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Kongress-Ticker

Nicht nur für die Leber

Alkoholkonsum ist ein Risiko und hat klinische Konsequenzen

Nicole Hein

19.5.2026

Alkoholkonsum ist weltweit mit einer erheblichen Krankheits- und Mortalitätslast assoziiert. Hier und da wird immer noch ein möglicher kardioprotektiver Effekt von Rotwein postuliert. Als Botschaft aus der hausärztlichen Praxis sollte weitergegeben werden: Es gibt keine Alkoholmenge oder -art, deren Konsum völlig risikofrei ist.

„Weltweit sind pro Jahr 2,6 Millionen Todesfälle auf schädlichen Alkoholkonsum zurückzuführen“, erklärte Katharina Zimmermann (Regensburg). „Das entspricht 6 Toten pro Minute“. Sie führte weiter aus, dass der Alkoholkonsum Einfluss auf über 200 Krankheiten und Verletzungen habe. „Die meisten alkoholassoziierten Erkrankungen sind kardiovaskuläre, gefolgt von gastrointestinalen Erkrankungen und Krebs.“ Zudem ist Alkoholkonsum mit einem erhöhten Risiko für unfallbedingte Verletzungen assoziiert. „Alkohol ist weltweit für 4,7 % aller Todesfälle verantwortlich. Somit stirbt jeder 20. Mensch aufgrund seines Konsums. Und dabei korreliert die Menge mit der Mortalität.“ Für nähere Daten zum Alkoholkonsum in Deutschland führte sie Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) an [1]. Demnach haben rund ein Drittel (32,5 %) der Deutschen ein moderates oder hohes Krankheitsrisiko aufgrund ihres Alkoholgenusses, wobei Männer häufiger betroffen sind als Frauen.

Das French Paradox

Doch wie sieht es mit der These aus, dass regelmäßiger Weinkonsum atherosklerotische Erkrankungen vorbeugt – und damit sogar gesundheitsförderlich ist? Hintergrund dieser Annahme ist das sogenannte „French Paradox“: In einem Fernsehinterview 1991 stellte der französische Professor Serge Renaud die These auf, dass regelmäßiger Rotweinkonsum zur vergleichsweise niedrigen Rate an Myokardinfarkten in Frankreich beitrage – trotz eines relativ hohen Konsums tierischer Fette. Er postulierte einen protektiven Effekt von Rotweinkonsum auf atherosklerotische Gefäßerkrankungen und deren Folgen wie den Myokardinfarkt, was eine breite Diskussion auslöste. Spätere Studien zeigten, dass moderater Alkohol- bzw. Weinkonsum nach Myokardinfarkt mit einer signifikant niedrigeren Reinfarktrate und kardiovaskulären Sterblichkeit assoziiert ist [2].

Außerdem ergab ein Teil dieser Studien, dass Wein im Vergleich zu Bier und Spirituosen eine signifikant stärkere gefäßprotektive Wirkung hat. Zurückzuführen ist das auf das in Wein enthaltene Resveratrol, ein Antioxidans aus der Gruppe der Polyphenole mit antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften. „Resveratrol hat in vielen Studien Benefits für kardiovaskuläre Erkrankungen gezeigt, aber erst in relativ großen Mengen“, sagte Zimmermann und weiter: „Aber Alkohol ist auch ein Risikofaktor für Krebserkrankungen.“ Entscheidend sei, dass Alkohol in jeder Menge krebserzeugend sei. „Und je mehr getrunken wird, desto höher ist das Risiko.“ Laut Zimmermann lassen sich 20 000 Krebsneuerkrankungen im Jahr 2022 auf den Konsum von Alkohol zurückführen. „Bei Männern ist der Darmkrebs führend und bei Frauen Brustkrebs“, so Zimmermann. Darüber hinaus könne Alkohol die Wahrscheinlichkeit erhöhen, an Infektionen wie Tuberkulose zu erkranken. Sie resümierte, dass es eine risikofreie Alkoholmenge nicht gebe. Vielmehr bestehe zwischen Alkoholkonsum und der Prävalenz vieler Erkrankungen ein linearer Zusammenhang, sodass bereits geringe Mengen mit einer Risikoerhöhung assoziiert seien.

Da potenziellen kardiovaskulären Vorteilen zugleich erhöhte Risiken für andere Erkrankungen gegenüberstünden, könne keine Alkoholmenge pauschal als sicher oder gesundheitsfördernd gelten.

Haupttarget bleibt die Leber

„Für den Internisten und den Hausarzt ist Alkohol ein sehr wichtiges Thema. Das Haupttarget ist dabei die Leber“, sagte Prof. Dr. med. Sebastian Mueller (Heidelberg). Allerdings sei es problematisch, dass es dem Patienten trotz einer Leberzirrhose lange gut gehe. Deshalb stelle sich die Frage, wie sich erste Anzeichen bemerkbar machten. Dazu führte Mueller die Heidelberger Mortalitätsstudie an, die schwere Spiegeltrinker (180 g Alkohol am Tag) über 1 bis 15 Jahre (im Mittel 4 Jahre) beobachtete. „Eingeschlossen waren 1 500 Patienten, von 803 haben wir die Mortalitätsdaten erheben können. Von diesen sind 160 gestorben und bei 80 konnten wir die Ursache des Todes feststellen“, führte er aus (Abb.) [3]. Der leberassoziierte Tod stellt mit 34,2 % die häufigste Todesursache dar, gefolgt von kardiovaskulären Ursachen mit 17,1 % und Tumorerkrankungen mit 15,8 %. Als relevanter prognostischer Marker erweist sich die Lebersteifigkeit: Bei Patientinnen und Patienten mit lungenassoziierten Todesursachen, meist ­infolge von Pneumonien, und Infektionen werden häufig Werte zwischen rund 20 und über 50 kPa beobachtet. „Bei dieser Kohorte von Hochkonsumtrinkern ist etwa die Hälfte der Todesfälle auf die Leber zurückzuführen“, so Mueller. Allerdings werde seiner Ansicht nach etwa die Hälfte der manifesten Leberzirrhosen im Ultraschall übersehen. Zur Dia­gno­se­­stellung sei deshalb eine Alkoholanamnese wichtig, Laboruntersuchungen sowie nach Möglichkeit eine Elastografie. „Ich will dafür sensibilisieren, ins Blutbild zu schauen“, so Mueller. So könnten beispielsweise erniedrigte Thrombozytenwerte auf das Vorliegen einer Leberzirrhose hinweisen. Bei den Leberenzymen zeigt sich über alle Krankheitsstadien hinweg ein charakteristisches Muster mit persistierend höheren Aspartat-Aminotransferase(AST)- im Vergleich zu Alanin-Aminotransferase(ALT)-Werten. Darüber hinaus ist das Serum-Ferritin in dieser Kohorte bei etwa 15 % der Patientinnen und Patienten auf Werte über 1 000 ng/ml erhöht. Als weiterer relevanter Laborparameter fällt zudem die Harnsäure auf, die in der Regel ebenfalls erhöht ist.

  1. Richter A et al., J Health Monit 2025; 10(3): e13396, doi: 10.25646/13396
  2. Schneider CA et al., 2006 Prävention atherosklerotischer Erkrankungen, doi: 10.1055/b-0034-68257
  3. Mueller S, Heilig M (Hrsg.) Alcohol and Alcohol-related Diseases. Springer International Publishing, Cham, 2023, doi: 10.1007/978-3-031-32483-3

Symposium „Tabuthema Alkohol“

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