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Allgemeinmedizin

Gefäßmedizin

Sommerrisiken für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Yasmin Niederstenschee

3.8.2026

Geschwollene Beine und erhöhtes Schlaganfallrisiko gehören zu den häufigsten hitzebedingten Beschwerden, mit denen Patientinnen und Patienten in der Hausarztpraxis vorstellig werden. Gefäßchirurgen erklären, worauf bei der Ersteinschätzung zu achten ist.

 „Die Venen sind zusammen mit der Haut unsere Klimaanlage“, erklärte Dr. med. Siamak Pourhassan (Oberhausen). Bei Hitze weiten sie sich, damit mehr Blut an die Hautoberfläche fließt und Wärme abgegeben werden kann. Dabei können sich die Venenklappen nicht mehr vollständig schließen, Blut staut sich in den Beinen, das Lymphsystem gerät unter Belastung und die Beine schwellen an. Hinzu kommt, dass sich viele Menschen bei großer Hitze weniger bewegen und damit die Muskelpumpe als wichtiger Rücktransportmechanismus wegfällt. Bei rund einem Fünftel der Bevölkerung verstärkt eine ohnehin bestehende Venenerkrankung die Beschwerden in den warmen Monaten zusätzlich.

Der entscheidende Faktor ist die Frage nach der Seiten­symmetrie. Symmetrische Beinschwellungen an heißen Tagen sind in erster Linie harmlos und mit einfachen Maßnahmen gut zu behandeln: Beine hochlagern, ausreichend Wasser trinken, Kneipp´sche Güsse von den Füßen aufwärts Richtung Herz sowie Bewegung zur Aktivierung der Muskelpumpe lindern die Beschwerden. Auch das Tragen von Kompressionsstrümpfen hilft zuverlässig. Neuere Sommerkompressionsstrümpfe nutzen Klimafasern, die durch Verdunstungskälte einen aktiven Kühleffekt erzeugen. Pourhassans praktischer Tipp für Patientinnen und Patienten: Die Strümpfe morgens kurz in den Kühlschrank legen. Das erleichtert das ­Anziehen und verengt die Gefäße angenehm zu ­Tagesbeginn. Tagsüber können die Strümpfe zusätzlich mit einer Wassersprühflasche befeuchtet werden, was den Kühleffekt durch Verdunstung verlängert.

Cave Seitendifferenz!

Häufig beworbene Venengele sind kritisch zu betrachten: Für die als homöopathische Arzneimittel registrierten Präparate existieren keine nach medi­zi­nischem Standard durchgeführten Wirksamkeitsstudien. Pflegende und kühlende Komponenten wie Menthol können zwar als angenehm empfunden werden, sorgen jedoch lediglich für ein kurzfristiges kosmetisches Wohlbefinden auf der Haut.

Dringende Abklärung erfordern seitendifferente Schwellungen, da stets eine Beinvenenthrombose ausgeschlossen werden muss. Ebenso alarmierend sind einseitige Schmerzen mit Rötung, Überwärmung oder strangförmige Druckschmerzhaftigkeit, plötzlich auftretende Schwellungen mit Atemnot oder Herzrasen sowie beidseitige Ödeme, die unabhängig von der Hitze persistieren. Letztere können auf eine kardiale oder renale Grunderkrankung hinweisen und sollten hausärztlich abgeklärt werden. Zur Diagnostik empfiehlt Pourhassan neben der gründlichen Anam­nese und körperlichen Untersuchung eine Duplexsonografie, um relevante Venenerkrankungen sicher auszuschließen. Grundsätzlich gilt: Eine bereits bestehende Venen- oder Lymphgefäßerkrankung kann sich in den heißen Monaten deutlich verschlechtern, sodass Betroffene mit bekannter Vorerkrankung engmaschiger beobachtet werden sollten.

