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Allgemeinmedizin

Prävention und Abwehr von Gewalt

Erstellen Sie Strategien für ihre Praxis

Sarah L. Bopp

28.9.2026

Wurden Sie bei der Ausübung Ihres Berufes schon einmal verbal oder gar körperlich attackiert? Offenbar sind nicht nur Polizei und Rettungskräfte zunehmend mit derartigen Übergriffen konfrontiert. Sich selbst, das Team und die Praxis auf den Fall des Falles vorzubereiten, ergibt Sinn – wobei die Strategien individuelle sein sollten.

Gewalt im engeren Sinne ist laut Duden Herkunftswörterbuch die absichtliche Schädigung von Menschen, Tieren oder Sachen sowie die (widerrechtliche) Unterwerfung oder Bedrohung von Menschen durch Einzelne oder Gruppen, zitierte die Diabetologin Silke Fröhlich (Senden), Chefin einer Diabetologischen Schwerpunktpraxis. Sie zählte verbale, körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt auf. „Gewalt ist keine Randerscheinung mehr in deutschen Kliniken und Praxen und kann zum Sicherstellungsproblem werden“. Täter seien hier meist Patientinnen und Patienten oder deren Angehörige. Als Ursachen nannte sie längere Wartezeiten, Personalmangel, Stress, aber auch Frustration, Angst, Schmerzen, Drogen- und Alkoholprobleme sowie psychische Erkrankungen oder Ausnahmezustände. Zudem gebe es einen gesellschaftlichen Aspekt: einen Respektverlust in der Bevölkerung.

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Attacken sind gar nicht so selten

Einer Online-Mitgliederbefragung des Marburger Bundes aus dem Jahr 2024 zufolge waren fast 90 % der befragten Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis in ihrem beruflichen Umfeld bereits mit verbaler Gewalt in Form von Beschimpfungen, Beleidigungen und Drohungen konfrontiert. Etwa die Hälfte hatte zudem Erfahrung mit körperlicher Gewalt im Beruf, 2 % sogar häufig; 41 % der Teilnehmenden gaben an, in den vergangenen 5 Jahren eine Zunahme von Gewalt bemerkt zu haben (Abb.) [1]. Jede medizinische Einrichtung solle daher individuelle Strategien zum Umgang mit Gewalt entwickeln und diese regelmäßig überprüfen, so Fröhlich. Die Kassenärztlichen Vereinigungen böten Unterstützung in Form von Qualitätszirkeln, Schulungen und Handlungsempfehlungen dafür an, z. B. die Kassenärztliche Bundesvereinigung [2].

110 anrufen und in der Leitung bleiben

Eine Reihe von Beispielen und praktische Tipps lieferte Polizeioberkommissar a. D. Michel Das Gupta (Senden), der in langjähriger Polizeiarbeit Gewalt erlebt und Präventionsstrategien vermittelt hat und noch vermittelt. Er berichtete von einem Patienten, der über den Praxistresen gesprungen und eine Angestellte gewürgt habe, von Tritten gegen das Mobiliar und den Arzt, von Beschimpfungen, Diskriminierung, Beleidigung sowie sexueller Belästigung bis hin zur Androhung, ein Messer zu zücken oder die Zähne einzuschlagen. Es würden täglich etwa 75 gewalttätige Vorfälle in deutschen Arztpraxen dokumentiert, die Zahl der verbalen Entgleisungen gehe in die Tausende, so Das Gupta, die Dunkelziffer sei weit höher. Viele Betroffene trauten sich nicht, diese straffällige Person anzuzeigen. „Es ist aber ganz wichtig, da einen Stopp reinzusetzen“, sagte er.

Fragen, die es präventiv zu beantworten gilt, seien: Woran erkenne ich, dass Gefahr droht und was tue ich dann? Die äußere Erscheinung einer Person sei dabei nicht immer hilfreich. Auch Zehnjährige hätten ihn schon angegriffen, könnten sich im Arm verbeißen oder in die Genitalien treten, ebenso eine alte Frau mit Krückstock.

Das Allerwichtigste sei der Eigenschutz. Zieht jemand ein Messer, helfe nur die Flucht. Er ermutigte dazu, in einer kritischen Situation so schnell wie möglich den Notruf 110 abzusetzen und in der Leitung zu bleiben: „Wenn das Bauchgefühl sagt, es wird Zeit, wählt ihr!“ Nur über diese Nummer werde der Anruf aufgezeichnet, die Beamten könnten mitverfolgen, was sich akustisch im Hintergrund tut und ihre Maßnahmen daran anpassen. Tipp: Ein strukturiertes Vorgehen im Team für den Fall des Falles absprechen! Ein Codewort sei hier sehr hilfreich. Etwa lautstark zu rufen: „Wisst ihr, wo die blaue Akte ist?“, rufe das Team hinzu, ein Mitglied könne den Telefonhörer schon abheben.

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Keine Wurfgeschosse auf dem Praxistresen!

Die Körperhaltung und Körpersprache sowie die Stimme seien ebenfalls wichtig. Ein bestimmt ausgesprochener Praxisverweis schaffe nicht nur Aufmerksamkeit ringsum, sondern auch Verunsicherung beim aggressiven Gegenüber. Man solle die Hände nicht in die Taschen stecken, in kritischen Situationen die Arme bereits gestikulierend erhoben halten. So könne man schneller reagieren, wenn ein Schlag ausgeführt wird. Der Abstand zur aggressiven Person solle mindestens 2 Armlängen betragen, um ausweichen zu können. Der Stand ist im leichten Ausfallschritt mit dem stärkeren Bein nach vorne am stabilsten, Oberkörper leicht nach vorn geneigt, leicht gebeugte Knie. Dann sei man am wenigsten gut umzuschubsen. „Übt mal daheim mit eurem Partner“, forderte Das Gupta das Publikum auf.

Ebenfalls ein wichtiger Aspekt sei eine Schwachstellenanalyse in der Praxis. Verstellt mir der Schreibtisch den Fluchtweg aus dem Raum? Steckt der Schlüssel in der Tür und kann vom Aggressor zum Absperren genutzt werden? Aus Datenschutzgründen seien Praxistüren meist stabil und behindern auch Rettungskräfte. Gefährliche Wurf- und Schlagwerkzeuge wie Briefbeschwerer seien nichts für den Schreibtisch/Tresen einer medizinischen Einrichtung.

Präventiv sei auch ein Blick in die Krankenakte hilfreich, um bereits auffällig gewordene Personen zu identifizieren. Und natürlich sei die beste Waffe die kommunikative Deeskalation. Empathie könne potenziell schwierige Patientinnen und Patienten beruhigen, denn „Freundlichkeit ist schwierig zu attackieren“.

  1. https://www.marburger-bund.de/sites/default/files/files/2026-07/MB-Monitor-2024_grafische-Gesamtauswertung.pdf; Stand: 16.07.2026
  2. https://www.kbv.de/praxis/praxisfuehrung/gewalt-in-praxen-vorbeugen; Stand: 16.07.2026

Symposium „Ein Thema, was uns alle betrifft: Aggressionen und psychosoziale Veränderungen durch Substanzkonsum in diabetologischen Schwerpunktpraxen und Krankenhäusern“ anlässlich des Diabeteskongresses, Berlin, Mai 2026

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