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Allgemeinmedizin

Künstliche Intelligenz als Ergänzung

KI wider das kardiovaskuläre Risiko?

Dr. phil. Thore-B. Haag

31.3.2026

Künstliche Intelligenz (KI) hält Einzug in die Therapie bei Adipositas, auch im Rahmen des metabolischen Syndroms, mit nachweisbaren Effekten auf kardiovaskuläre Risikofaktoren [1,2]. Klar sein muss: So lange KI nicht die Autorität zur Entscheidung erhalten hat, bleibt sie eine Ergänzung zur ärztlichen Expertise, ist nicht ihr Ersatz.

Im Januar 2026 wurde der Gesundheitsmarkt durch die Veröffentlichung von ChatGPT Health und weiteren gesundheitsbezogenen KI-Systemen regelrecht aufgemischt. Es erwuchs der Anspruch, KI nicht nur für die Informationssuche, sondern für Therapieentscheidungen zu nutzen. Jenseits des Hypes zeigt eine systematische Auswertung von 25 Studien zu KI in der Therapieplanung speziell bei metabolischem Syndrom und seinen Komponenten konsistente, klinisch relevante Verbesserungen [3-5]. ­KI-gestützte Interventionen senkten das HbA1c um etwa 0,3–1,2%-Punkte, steigerten die „time in ­range“, Zeit im Blutzuckernormalbereich, um 10 –15 % und führten zu Gewichtsreduktionen von bis zu 12,3 %. Teilweise wurde dies ergänzt durch Blutdrucksenkung um bis zu 18,6 mmHg sowie eine signifikante Triglycerid- und LDL-Cholesterin-Reduzierung [1,2]. Besonders wirksam zeigten sich Systeme, die kontinuierliche Glucosemessung (CGM), klinische Routinedaten und teils genetische Profile für individualisierte Therapieentscheidungen nutzen [6,7].

Wie nutzen Erkrankte KI, worauf achten?

Viele Patienten und Patientinnen nutzen heute frei verfügbare KI-Chatbots oder -Apps als Erstmeinung und zur Therapieplanung im Selbstversuch. Oft fehlt hier die Transparenz bzgl. des Algorithmus-Trainings oder der Datenbasis der KI. Bisherige Untersuchungen belegen zwar eine hohe Akzeptanz (KI-basierte Lebensstil-Programme und Coaching-Plattformen erreichen Retentionsraten, also langfristige Kundenbindung, von 57–92 % und werden von Anwendern als „persönlich“ und „hilfreich“ beschrieben [5,8]). Allerdings offenbaren Übersichtsarbeiten, dass ethnische Zusammensetzung, sozioökonomische Faktoren und Datenqualität die Wirksamkeit deutlich moderieren und Verzerrungen begünstigen [5,9].

Für die ärztliche Praxis bedeutet das:

  • Fragen Sie Patientinnen und Patienten nach KI-­Nutzung (z. B. „Welche Apps nutzen Sie?“).
  • Seien Sie sich bewusst, dass KI Fehler macht. Prüfen Sie kritisch, denn die Aufklärung über Grenzen (Datenbasis, keine Zulassung als Medizinprodukt, ggf. algorithmischer Bias) ist Teil der Aufklärungs- und Sorgfaltspflicht, v. a. bei vulnerablen Gruppen.
  • Seien Sie offen für KI. Die aktuellen Entwicklungen verdeutlichen, dass KI in Zukunft eine entscheidende Rolle einnehmen wird, ganz nach dem Gesetz des US-amerikanischen Futuristen Amaras: Wir überschätzen die Folgen einer technischen Entwicklung kurzfristig, aber unterschätzen sie langfristig.

