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Fokus Naturmedizin

Vom Rollenbild zur Naturmedizin

Frauengesundheit wird ganzheitlicher

Prof. Dr. med. Ingrid Gerhard

Frauengesundheit ist anders – weil es nicht allein um die Medizin geht, sondern um das natürliche und soziale Umfeld. Frauen wollen selbst entscheiden und ernst genommen werden – und deshalb erfordert das Thema Frauengesundheit in Zukunft eine ganzheitliche Sichtweise.

Wenn man als Naturmediziner auf das vergangene Jahrzehnt zurückblickt, kommen nicht nur gute Gefühle auf. Denn die allgemeine Akzeptanz der Naturmedizin hat sich in diesem Zeitraum kaum verbessert. Wir beißen nach wie vor auf Granit und haben Probleme, anerkannt zu werden. Allzu häufig werden wir mit esoterischen Ansätzen in eine Schublade gesteckt, und wenn man der Meinung der Mehrheit der Schulmediziner glaubt, sind alle positiven Ergebnisse sowieso nur auf den Placeboeffekt zurückzuführen. Das führte u. a. dazu, dass es in der Altersgruppe unter 50 kaum kompetente Ärzte für Naturmedizin gibt.

Doch mittlerweile schaue ich etwas optimistischer in die Zukunft. Viele Gynäkologen und vor allem Gynäkologinnen denken darüber nach, etwas durchaus Sinnvolles zu tun, indem sie versuchen, die Arbeit im Hamsterrad des Praxisalltags ein Stück herunterzufahren. Stattdessen kommen sie zu uns in die Kurse, um zu lernen, wie man Patientinnen in unserem Sinne von Frauengesundheit betreut.

Die Rolle der Frau

Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern hat in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland eine deutlich bessere Entwicklung genommen als die Naturmedizin: Frauen können praktisch jeden Beruf erlernen und ausüben, sie können selbst für ihren Unterhalt sorgen, sie müssen nicht heiraten, um Kinder zu bekommen, sie können Sex erleben, ohne Angst vor einer Schwangerschaft haben zu müssen, und sie sind als geschiedene Frau nicht mehr gebrandmarkt, wie es noch vor ein bis zwei Generationen der Fall war. Alles tolle Errungenschaften, ohne die wir heute nicht mehr leben wollen.

Dem gegenüber stehen allerdings auch hier andere Fakten, die weniger positiv klingen: Frauen verdienen für vergleichbare Arbeiten immer noch 15–20 % weniger als Männer, die meisten höheren Positionen werden von Männern besetzt. Alleinerziehende sind zu 90 % Frauen, ein Drittel der alleinerziehenden Mütter leben unter der Armutsgrenze und 40 % sind auf Hartz IV angewiesen, Altersarmut ist bei Frauen höher als bei Männern (16 vs. 12 %). Und was ich persönlich noch erschreckender finde, ist der insgesamt gestiegene und bei Frauen zwei- bis dreimal häufigere Gebrauch von Psychopharmaka und Schmerzmitteln im Vergleich zu Männern.

Was läuft da falsch? Solide Umfrageergebnisse zeigen auf, dass Frauen signifikant längere Tagesarbeitszeiten haben als Männer. Im Beruf haben sie zwar häufiger Teilzeitjobs (mit entsprechend schlechterer finanzieller Versorgung), aber 60 % mehr unbezahlte Arbeit: Hausarbeit, Kinderversorgung und Pflege von Verwandten lasten überwiegend auf ihnen. Eine Zeit lang bekommt die Frau das Multitasking gut hin, aber irgendwann nehmen die Kraftreserven ab. Es fehlt Zeit für den Ausgleichssport, für den täglichen, ganz persönlichen Rückzug mit einem Buch oder Musik, Zeit, sich selber etwas Gutes zu tun. Dazu werden täglich in den Medien Schönheitsideale vorgeführt, bei denen die Frau im persönlichen Vergleich meist schlecht abschneidet. Das ist alles nur im Bereich des Übersensiblen und Esoterischen angesiedelt, meinen Sie? Von wegen! Männer, die in der Familie die klassische Frauenrolle übernehmen, leiden zunehmend unter den gleichen Symptomen.

