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Fokus Naturmedizin

Chronische Lebererkrankungen

Ergänzende Therapiemaßnahmen

Prof. Dr. med. Roman Huber

29.7.2021

Verfahren der Komplementärmedizin können die Leber schützen und bei einer Lebererkrankung die Heilung unterstützen. Phytotherapeutika können sich insbesondere auf toxische Leberschäden und funktionelle Gallebeschwerden positiv auswirken.

Chronische Lebererkrankungen haben unabhängig von der Ursache einen prinzipiell ähnlichen Verlauf: Nach über Jahren bis Jahrzehnte anhaltendem Stadium der Leberzellschädigung durch Noxen wie Alkohol, Medikamente, Viren, Fetteinlagerung oder/und immunologische Prozesse kommt es zu einer zunehmenden Bindegewebsvermehrung (Fibrosierung) und schließlich bindegewebigen Umwandlung (Zirrhose). Die zunehmende Leberverhärtung führt zum Pfortaderhochdruck, die Funktionseinschränkung zu Eiweißmangel und Gerinnungsstörungen mit ihren bekannten Folgen (Panzytopenie durch Splenomegalie, Ösophagusvarizenblutung, Aszites, Ödeme usw.) sowie zur Entgiftungsschwäche mit Anstieg des Bilirubin, des Ammoniaks und anderer toxischer Metabolite. Mögliche Folgen dieser Anstiege sind Juckreiz und Gelbsucht bzw. hepatische Enzephalopathie und Leberkoma. Dazukommt ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines hepatozellulären Karzinoms, das die Lebenserwartung der Patienten deutlich einschränkt.

Häufige Erkrankungen der Leber

Die meisten chronischen Lebererkrankungen sind heutzutage mit Mitteln der Schulmedizin heilbar oder zumindest gut beherrschbar. Neben dem klassischen Risikofaktor Alkohol sind bei chronischen Lebererkrankungen weitere Risikofaktoren, insbesondere eine begleitende Steatose sowie eine Eisenüberladung, zu beachten. Eine Korrektur dieser Risikofaktoren führt häufig zu einem verbesserten Verlauf, auch wenn ein kurativer Ansatz nicht möglich ist. Die chronische Hepatitis C, die im Verlauf zu Spätfolgen und schweren Leberschädigungen wie Zirrhose und Leberkarzinom führen kann, ist heute als erste Viruserkrankung mit modernen Medikamenten fast immer heilbar (die Erfolgsrate liegt bei nahezu 100 %). Auch die chronische Hepatitis B sowie die Autoimmunhepatitis sind mit Medikamenten sehr gut langfristig beherrschbar. Das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko durch diese Hepatitiserkrankungen ist daher gering. 20–40 % der Patienten mit Lebererkrankungen wenden ergänzend oder alternativ Methoden der Naturheilkunde bzw. Komplementärmedizin an.[1–2] Bei der Hämochromatose, einer hereditären Eisenspeicherkrankheit, die zur Leberzirrhose führt, ist seit jeher der Aderlass die Standardtherapie, um eine Eisendepletion und (im Frühstadium) Heilung der Leberschäden zu erreichen. Bei alkoholtoxischen Lebererkrankungen ist natürlich der Verzicht auf Alkohol die beste und kurative Behandlung. Die häufigste und weiterhin nur unbefriedigend behandelbare Lebererkrankung ist die chronische nicht alkoholische Fettleberhepatitis (non-alcoholic fatty liver disease, NAFLD). Des Weiteren klagen viele Patienten über rechtsseitige Oberbauchbeschwerden, die traditionell als Gallebeschwerden gedeutet werden, heutzutage aber eher als unspezifische Oberbauchbeschwerden (Dyspepsie) klassifiziert werden.