Warum Hitze das Schlaganfallrisiko erhöht

Das genaue Ausmaß des kardiovaskulären Risikos bei hohen Temperaturen wird häufig unterschätzt. Schon ein Anstieg der Umgebungstemperatur um 1 °C kann die Sterblichkeit durch Herzinfarkt und Schlaganfall messbar erhöhen [1]. Schätzungen zufolge seien bis zu 9 von 1 000 Schlaganfalltoten auf Hitzeeinwirkung zurückzuführen, so Prof. Dr. med. Alexander Oberhuber (Universitätsklinikum Münster) [2].

Die Pathophysiologie ist vielschichtig: Schwitzen führt zu Dehydratation und in der Folge zu einer Hämokonzentration. Das Blut wird durch den Verlust flüssiger Anteile dickflüssiger, was die Gerinnselbildung begünstigt und ein Risikofaktor für Schlaganfälle ist. Darüber hinaus kann es bei sehr hohen Temperaturen zu Endothelschäden mit Mikrothrombosen kommen. Zusätzlich werden Entzündungsprozesse diskutiert, die über eine vermehrte Freisetzung von Endotoxinen aus dem Darm getriggert werden [3].

Besonders gefährdet sind ältere Menschen. Mit dem Alter lassen Thermoregulation und Durstempfinden nach, Komorbiditäten wie Hypertonie oder Diabetes mellitus sowie deren Medikation erhöhen das Risiko weiter. Manche Medikamente können bei Hitze zudem in ihrer Wirkung beeinträchtigt sein oder die Austrocknung des Körpers begünstigen. Dieser Aspekt sollte in der hausärztlichen ­Beratung keinesfalls übersehen werden. Ob Frauen besonders vulnerabel sind, ist laut Oberhuber nicht eindeutig belegt. Diskutiert werden kleinere Gefäße, hormonelle Einflüsse und Schlafstörungen.

Eine aktuelle Studie belegt, dass extreme nächtliche Hitze das Schlaganfallrisiko um 7 % erhöht [4]. In Städten verstärken sogenannte Wärmeinseln diesen Effekt: Versiegelte Flächen, dichte Bebauung und fehlende Vegetation speichern die Wärme des Tages und geben sie nachts nur langsam wieder ab, sodass die Temperaturen kaum sinken und der Körper sich nicht erholen kann. Gefährdete Patientinnen und Patienten sollten daher ausreichend trinken, körperliche Anstrengung in der Hitze meiden und kühle Aufenthaltsorte auch nachts aufsuchen.

Die Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin plädiert dafür, dass Kommunen Hitze-Gesundheits-Warnsysteme etablieren, klimatisierte öffentliche Räume bereitstellen, den Baumbestand in Städten erhöhen und kostenloses Trinkwasser an öffentlichen Orten anbieten. Denn individuelle Schutzmaßnahmen allein reichen nicht aus, wenn die gebaute Umgebung das Abkühlen erschwert. Bei Warnzeichen wie Verwirrtheit, Schwäche, Schwindel oder neurologischen Ausfällen ist sofort medizinische Hilfe zu rufen.

Mit steigenden Temperaturen steigt auch der Beratungsbedarf in der Praxis. Symmetrische Hitzeschwellungen der Beine sind meist harmlos, seitendifferente Befunde hingegen müssen umgehend abgeklärt werden. Ältere sowie Personen mit kardiovaskulären Vorerkrankungen sollten über das Schlaganfallrisiko bei Hitze aufgeklärt und zur ausreichenden Flüssigkeitszufuhr angehalten werden. Tropische Nächte sind dabei ebenso ernst zu nehmen wie heiße Tage.

  1. Alahmad B et al., Circulation 2023; 147(1): 35–46
  2. Liu J et al., Lancet Planet Health 2022; 6(6): e484–e95
  3. Lavados PM et al., Stroke 2018; 49(1): 255–61
  4. He C et al., Eur Heart J 2024; 45(24): 2158–66

Pressekonferenz „Gesundheitsgefahren im Sommer durch gestresste Gefäße” der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin e. V. (DGG), Juni 2026

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