Geschlechtersensible Prävention zielt darauf ab, Präventionsstrategien systematisch an biologische (Sex) und soziokulturelle (Gender) Unterschiede anzupassen, um Wirksamkeit, Reichweite und Nachhaltigkeit präventiver Maßnahmen zu erhöhen. Prof. Dr. med. Gertraud Stadler (Berlin) zeigte anhand epidemiologischer Daten, dass die konsequente Umsetzung zentraler Gesundheitsverhaltensweisen mit einer erheblichen Verlängerung der gesunden Lebenserwartung assoziiert ist.
Gleichzeitig besteht eine ausgeprägte „Intentions-Verhaltens-Lücke“: Wissen und Motivation allein führen selten zu einer langfristigen Verhaltensänderung. Klassische informationsbasierte Interventionen stellen daher lediglich einen Einstieg dar, reichen jedoch nicht aus, um Verhalten im Alltag dauerhaft zu etablieren. Randomisierte Interventionsstudien, u. a. im Bereich der Ernährungsprävention, belegen den Mehrwert selbstregulatorischer Ansätze.
Geschlechterunterschiede zeigen sich nicht nur in Krankheitsrisiken, sondern auch in der Inanspruchnahme präventiver Angebote. Während Frauen häufiger an Präventionsprogrammen teilnehmen, bestehen bei Männern spezifische Barrieren, etwa eine geringere Risikowahrnehmung, zeitliche Restriktionen oder die Wahrnehmung bestehender Angebote als wenig attraktiv. Umgekehrt sind Frauen häufiger durch Mehrfachbelastungen und Care-Arbeit eingeschränkt. Geschlechtshomogene Gruppen, passgenaue Ansprache und lebensphasenspezifische Formate können die Akzeptanz erhöhen.
Zunehmend an Bedeutung gewinnt zudem eine diversitätssensible Perspektive, die neben Gender weitere Dimensionen wie Alter, sozioökonomische Ressourcen, ethnisch-kulturelle Herkunft, sexuelle Identität, Gesundheitsstatus und Zeitverwendung berücksichtigt. Zusammenfassend erfordert geschlechtersensible Prävention einen Paradigmenwechsel: weg von kurzzeitiger Informationsvermittlung, hin zu langfristiger, personalisierter und sozial eingebetteter Begleitung.
Vortrag Prof. Dr. med. Gertraud Stadler (Berlin)