Wie Sie selbst von KI profitieren können

Die stärkste Evidenz liegt derzeit bei KI-unterstützter Therapieoptimierung bei Typ-2-Diabetes, die sich auf das metabolische Syndrom übertragen lässt [7,

10-12]. Ein maschinelles Lernsystem auf Basis von > 1 Million Behandlungen zeigte, dass in einer KI-gestützten Simulation die Einleitung und Intensivierung einer Insulintherapie den Anteil der Menschen im Zielbereich um 17 % erhöhen und die therapeutische Trägheit reduzieren könnte [10]. Ein anderes Modell, das auf CGM aufbaut, steigerte die Wahrscheinlichkeit, glyk­ämische und Gewichtszielwerte zu erreichen, von 51 auf 64 % im Vergleich zur leitlinienbasierten Standardtherapie [7].

Für die Praxis sind 3 Klassen von Tools relevant:

  1. Entscheidungsunterstützungssysteme, die Behandlungspfade oder Medikamentenkombinationen für kardiometabolische Patientinnen und Patienten aus Routinedaten ableiten und in klinische Informationssysteme (z. B. über SMART* on FHIR** Schnittstellen) eingebunden werden.
  2. Risikostratifikationsmodelle, die Hochrisikokranke für intensivere Lebensstil- oder medikamentöse Interventionen identifizieren (Sensitivitäten bis 87,8 %, Area under the Curve[AUC]-Werte um 0,86 zur Vorhersage des metabolischen Syndroms) [13].
  3. KI-gestützte Behavioral-Coaching-Plattformen, die automatisierte, aber strukturierte Lebensstilberatung liefern und sich via Praxisportal in Disease- Management-Programme integrieren lassen.

Unterstützung beim Gesundheitssport

Besonders greifbar wird der Nutzen von KI dort, wo sie Bewegungs- und Alltagsverhalten adressiert. Eine große Kohortenstudie zu einem KI-vermittelten, echtzeitbasierten Lifestyle-Programm zeigte etwa eine mittlere Gewichtsreduktion von 6,5 %, eine HbA1c-Verbesserung um rund 10,9 % relativ zum Ausgangswert sowie Blutdrucksenkungen von gut 7 % systolisch und 5,9 % diastolisch [3]. Ein systematisches Review zu KI-gestützter Ernährungssteuerung ergab für die meisten Studien signifikante Verbesserungen metabolischer Parameter, wenn Algorithmen Bewegungs- und Ernährungsdaten ständig einbezogen und individuelle Handlungstipps ableiteten [9]. Für den ärztlichen Alltag heißt das:

  • KI-gestützte Lifestyle-/Aktivitätsprogramme (z. B. Twin Health, Simple, weitere KI-basierte Weight-Loss- und Fitness-Apps) können Bewegungsziele, Trainingsfrequenz und -intensität adaptiv an Verlauf, Feedback und Alltag der Erkrankten anpassen.
  • Die Kombination aus Wearables, CGM und KI-Feedback ermöglicht es, körperliche Aktivität gezielt an metabolisch relevante Zielgrößen (z. B. Glucoseverläufe, Gewicht, Blutdruck) zu koppeln.
  • Evidenz spricht dafür, dass Hybrid-Modelle aus ­KI-basierter Steuerung und menschlicher Betreuung stärkere Adhärenz und Effekte auf kardiometabolische Risikofaktoren erzeugen als rein automatisierte Anwendungen [5,14].
  • Auch entwickeln sich ärztlich eingebettete KI-Plattformen, die leitlinienbasierte Bewegungs- und ­Trainingstherapie aus der Diagnose ableiten und in den klinischen Workflow integrieren. Das Ziel: Bewegung als Teil der ärztlichen Versorgung ­operationalisierbar zu machen.

KI eröffnet für die Therapie eine neue Personalisierungsstufe: Sie kann helfen, „die Richtigen“ zur „richtigen“ Zeit in die „richtige“ ­Lebensstil-Intervention zu bringen. Voraussetzung: KI bleibt fest in ein ärztlich geführtes, leitlinienorientiertes Konzept eingebettet.

