Während etablierte Früherkennungsprogramme für Darm-, Zervix- und Mammakarzinom bereits sehr erfolgreich sind, stehen mit dem Lungen- und Prostatakarzinom zwei weitere Hochinzidenzentitäten vor der Implementierung strukturierter, risikoadaptierter Screeningstrategien.
Die in der Session vorgestellten Daten und Analysen verdeutlichen sowohl den Nutzen bestehender Programme als auch die Herausforderungen einer evidenzbasierten Weiterentwicklung.
Darmkrebs: Klare Evidenz für Wirksamkeit
Die Darmkrebsfrüherkennung in Deutschland basiert auf 2 Säulen: dem immunologischen fäkalen Okkultbluttest (FIT) im 2-Jahres-Intervall sowie der Vorsorgekoloskopie. Seit Einführung der Screeningkoloskopie im Jahr 2002 zeigt sich bei den über 50-Jährigen ein Rückgang der Inzidenz um mehr als 30 %, begleitet von einer Mortalitätsreduktion von über 40 %. Dieser Effekt ist insbesondere deshalb bemerkenswert, weil er nicht durch therapeutische Durchbrüche erklärbar ist, sondern primär durch Prävention und Frühdetektion zustande kommt (Tab.). Modellierungen belegen, dass bei konsequenter Teilnahme 70 – 80 % der Erkrankungen und bis zu 90 % der Todesfälle vermeidbar wären.
Im europäischen Vergleich liegt Deutschland hinsichtlich der Inanspruchnahme im oberen Mittelfeld, jedoch fehlt ein vollständig organisiertes, bevölkerungsbasiertes Einladungssystem mit konsequentem Call-and-Recall. Länder wie die Niederlande zeigen, dass durch systematische Einladung und direkte Zusendung des Tests höhere Teilnahmeraten erreichbar sind. Vor dem Hintergrund demografischer Alterung besteht ohne Optimierung die Gefahr steigender absoluter Fallzahlen trotz sinkender altersspezifischer Raten.
Zervixkarzinom: Potenzial nicht ausgeschöpft
Das Zervixkarzinom ist eine nahezu vollständig vermeidbare Erkrankung. Die persistierende Infektion mit Hochrisiko-HPV gilt als notwendige Ursache. In Deutschland liegt die altersstandardisierte Inzidenz bei etwa 8–9 pro 100 000 Frauen und damit deutlich über dem WHO-Eliminationsziel von < 4/100 000.
Das bis 2019 opportunistische Pap-Screening zeigte zwar historische Erfolge, stagnierte jedoch in den vergangenen 2 Jahrzehnten. Seit 2020 existiert ein organisiertes Programm mit Ko-Testung (Zytologie plus HPV) ab 35 Jahren im 3-Jahres-Intervall. Allerdings fehlt ein echtes, intervallbezogenes Einladungssystem; die Anschreiben erfolgen lediglich alle 5 Jahre. Die EU-Leitlinie empfiehlt inzwischen ein primäres HPV-Screening mit klar definierten Intervallen, standardisierten Tests und strukturiertem Follow-up.
Neben der Sekundärprävention bleibt die primäre Prävention zentral: Die HPV-Impfquote von etwa 55 % bei 15-jährigen Mädchen ist unzureichend. Schulbasierte Impfprogramme und ein Impfregister gelten als essenzielle strukturelle Maßnahmen.
Mammakarzinom: Mortalitätsreduktion
Das Mammografie-Screening-Programm (MSP) für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren – inzwischen auf 75 Jahre erweitert – ist das am konsequentesten organisierte Krebsfrüherkennungsprogramm in Deutschland. Mit Einladungsraten über 90 % und qualitätsgesicherten Screening-Einheiten erfüllt es zentrale Kriterien eines bevölkerungsbasierten Programms.
Die Teilnahmequote liegt jedoch stabil bei nur etwa 50 %. Epidemiologische Analysen zeigen eine Mortalitätsreduktion von 20 –30 % in der Zielpopulation. Tumoren werden häufiger in frühen Stadien (T1, nodalnegativ) detektiert, was die prognostische Relevanz unterstreicht. Modellrechnungen zufolge können bei 1 000 regelmäßig teilnehmenden Frauen über 25 Jahre etwa 3–8 Todesfälle verhindert werden. Methodische Optimierungspotenziale bestehen in der digitalen Brusttomosynthese, KI-gestützter Befundung sowie dichteadaptierter MRT-Diagnostik.
Lungenkarzinom: Implementierung beginnt
Das Lungenkarzinom ist weiterhin die führende krebsbedingte Todesursache. Studien belegen, dass ein Low-Dose-CT-Screening bei Hochrisikopersonen (definiert über Alter und Rauchhistorie) die lungenkrebsspezifische Mortalität signifikant senkt, aufgrund des „Stage-Shift“ zu kurativ behandelbaren Frühstadien.
Deutschland steht kurz vor Einführung eines GKV-finanzierten Programms. Die rechtlichen Grundlagen – einschließlich der Lungenkrebs-Früherkennungs-Verordnung – sind geschaffen, die Vergütungsregelungen werden verhandelt. Geplant ist zunächst eine Übergangslösung ohne zentrales Einladungssystem und ohne übergeordnete Qualitätssicherung nach
§ 25a SGB V, da eine EU-Leitlinie noch aussteht.
Das Screening richtet sich an eine definierte Risikogruppe. Elemente sind qualitätsgesicherte Radiologie mit Zweitbefundung, standardisiertes Nodule-Management, Anbindung an zertifizierte Zentren sowie Integration strukturierter Rauchentwöhnung. Implementierungsdaten aus Europa und der deutschen HANSE-Studie zeigen niedrige falsch-positive Befundraten und eine gute Sicherheitsbilanz.
Prostatakarzinom: PSA-Screening Plus
Die Inzidenz das Prostatakarzinoms ist ähnlich der des Mammakarzinoms, dennoch existiert bisher kein organisiertes Screening. Randomisierte Studien ergaben eine Reduktion der prostatakrebsspezifischen Mortalität um ca. 20 % bei auf prostataspezifischem Antigen (PSA) basiertem Screening. Hauptproblem war die hohe Überdiagnoserate von bis zu 50 % bei alleinigem PSA-Test. Neue Konzepte setzen auf risikoadaptierte Algorithmen: Bestimmung eines Basis-PSA im Alter von 50 Jahren, Re-Testung bei initialer Erhöhung, zusätzliche Biomarker (z. B. 4K-Score), Volumenadjustierung sowie multiparametrische MRT vor Biopsie. Deutsche Daten zeigen, dass durch solche sequenziellen Strategien die Überdiagnose klar < 30 % gesenkt werden kann, bei erhaltener Detektionsrate klinisch signifikanter Tumoren.
Session „Status quo Früherkennungsprogramme “