Die Physiologie des Zyklus

Hinzu kommt, dass die Physiologie des Zyklus den Frauen einiges an Energie abverlangt: Hormonhochs und -tiefs, Blutverlust und Schmerzen bei der Menstruation. Dabei verliert sie nicht einfach nur „ein wenig Blut und Eisen“, sondern auch wichtige andere Mikronährstoffe, die durch die heute übliche Ernährung auf Dauer nicht ersetzt werden können.

Häufig werden die körperlichen und seelischen Belastungen entweder durch unerfüllten Kinderwunsch oder durch Schwangerschaft und Stillzeit unterschätzt. Während der Wechseljahre wird das hormonelle Gleichgewicht empfindlich gestört. Das für die Frauen so wichtige Progesteron fließt zu lange in die Bildung der Stresshormone, eine relative Estrogendominanz mit Progesteronmangel stellt sich ein. Das führt zu einer zusätzlichen Destabilisierung anderer Hormonachsen, die weitere Organsysteme bis zur Erkrankung beeinflussen, insbesondere die Schilddrüse, Herz-Kreislauf-System, Niere, das Verdauungs- und Nervensystem. Körperliches und psychisches Ausgelaugtsein gehen dabei fast immer Hand in Hand.

Prävention statt Reparatur

Psychopharmaka können keine Lösung sein. Was ist zu tun? Die Politik muss sich verstärkt der Frauenproblematik annehmen und bessere Entwicklungs- und finanzielle Voraussetzungen bieten. Die Frauen müssen wieder lernen, auf die Signale ihres Körpers zu hören. Die Ärzte sollten sich zusätzlich zu ihren wichtigen Spezialisierungen in der Frauenheilkunde mehr der Frauengesundheit widmen. In vielen Orten gibt es bereits Therapeuten, die Projekte anbieten, wo Frauen lernen, mit ihren Mehrfachbelastungen umzugehen. Und wie sie durch Ernährungsoptimierung, Nahrungsergänzungen und individuelle Bewegungsangebote zu besserer Gesundheit finden können. In Anbetracht der oft schlechten finanziellen Situation von Frauen, sollten Sozialträger und Krankenkassen vermehrt in die Prophylaxe investieren.

Doch Präventionsmedizin kommt weniger, weil es ein Präventionsgesetz gibt, sondern eher, wenn Menschen sich für Gesundheit interessieren. Das muss in Kindergarten und Schule anfangen. Junge Menschen müssen lernen, was Gesundheit bedeutet, und dass man mit vergleichsweise geringem „Investment“ deutlich besser und gesünder leben kann. Und unsere älteren Patientinnen sollten wir dazu anregen, ihren persönlichen Lebensstil zumindest zu hinterfragen – und auch zu ändern.

Natürlich ist das leicht gesagt, aber schwer durchzuhalten. Dabei sind es nur wenige Dinge, die es für Patienten tatsächlich zu beachten gilt, um die Wahrscheinlichkeit für viele Krankheiten zu reduzieren:

• Ausgewogene Ernährung: nicht zu viele Kalorien, kein Fast Food, die fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag wären wünschenswert, erreichen aber nur 15 % der Frauen.

• Ausreichende Bewegung: Als ideal gelten dreimal 45 Minuten Ausdauersport die Woche, aber auch schon einfaches Gehen oder Treppensteigen hilft.

• Vermeiden von Genussgiften: Wer das Rauchen aufgibt und den Konsum von Alkohol begrenzt, lebt deutlich gesünder. Zwar gelten 10–15 g Alkohol pro Tag, das sind etwa ein viertel Liter Bier oder ein achtel Liter Wein, noch als tolerabel, aber viele Frauen merken, dass das für sie schon zu viel ist.

• Stressabbau: Belastende Situationen, wenn möglich, vermeiden oder die Belastung durch Entspannungstechniken reduzieren.