Der Autor

Dr. phil. Thore-B. Haag
Trainingswissenschaft und -Diagnostik
Leitung Sporttherapie
Orthopädiezentrum Theresie
Dres. Schneider, Obersteiner & Kollegen
80339 München

dr.haag@oz-theresie.de
www.oz-theresie.de

* Substitutable Medical Applications and Reusable Technologies

** Fast Healthcare Interoperability Resources

  1. Pokushalov E et al., Optimizing glycemic control with AI-guided dietary supplements: a randomized trial in type 2 diabetes. European Journal of Preventive Cardiology 2025; 32. doi: 10.1093/eurjpc/zwaf236.162
  2. Pokushalov E et al., Optimizing weight loss with artificial intelligence: A randomized controlled trial of dietary-supplement prescriptions in adults with overweight and obesity. Clin Nutr ESPEN. 2025; 69: 75–86. doi: 10.1016/j.clnesp.2025.06.035
  3. Colwell N et al., 61 Artificial intelligence mediated realtime lifestyle intervention significantly reduces multiple cardiovascular risk factors in patients. Heart 2023; (109) A69-A70. doi: 10.1136/heartjnl-2023-ICS.61
  4. Elmotia K et al., Effectiveness of AI-driven interventions in glycemic control: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Prim Care Diabetes 2025; 19(4): 345–54. doi: 10.1016/j.pcd.2025.05.004
  5. Hallock R et al., Harnessing Artificial Intelligence for Obesity Care: A Systematic Review of AI-Enabled Behavioral Coaching Platforms, Outcomes, and Ethical Implications. Curr Cardiovasc Risk Rep 2025; (19) 24. https://doi.org/10.1007/s12170-025-00776-7
  6. Nithvika P et al., Machine Learning for Comorbidity Prediction: Diabetes and Cardiovascular Disease. 2025 3rd International Conference on Sustainable Computing and Data Communication Systems (ICSCDS), 336–40
  7. Lozhkina A et al., Individualized Therapy Optimization for Type 2 Diabetes. medRxiv 2025. doi: https://doi.org/10.1101/2025.10.13.25337959
  8. Yang E et al., A Behavioral Science-Informed Agentic Workflow for Personalized Nutrition Coaching: Development and Validation Study. JMIR Form Res 2025; 9: e75421. doi: 10.2196/75421
  9. Wang X et al., Artificial Intelligence Applications to Personalized Dietary Recommendations: A Systematic Review. Healthcare (Basel). 2025; 13(12): 1417. doi: 10.3390/healthcare13121417
  10. Musacchio N et al., Overcoming Therapeutic Inertia in Type 2 Diabetes: Exploring Machine Learning Based Scenario Simulation for Improving Short Term Glycemic Control. Machine Learning and Knowledge Extraction. 2024; (6) 420–34. doi: 10.3390/make6010021
  11. Pawar HH. Predictive Analytics in Cardiovascular and Diabetes Risk: An Integrated Machine Learning Approach. 2024 8th International Conference on Computational System and Information Technology for Sustainable Solutions (CSITSS), 1-6. doi: 10.1109/CSITSS64042.2024.10816786
  12. Tarumi S et al., Leveraging Artificial Intelligence to Improve Chronic Disease Care: Methods and Application to Pharmacotherapy Decision Support for Type-2 Diabetes Mellitus. Methods Inf Med 2021; 60(S 01): e32-e43. doi: 10.1055/s-0041-1728757
  13. Daniel Tavares L et al., Prediction of metabolic syndrome: A machine learning approach to help primary prevention. Diabetes Res Clin Pract 2022; 191: 110047. doi: 10.1016/j.diabres.2022.110047
  14. Williams DA et al., AI Enhanced Team Based Care – A Novel Approach to Managing High Risk Diabetes Patients. Diabetes 2025; 74. doi: 10.2337/db25-1150-P
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