ADHS wird in der klinischen Versorgung meist über die bekannten Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität beschrieben. Weniger gut erklärt ist allerdings ein Phänomen, das viele Betroffene und Behandler aus dem Alltag kennen: die oft drastische Schwankung der Leistungsfähigkeit. Manche Patientinnen und Patienten arbeiten in interessanten Situationen hochfokussiert und über Stunden nahezu unauffällig, scheitern aber wenig später an monotonen Routinen, längerer Büroarbeit oder einfachen Organisationsaufgaben. Ein theoretisches Modell schlägt nun vor, diese Inkonsistenz nicht primär als statisches Aufmerksamkeitsdefizit, sondern als Problem begrenzter neurokognitiver Ausdauer zu verstehen.
Der Neurobiologe Mohammad Dawood Rahimi (Freie Universität Berlin) bezeichnet diesen Ansatz als „Energy Deficit Hyperactivity Disorder“ (EDHD). Gemeint ist damit keine neue Diagnosekategorie, sondern ein neurobiologischer Deutungsrahmen, der ADHS als Zustand instabil verfügbarer mentaler Energie beschreibt. Exekutive Kontrolle – also Planen, Durchhalten, Priorisieren, Impulskontrolle und Arbeitsgedächtnis – wird im Modell als energetisch aufwendige Hirnleistung verstanden, die unter günstigen Bedingungen durchaus normal funktionieren kann, unter längerer oder monotoner Beanspruchung jedoch schneller erschöpft. Leistungsfähigkeit erscheint damit weniger als konstante Eigenschaft denn als zeit- und kontextabhängig verfügbare Ressource.
Warum ADHS-Leistung so stark vom Kontext abhängt
Das EDHD-Modell versucht insbesondere die ausgeprägte intraindividuelle Variabilität zu erklären, die in klassischen Defizitmodellen oft nur unzureichend abgebildet wird. Rahimi verweist darauf, dass viele ADHS-Betroffene keineswegs kontinuierlich unaufmerksam sind, sondern vor allem bei anhaltender kognitiver Belastung, Schlafmangel, Reizarmut oder ungünstiger Tagesstruktur rasch an Stabilität verlieren. Interessante, neuartige oder emotional aktivierende Aufgaben können die exekutive Leistungsfähigkeit dagegen vorübergehend stützen. ADHS wäre demnach nicht in erster Linie ein globales „Nicht-Können“, sondern eher ein „Nicht-beliebig-lange-und-unter-jeder-Bedingung-Können“.
Neurobiologisch stützt sich das Modell auf bislang meist getrennt diskutierte Befunde zu mitochondrialer Funktion, Glukosestoffwechsel, oxidativem Stress, zirkadianer Rhythmik, Entzündungsprozessen und neuromodulatorischer Netzwerksteuerung. Diese Daten belegen nach Ansicht des Autors keine kausale Stoffwechselstörung, liefern aber Plausibilität für die Annahme, dass die energetische Stabilität präfrontaler Regulationsnetzwerke bei ADHS vulnerabler sein könnte. Das Paper betont ausdrücklich, dass diese Marker bislang heterogen und überwiegend korrelativ sind; EDHD versteht sich daher als hypothesengenerierendes Modell und nicht als biologisch abgesicherte Neuerklärung.
Hyperaktivität als kurzfristiger Stabilisierungsversuch
Klinisch interessant ist die Neuinterpretation typischer Verhaltensweisen. Motorische Unruhe, häufiges Positionswechseln, Reizsuche, impulsives Umschalten zwischen Aufgaben oder permanentes „Nebenher-Stimulieren“ werden nicht nur als mangelnde Selbstkontrolle gelesen, sondern als mögliche kurzfristige Versuche eines energetisch belasteten Systems, Aufmerksamkeit und Wachheit aufrechtzuerhalten. Das Modell spricht solchen Mustern keinen positiven Anpassungswert zu – sie bleiben funktionell oft teuer und sozial störend –, deutet sie aber als Regulationsversuche an einer Belastungsgrenze.
Für die hausärztliche und internistische Grundversorgung ergibt sich daraus vor allem ein differenzierterer Blick in Anamnese und Beratung. Die Frage, unter welchen Bedingungen Konzentration gelingt oder zusammenbricht, wird wichtiger als die pauschale Einschätzung von „Aufmerksamkeit vorhanden oder nicht“. Tageszeit, Schlafqualität, Monotonie, Dauerbeanspruchung, Pausenstruktur und sensorische Umgebung könnten diagnostisch relevanter sein als bislang routinemäßig erhoben. Zugleich verschiebt sich die Psychoedukation: Wenn Betroffene phasenweise sehr wohl leistungsfähig sind, ist dies nicht zwingend ein Argument gegen ADHS, sondern kann Ausdruck einer intakten Kurzstrecken- bei begrenzter Langstreckenregulation sein.
Therapeutisch leitet Rahimi daraus noch keine neuen Standards ab. Stimulantien bleiben im Modell zentrale Werkzeuge zur Stabilisierung exekutiver Netzwerke; zusätzlich rücken jedoch Fragen nach Schlafstabilisierung, Belastungsrhythmen, Erholungsfenstern und alltagspraktischem Ressourcenmanagement stärker in den Vordergrund. Ob sich daraus künftig belastbare Interventionsstrategien ableiten lassen, ist offen. Schon jetzt bietet EDHD jedoch einen klinisch anschlussfähigen Perspektivwechsel: weg von der moralischen Fehlinterpretation inkonstanter Leistung, hin zu einem Verständnis von ADHS als Störung begrenzter exekutiver Ausdauer.
Pressemitteilung (51): „ADHS besser verstehen - Forscher entwickelt neues Erklärmodell EDHD. Freie Universität Berlin, 28.4.2026 (https://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2026/fup_26_051-ADHS-Erklaeransatz-EDHD-neuroscience/index.html).
* Rahimi MD: Energy deficit hyperactivity disorder (EDHD): A neurobiological energy dysregulation model for ADHD. Neurosci Biobehav Rev. 2026 May;184:106616 (DOI 10.1016/j.neubiorev.2026.106616).