Was muss passieren, damit diese Denke Einzug in deutsche Praxen und Kliniken hält? Im niedergelassenen Bereich müsste die sprechende Medizin viel höher bewertet werden, und im Klinikbereich müssen die DRGs (Diagnosis Related Group) weg und endlich der kranke Mensch im Mittelpunkt stehen.

Wichtig ist es, Patientinnen zu informieren. Aus diesem Grund habe ich vor zehn Jahren das Netzwerk Frauengesundheit gegründet. In mittlerweile 335 Artikeln von Autoren mit Spezialwissen und mir werden den Leserinnen die eigentlichen Ursachen ihrer Beschwerden und Erkrankungen erklärt und Tipps zur Vorsorge gegeben. In den über 10.000 Kommentaren und 8.000 E-Mails der Leserinnen wird erschreckend deutlich, wie schlecht sie sich oft in der Arztpraxis aufgehoben fühlen, besonders bei chronisch rezidivierenden Erkrankungen.

Im Praxisalltag fehlt oft die Zeit für eine gute Beratung, die sich an der Situation orientiert, in der sich die Patientin befindet. Natürlich muss eine zeitaufwendige, ausführliche und gute Beratung auch viel besser anerkannt und bezahlt werden – dafür bedarf es einer Änderung der GOÄ. Wir dürfen  gespannt sein, was die längst überfällige GOÄ-Reform hier bringen wird.

Warum Naturmedizin?

Mehr und mehr gehen Patienten dazu über, sich selbst über Krankheiten und deren medizinische Behandlung zu informieren. Mit Naturmedizin verbinden viele Menschen den Wunsch nach individueller Zuwendung und ganzheitlicher Betrachtung ihrer Person. Viele dieser Patienten und vor allem Patientinnen arbeiten überdurchschnittlich aktiv an ihrer eigenen Gesundung mit.

Was ist das Besondere an der Naturmedizin? Sie setzt nicht unter Druck, sondern bietet eine Art „Schutzraum“ gegen die immer verrückteren Anforderungen des modernen Lebens. Der Wunsch nach alternativer und komplementärer Medizin ist in erster Linie der Wunsch nach einer anderen Art der Kommunikation und nach individueller Beratung und Diskussion auf Augenhöhe. Verschiedene Untersuchungen im Bereich der Kommunikationslehre zeigen, dass Wissenschaftler und Patienten nicht die gleiche Sprache sprechen. Und es ist ein Problem der Schulmedizin, dass die Auseinandersetzung mit den Sorgen und Nöten des Patienten heute unter großem Zeitdruck erfolgt und auf viele Berufsgruppen verteilt wird, die alle wiederum nur ein begrenztes Zeitkontingent bekommen.

Die Naturmedizin setzt auf eine ganzheitliche Behandlung, in der Zeitdruck durch Geduld und Empathie ersetzt wird. Oft hat der Patient erfahren, dass die Schulmedizin „mit ihrem Latein am Ende“ ist. Ein guter Arzt für Naturheilverfahren sollte Nutzen und Wirksamkeit der Naturmedizin abschätzen, entmystifizieren und neutral über die Vorzüge und Grenzen der Schulmedizin und der Naturmedizin aufklären. Immer mehr Patienten informieren sich selbst über Fachliteratur, Chats, Blogs, das Internet und übernehmen Verantwortung für ihre Gesundheit. Trotzdem lassen sie sich gerne beraten und (alternativ) behandeln.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Grenzen zwischen Natur- und Schulmedizin verschwinden. Die Akzeptanz der Naturmedizin wird in den 2020er-Jahren dem der Schulmedizin nahekommen. Im Zeitalter der Spezialisierung suchen sich die Erkrankten genau den Mediziner heraus, der ihrer Meinung nach am besten helfen kann. Ob das ein Natur- oder ein Schulmediziner ist, spielt dabei nur noch eine untergeordnete Rolle. Letztendlich ist in unserer Ich-orientierten Gesellschaft auch der Wille zur und der Glaube an die eigene Heilung der entscheidende Faktor.

