adipositas-Management haben können.
Das Kohlenhydrat-Insulin-Modell sieht den Großteil der Schuld an der aktuellen Adipositas-Epidemie in modernen Ernährungsgewohnheiten, die durch übermäßigen Verzehr von Lebensmitteln mit hoher glykämischer Last gekennzeichnet sind. Insbesondere industriell hoch verarbeitete, schnell verdauliche Kohlenhydrate. Solche Lebensmittel verursachen hormonelle Reaktionen, die den Stoffwechsel grundlegend verändern und die Fettspeicherung, Gewichtszunahme und Fettleibigkeit fördern. Beim Verzehr hochverarbeiteter Kohlenhydrate erhöht der Körper die Insulinsekretion und unterdrückt die Glukagonsekretion. Dies wiederum signalisiert den Fettzellen, mehr Kalorien zu speichern, so dass weniger Kalorien zur Verfügung stehen, um Muskeln und andere stoffwechselaktive Gewebe mit Energie zu versorgen. Das Gehirn nimmt wahr, dass der Körper nicht genug Energie bekommt, was wiederum zu Hungergefühlen führt. Darüber hinaus kann sich der Stoffwechsel verlangsamen, wenn der Körper versucht, Kalorien zu sparen. Daher neigen Menschen dazu, hungrig zu bleiben, auch wenn sie weiterhin überschüssiges Fett aufbauen.

Ludwig DS et al., Am J Clin Nutr. 2021 Sep 13: nqab270, DOI 10.1093/ajcn/nqab270 | PMID: 34515299

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