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Allgemeinmedizin

Morbus Parkinson

Risikoreduktion durch Prostatamedikamente?

Dr. Christine Reinecke

3.9.2021

Senken glykolysesteigernde Medikamente das Parkinson-Risiko? Wie eine Kohortenstudie zeigte, war dieses unter Terazosin im Vergleich zu Tamsulosin um 12 bis 37 % verringert.

Pro Jahr erkranken in Deutschland etwa 20.000 Menschen an Parkinson. Die neurodegenerative Erkrankung manifestiert sich besonders durch kognitive und motorische Symptome. Verbessert wird die motorische Symptomatik durch grundlegende Behandlungen mit Levodopa oder Tiefenhirnstimulation. Beide verringern jedoch nicht die Neurodegeneration. Wie Untersuchungen zeigten, sind sowohl die Glykolyse als auch die Mitochondrienfunktion bei Parkinson-Patienten reduziert. Terazosin (TZ), ein α1-Rezeptorantagonist, bindet an das ATP-bildende Enzym Phosphoglycerat-Kinase-1 und erhöht dessen Aktivität. Das geschieht auch im Gehirn, denn die Substanz durchdringt die Blut-Hirn-Schranke. In präklinischen Studien verlangsamte oder verhinderte Terazosin den Nervenzellverlust. Auch Tamsulosin ist ein α1-Rezeptorantagonist, der jedoch eine andere Struktur aufweist und den Energiemetabolismus nicht erhöht. Im Parkinson-Modell ist Tamsulosin nicht wirksam. Tamsulosin wird ebenso wie Terazosin und die verwandten Wirkstoffe Doxazosin (DZ) und Alfuzosin (AZ) bei der gutartigen Prostatahyperplasie eingesetzt.

Deutlicher Schutzeffekt  

In der aktuellen Studie wurden aus zwei unabhängigen Gesundheitsdatenbanken passende Paare gebildet, um die Kohorten direkt zu vergleichen: 52.365 dänische Männer im Durchschnittsalter von 69,7 Jahren und 94.883 US-amerikanische Männer im durchschnittlichen Alter von 63,8 Jahren. Beobachtet wurden die Teilnehmer ein Jahr nach Medikationsbeginn mit TZ, DZ, AZ oder Tamsulosin für insgesamt 21 bzw. 16 Jahre. Die Entwicklung einer Parkinson-Erkrankung wurde folgendermaßen definiert: Diagnose im Hospital oder Verordnung von Anti-Parkinson-Mitteln (Dänemark); Erstdiagnose in jedem Setting oder Verordnung von Levodopa (USA). In der dänischen Kohorte entwickelten 798 Teilnehmer unter TZ/DZ/AZ eine Parkinson-Erkrankung sowie 939 unter Tamsulosin. In der US-amerikanischen Kohorte entwickelten 862 Patienten unter TZ/DZ/AZ und 1.368 unter Tamsulosin eine Parkinson-Erkrankung. Damit hatten die dänischen Männer, die TZ/DZ/AZ einnahmen, ein um 12 % niedrigeres Risiko, Parkinson zu entwickeln, verglichen mit den Männern, die Tamsulosin einnahmen (Hazard Ratio [HR] 0,88; 95%-KI 0,81–0,98). Eine ähnlich gerichtete, noch stärkere Assoziation wurde in der US-Kohorte beobachtet: die Teilnehmer, die TZ/DZ/AZ einnahmen, hatten eine Risikoreduktion um 37 %, verglichen mit denjenigen, die Tamsulosin einnahmen (HR 0,63; 95%-KI 0,58–0,69). Die längere Einnahme von TZ bzw. DZ/AZ war – verglichen mit der Einnahme von Tamsulosin über einen ebenso langen Zeitraum – mit einer größeren Risikoreduktion assoziiert. Das Fazit: Die Einnahme von Terazosin/Doxazosin oder Alfuzosin könnte möglicherweise das Risiko für die Entwicklung der Parkinson-Erkrankung erniedrigen. Auch wenn in beiden Ländern Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur und im Gesundheitswesen bestehen, ist der Schutzeffekt durch Terazosin vergleichbar, so der Autor der Studie. Dass sich der Befund in einer internationalen Kohorte bestätigen ließ, sei ein starker Hinweis auf einen kausalen Effekt.

Simmering JE et al., JAMA Neurol 2021 Feb; 78: 407–413; doi: 10.1001/jamaneurol.2020.5157

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