Konkrete Entwicklungen

Wie wichtig vielen Patientinnen ihre Gesundheit ist, erkennt man an der Ernährung – die für viele schon zur Weltanschauung geworden ist. „Richtige“ Ernährung durch kompetenten Rat ist ein individuelles Problem, das uns Ärzte intensiv angeht, wie es der Kollege Platzer im vergangenen Jahr hier im PRIVATARZT GYNÄKOLOGIE formuliert hat. Viel zu wenige Patientinnen verstehen, dass man Krankheiten in jungen Jahren durch gut ausgewogene Ernährung verhindern kann, die später zu großen Leiden führen und zu Lasten aller behandelt werden müssen.

Dass Nahrungsergänzungsmittel helfen können, Defizite bei der Ernährung auszugleichen, ist ein alter Hut. Dabei wird aber vergessen, dass ein Multivitamin für alle genauso wenig Sinn macht wie ein Antibiotikum gegen alle Krankheiten. Labormedizin und Pharmakologie haben in den vergangenen Jahren so viele Fortschritte bei der Mikronährstoffdiagnostik gemacht, dass gezielt Mangelerscheinungen ausgeglichen werden könnten. Aber leider kennt sich der normale Arzt weder mit der Diagnostik noch mit der Therapie aus. Bei der Erforschung der sekundären Pflanzenstoffe, die als die Vitamine des 21. Jahrhunderts gelten, deutet sich jetzt schon an, dass viele Pflanzeninhaltsstoffe nicht nur die Gesundheit, sondern auch chronische Krankheiten beeinflussen bzw. heilen können.

Kleine naturheilkundliche Firmen, die sich teure Forschung nicht leisten können, haben die Patienten mit ihren Produkten so überzeugt, dass inzwischen von Seiten der Universitäten an sie heran-getreten wird, um die Erfahrungsheilkunde mit Grundlagenforschung zu untermauern. Gerne zitiere ich den Brottrunk, ein Lebens- und Heilmittel, das vor 50 Jahren von einem genialen Bäcker entwickelt wurde und dessen Pharmakologie in den vergangenen Jahren durch die Mikrobiomforschung entschlüsselt wurde.

Oder ganz aktuell als zukunftsweisende Entwicklung die Regulatessenzen, deren Herstellung über eine mehrstufige Fermentation läuft. Aus Obst, Gemüse und Nüssen werden mit der Kaskadenfermentation und unterschiedlichen Mikroorganismen die Makronährstoffe abgebaut und umgewandelt, was dem Prinzip unseres Stoffwechsels entspricht. Durch die Mehrfachfermentation mit unterschiedlichen Mikroorganismen wird die Zellwand der fermentierten Pflanzen komplett auf-gebrochen, und die Bioverfügbarkeit der enthal-tenen Pflanzenwirkstoffe wird gesteigert. Die Forschungen der vergangenen Jahre zeigen im Labor und beim Patienten, dass sich messbare immunologische und metabolische Veränderungen bei Gesunden und Kranken herbeiführen lassen.

Fazit

Viele Erkrankungen kann man ganzheitlich besser in den Griff bekommen, weil die Patientin dort abgeholt wird, wo sie steht. Auch im nächsten Jahrzehnt wird Naturmedizin nichts für alle sein, sondern für Leute, die sich mit ihrer Gesundheit beschäftigen und für eine bessere Welt auf die Straße gehen.

Jede Frau ist einzigartig. Jede Therapie sollte deshalb auch individuell ausgerichtet sein. Deshalb lade ich Sie herzlich ein, in meinen Workshops die Grundlagen der wichtigsten Methoden der Naturmedizin kennenzulernen, um Ihre (teil)aufgeklärten Patientinnen in Prävention und Therapie sinnvoll und ganzheitlich zu unterstützen. Gerne können Sie sich auch jederzeit aktiv ins netzwerk-frauengesundheit.com einbringen.

Mit einem ganzheitlichen Ansatz wird das Thema Frauengesundheit im nächsten Jahrzehnt eine treibende Kraft des gerne zitierten „Patient Empowerment“. Davon bin ich überzeugt.

Die Autorin

Prof. Dr. med. Ingrid Gerhard
Albert-Überle-Straße 11
69120 Heidelberg

www.netzwerk-frauengesundheit.com

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