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Gynäkologie

Frauengesundheit update

Ernährungspraxis in verschiedenen Lebensphasen

Nicole Hein

18.8.2026

Frauen erkranken anders als Männer – und ihr Stoffwechsel verändert sich im Laufe des Lebens grundlegend. Welche Rolle spielt die Ernährung dabei? Von Menopause bis Lipödem: Neue Erkenntnisse zeigen, wie Ernährung, Mikrobiom und metabolische Resilienz die Frauengesundheit beeinflussen.

Frauen leben im Durchschnitt 5 Jahre länger als Männer und ernähren sich anders. „Da habe ich mich gefragt, ist die Ernährung vielleicht ein Schutzfaktor und warum ernähren sich Frauen anders?“, sagte Dr. oec. troph. Claudia Laupert-Deick (Bonn). Die Ernährungswissenschaftlerin führte weiter aus, dass Frauen laut diverser Studien mehr Gemüse, Salat und Rohkost als Männer essen und prämenopausal seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen erkranken. Außerdem seien Frauen die Hauptverantwortlichen für das gesundheitliche Wohlergehen der Familie. Sie nutzten häufiger psychologische sowie medizinische Unterstützung und eigneten sich oft Wissen an, um das eigene, aber auch das Ernährungsverhalten der Familie zu verbessern.

Bei der kindlichen Prägung spielen laut Laupert-Deick immer noch soziokulturelle Einflüsse eine Rolle: Mädchen werden oft früh auf eine übermäßige Energie-, Zucker- und Fettzufuhr hingewiesen. „Jungen hingegen sollen essen, damit sie groß und stark werden“, erklärte die Ernährungswissenschaftlerin. Auch werden diese im Säuglingsalter häufig länger gestillt und erhalten als Kinder öfter eine zusätzliche Portion. „Durch die Werbung werden die soziokulturellen Einflüsse oft noch verstärkt“, so Laupert-Deick.

Laut des Berichts des Robert Koch-Instituts (RKI) zur gesundheitlichen Lage der Frauen in Deutschland (2020) ist der Anteil der untergewichtigen Frauen in jungen Lebensjahren relativ hoch (4 – 5 %), nimmt aber im gesamten Lebenslauf ab und liegt später bei 2,3 %. „Bedenklich ist, dass sich 26 % der untergewichtigen Frauen für genau richtig und 39 % der normalgewichtigen Frauen für zu dick halten“, führte Laupert-Deick weiter aus. Ihrer Ansicht nach ist das Übergewicht allerdings ein viel größeres Pro­blem. „Wir wissen, dass 50 % aller Frauen übergewichtig sind – mit steigender Tendenz im höheren Lebensalter.“

Übergewicht kann das polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) begünstigen und ist mit 8 –13 % die häufigste Hormonstörung bei Frauen im reproduktiven Alter. Schätzungen zufolge sind in Deutschland eine Million Frauen betroffen. Als Ursache gelten die Genetik, die Epigenetik wie ein hohes Geburtsgewicht oder Gestationsdiabetes, aber auch Lebensstilfaktoren. Adipositas wiederum ist die häufigste Komorbidität bei PCOS und stellt einen eigenständigen Risikofaktor für Infertilität und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen dar. Die zweite Krankheit, die in jungen Lebensjahren häufig auftritt, ist laut Laupert-Deick die Endometriose mit einer Prävalenz von schätzungsweise 40 000 Neuerkrankungen pro Jahr. „Laut Leitlinie soll Patientinnen eine gesunde und ballaststoffreiche Ernährung empfohlen werden. Von speziellen Diäten ohne Indikation, also ohne diagnostizierte Nahrungsmittelunverträglichkeit, wird hingegen abgeraten“, erklärte Laupert-Deick.

