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Kongress-Ticker

UV-Exposition im Fokus

Sonnenschutz – mehr Lebensretter oder mehr Risiko?

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

6.5.2026

Angesichts stetig steigender Hautkrebszahlen in Europa bleibt der Schutz vor ultravioletter Strahlung eine zentrale präventive Maßnahme. Doch UV-Exposition beeinflusst über kutane Mediatoren auch systemische Prozesse. Kann Sonnenschutz deshalb auch ein Risiko sein?

UV-B-Strahlung verursacht akute DNA-Schäden und Sonnenbrand, während UV-A tiefer in die Haut eindringt und insbesondere Photoaging begünstigt. UV-C wird glücklicherweise weitgehend durch die Ozonschicht abgefangen. Entscheidend ist jedoch nicht nur die einzelne Exposition, sondern die kumulative Dosis über Jahrzehnte.

Gerade darin liegt das Problem moderner Sonnengewohnheiten. Gebräunte Haut wird gesellschaftlich oft noch immer mit Gesundheit, Attraktivität und Aktivität assoziiert. Dermatologisch ist dieses Ideal hochproblematisch. Wiederholte UV-Exposition führt zu Mutationsakkumulation, chronischer Gewebeschädigung und letztlich zur Entwicklung aktinischer Keratosen, kutaner Plattenepithelkarzinome und ­Melanome. Besonders relevant ist, dass UV-Schäden nicht ausschließlich auf direkter DNA-Schädigung beruhen. Auch inflammatorische Prozesse spielen eine wesentliche Rolle. Eine chronische UV-induzierte Entzündung kann Reparaturmechanismen überfordern und die Tumorprogression fördern.

Aktinische Keratosen sind nicht nur klinisch sichtbare Präkanzerosen, sondern Ausdruck eines bereits biologisch veränderten Gewebes. Keratinozyten in solchen Läsionen zeigen eine veränderte Immunantwort und reagieren empfindlicher auf wiederholte UV-Belastung. Das erklärt, warum konsequenter Lichtschutz gerade bei vorbestehenden UV-Schäden, im höheren Lebensalter und bei immunsupprimierten Patienten und Patientinnen besonders wichtig ist. In diesen Gruppen geht es nicht nur darum, neue Mutationen zu vermeiden, sondern auch entzündliche Trigger zu minimieren.

Die Haut als neuroimmunologisches Interface

Ist Sonne damit grundsätzlich ein Risiko? So einfach ist es nicht. Die Haut ist nicht nur Barriereorgan, sondern neuroimmunologisches Interface. UV-Exposition beeinflusst über kutane Mediatoren auch systemische Prozesse. Diskutiert werden Effekte auf Stimmung, Belohnungssysteme, Appetitregulation und neuroendokrine Achsen. Diese Beobachtungen sind wissenschaftlich spannend, rechtfertigen jedoch keine ungeschützte Sonnenexposition. Vielmehr zeigen sie, dass Sonne biologisch relevant ist –aber eben in einem engen Dosisfenster.

Moderater Aufenthalt im Freien ist sinnvoll, Sonnenbrand dagegen in jeder Lebensphase zu vermeiden. Sonnenschutz muss individuell angepasst werden – an Hauttyp, Alter, Vorerkrankungen, Expositionsmuster und onkologische Vorgeschichte. Auffällig ist, dass ältere Menschen und Männer Sonnenschutz noch immer seltener verwenden, obwohl gerade sie häufig ein hohes kumulatives Risiko tragen.

Prof. Dr. med. Evelyn Gaffal (Lübeck) fasst als Fazit zusammen: „Sonnenschutz ist kein Lifestyle-Accessoire, sondern eine evidenzbasierte Präventionsmaßnahme. Das eigentliche Risiko liegt nicht im vernünftigen Sonnenschutz, sondern in der Unterschätzung chronischer UV-Schäden. Dermatologisch betrachtet ist Sonnenschutz daher weit mehr Lebensretter als Risiko.“

Vortrag Prof. Dr. med. Evelyn Gaffal

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