Wechselnder Nährstoffbedarf

Die Schwangerschaft und Stillzeit führen dazu, dass der Bedarf an bestimmten Mikronährstoffen steigt, beispielsweise erhöht sich der Bedarf an Eisen um 100 % während der Schwangerschaft (von 15 mg auf 30 mg). Allerdings sind Schwangerschaft und Stillzeit häufig die Phase, wo einige Frauen untergewichtig sind oder sich zunehmend vegetarisch oder vegan ernähren. „Wir wissen, dass Eisen und Vitamin B12 bei Veganern kritische Nährstoffe sind, sodass es in der Schwangerschaft zu einer Fehl- und Mangelversorgung der Mutter und des ungeborenen Kindes kommen kann“, so Laupert-Deick.

In der Familienphase zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr machen immer mehr Frauen Karriere, was oft zu einer Doppelbelastung durch Familie und Job führt. Infolgedessen unterliegen Lebensmitteleinkauf und Zubereitung dem Wandel. So wird häufig aus Zeitmangel zu Fertiggerichten gegriffen.

In den Jahren ab 40 plus sollte das weibliche Herz besondere Beachtung finden. Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien bei Frauen mit 40 % die häufigste Todesursache. „Zusammenfassend kann man sagen, dass beginnend mit der kindlichen Prägung und dem Gesundheitszustand der Schwangeren eine gesunde Basis gelegt wird“, resümierte Laupert-Deick. „In der Pubertät ist dann das Risiko für eine Fehl- und Mangelernährung besonders hoch und mit der Meno­pause werden die Prävention von Herz- und Kreislauf-Erkrankungen sowie Brustkrebs besonders wichtig.“

Die Wechseljahre: eine besondere Phase

„Mit den Wechseljahren stellt die Frau fest, so wie ich vorher gelebt habe, funktioniert das nicht mehr“, sagte Dr. rer. nat. Dorothea Portius (Halle-­Wittenberg). „Der weibliche Stoffwechsel wird mit der Transition weniger flexibel, weniger stabil und viel weniger adaptiv.“ Das Estrogen agiere auf allen Organsystemen und übe damit maßgebliche Funktionen aus. „Es ist unser metabolischer Taktgeber“, fasste die Ernährungswissenschaftlerin und Medical & Scientific Advisor zusammen. Postmenopausal kommt es durch den rapiden Abfall von Estrogen zu einer veränderten Körperzusammensetzung, weniger Muskel­masse sowie einer zunehmenden viszeralen Adipositas und verminderten metabolischen Anpassungsfähigkeit. Um Muskulatur zu erhalten bzw. aufzubauen sollte jedoch nicht nur die Proteinzufuhr erhöht werden. „Es sollte auch auf die Qualität, also vor allem auf die richtige Aminosäurenkompositition, geschaut werden.“

Die Menopause als mikrobieller Übergang

„Estrogen und Mikrobiom beeinflussen sich gegenseitig“, führte Portius weiter aus. Denn Estrogenrezeptoren im Darmepithel und im Immunsystem regulieren die Barrierefunktion, die Motilität und die mikrobielle Vielfalt. Mit dem starken Abfall der Hormone in der Menopause geht einher, dass sich auch das Mikrobiom verändert. Interessant sei in dem Zusammenhang auch das Estrobolom. Das sind Bakterien, die das Enzym β-Glucuronidase konjugieren. Dieses kann das Estrogen, das über die Galle ausgeschieden wird, wieder recyceln. Laut Portius existieren erste Studien, die beschreiben, dass Frauen, die über ein Mikrobiom mit einer höheren Diversität verfügen – das vermutlich mit einem besseren Estrobolom einhergeht –, geringere menopausale Symptome haben. „Vermutlich wird mehr Estrogen recycelt, wodurch ein gewisser Estrogenspiegel aufrechterhalten werden kann“, so Portius.

Was heißt das für die Ernährung in der Menopause? Bisher gibt es keine konkreten Ernährungsempfehlungen für diese Transitionsphase. „Wir müssen die Ernährung neu denken und nicht nur auf die Kalorienkontrolle blicken, sondern mehr auf die Biologie, hier vor allem auf die Resilienzstabilierung“, erläuterte Portius. Sie verwies auf die mediterrane Ernährungsweise und betonte, dass alles enthalten sein müsse und keine Lebensmittelklassen ausgeschlossen werden dürften. Besonders Proteine und Ballaststoffe seien wichtig, da sie die Insulinsensitivität modulierten, die Sättigung förderten und das Mikrobiom stabilisierten. Zudem fänden sich in bestimmten pflanzlichen Produkten Estrogene, was mit einer Reduktion von Wechseljahressymptomen einhergehen könne. Weiterhin verwies sie auf Nährstoffe wie Omega-3-Fettsäuren, Calcium und Vitamin D. Die Zukunft des menopausalen Managements sieht Portius in einer personalisierten Ernährung. „Wir können heutige Tools und Wearables nutzen, an denen wir bestimmte Parameter messen können, wie Schlaf, Körpertemperatur, die die menopausalen Symptome nachvollziehbar machen. Zusammen mit Ernährungsdaten können wir dann über künstliche Intelligenz gezielt anhand von gewissen Symptomklustern individualisierte Ernährungsempfehlungen aufstellen.“

Stressreduktion kann wichtiger sein als Gewichtsverlust

„Lipödem ist ein Krankheitsbild für das viele Ernährungsempfehlungen aus ganz verschiedenen Bereichen existieren“, erklärte Andrea Barth (Esslingen). „Allerdings ist die Evidenz für jede einzelne sehr schwach.“ Besonders populär sei die antientzündliche Ernährungsweise, führte die Diplom-Oecotro­phologin weiter aus. Außerdem würde den Patientinnen oft geraten, auf einzelne Nahrungsmittel zu verzichten. Diesen Verzicht sah Barth kritisch: „Die Patientinnen fangen an, Angst vor der Ernährung zu haben.“

Auch das Verständnis des Lipödems als lokal begrenzte Erkrankung mit einer ausschließlichen Manifestation an Armen und Beinen wandele sich. Vielmehr scheine es sich um eine systemische Störung des Fett- und Bindegewebes zu handeln.

Darüber hinaus scheinen in frühen Stadien des Lipödems keine ausgeprägten Entzündungsprozesse in den betroffenen Arealen vorzuliegen. Genetisch getriggerte Wachstums- und Umbauprozesse führten in den betroffenen ­Geweben zu einer erhöhten Vulnerabilität gegenüber zusätzlichen Belas­tungen, sodass extreme Kalorienrestriktionen, exzessiver Sport oder psychi­scher Druck weiteres Wachstum und Fibrosierungsprozesse fördern könnten. Ziel müsse es sein, metabolische Stabilität zu fördern und extreme Belastungen zu vermeiden. Damit rückt eine ausreichende Nährstoff­versorgung stärker in den Fokus als strikte Verbote. Antientzündliche Ernährung könnte zwar sinnvoll sein, dürfte jedoch nicht in rigide Regeln oder Verbotslisten münden.

Vorrangiges Ziel sollte laut Barth die Reduktion des metabolischen Stresses sein. Dazu gehören eine fundierte Aufklärung der Patientinnen, ausreichende Regenerationsphasen, beispielsweise durch nächtliche Fastenintervalle, oder eine Optimierung des Schlafs.

„Gewichtsabnahme allein sagt wenig über eine Verbesserung der Schmerzen oder des Lip­ödems aus“, betonte Barth. „Hingegen kann die Art der Intervention über die Ernährung und das Stressmanagement einen großen Effekt auf das Körpergewicht, die Symptomatik und erst recht auf die Psyche haben.“

Symposium „Frauengesundheit update” anlässlich des VDD Kongresses, Wolfsburg ,Mai 2026

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