Komplementärmedizin bei Steatose

Die Leberzellverfettung ist mit Übergewicht und Diabetes mellitus assoziiert und kann per se zu einer Leberzirrhose führen. Weniger bekannt ist, dass eine Fettleber (Steatose) jede Form der Lebererkrankung verschlechtert. So konnte gezeigt werden, dass übergewichtige Patienten mit einer chronischen Hepatitis C unabhängig vom Genotyp eine signifikant stärkere Leberverfettung aufweisen als schlanke Patienten, und dass der Grad der Steatose positiv mit dem Grad der Leberzellschädigung und dieser wiederum mit dem Grad der Leberfibrose korreliert.[3] Weiterhin wurde in mehreren kleinen Studien gezeigt, dass eine Gewichtsabnahme (9 % in 15 Monaten) durch vermehrte körperliche Aktivität und Kalorienrestriktion bei übergewichtigen Patienten mit chronischer Hepatitis C und anderen Lebererkrankungen zu einer deutlichen Reduktion der Transaminasen, einer Verbesserung der Steatose und, was bemerkenswert ist, in einigen Fällen zu einer Verbesserung der Fibrose geführt hat, obwohl die Viruslast durch diese Therapie nicht beeinflusst wird.[4] Es sollte daher bei übergewichtigen Patienten mit chronischen Lebererkrankungen egal welcher Genese eine Gewichtsnormalisierung angestrebt werden. Das Programm zur Gewichtsreduktion, bestehend z. B. aus vermehrter körperlicher Aktivität und Ernährungsumstellung, kann in ähnlicher Weise wie die Gewichtsreduktionsmaßnahmen für Patienten mit kardialen Risikofaktoren bzw. koronarer Herzerkrankung durchgeführt werden. Verschiedene, zumeist chinesische Pflanzenextrakte haben sich in Tierversuchen bei NAFLD wirksam gezeigt. Aussagekräftige klinische Studien, die eine Wirksamkeit von Phytotherapien bei NAFLD zeigen konnten, gibt es bislang nicht. Vor dem Hintergrund, dass Adipositas und NAFLD stark durch das Mikrobiom beeinflusst werden, wäre es jedoch durchaus spannend, die Wirksamkeit von Phytotherapeutika bei NAFLD als Mikrobiom-Modulatoren zu untersuchen.[5]

Toxische Leberschäden und Virushepatitis

Mariendistelfrüchte bzw. ihr Hauptwirkstoff Silibinin gehören zu den bisher am besten untersuchten pflanzlichen Präparaten überhaupt. Sie haben in vitro starke hepatoprotektive Wirkungen, fördern die Leberzellregeneration und wirken in verschiedenen Leberschädigungsmodellen antifibrotisch, membranstabilisierend und antioxidativ. Am überzeugendsten ist die Wirksamkeit bisher bei toxischen Leberschäden, z. B. durch Alkohol, eine Knollenblätterpilzvergiftung oder Medikamente, gezeigt worden.[6] Bei der chronischen Hepatitis C kommt es hingegen auch unter hohen Dosen nicht zu einer Verbesserung der Leberwerte und wahrscheinlich auch langfristig nicht zu einem klaren klinischen Nutzen.[7–8] Mit Glycyrrhizin, dem Hauptwirkstoff der Süßholzwurzel, kann man bei intravenöser Anwendung zuverlässig erhöhte Transaminasen bei Patienten mit chronischer Hepatitis B und C senken. Die Therapie wird häufig in Japan angewendet und wurde auch in Europa untersucht.[9] Dabei hat sich gezeigt, dass es trotz der Besserung der Leberwerte nicht zu einer eindeutigen Verbesserung der Entzündung bzw. Verlangsamung der Fibrose im Lebergewebe kommt. Der langfristige Nutzen der Glycyrrhizin-Infusionen ist damit unklar. Da die chronische Virushepatitis B und C inzwischen mit Polymerase- bzw. Proteinase-Inhibitoren geheilt bzw. gut behandelbar ist, besteht für die Phytotherapie bei Virushepatitis heutzutage kaum noch eine Indikation. Für zahlreiche andere pflanzliche Präparate wie Phyllanthusarten und verschiedene chinesische Kräuter gibt es Hinweise für eine gewisse Wirkung bei chronischen Lebererkrankungen, die jedoch noch nicht ausreichend gesichert ist.

Gallebeschwerden

Rechtsseitige funktionelle Oberbauchbeschwerden können gut mit Phytotherapie behandelt werden. Für Extrakte aus Artischockenblättern und Kombinationspräparate aus verschiedenen pflanzlichen Extrakten liegen positive placebokontrollierte Studien vor.[10–11] Bei beiden spielen Bitterstoffe für die Wirkung eine wesentliche Rolle. Auch andere Bitterstoffdrogen wie Enzian, Archangelika oder Wermut sind für die Behandlung geeignet.

Zusammenfassung und Fazit

Die Phytotherapie spielt insbesondere bei Patienten mit toxischen Leberschäden und sogenannten funktionellen Gallebeschwerden eine Rolle. Standardisierte Extrakte aus Mariendistelfrüchten haben hepatoprotektive Eigenschaften, die sich klinisch bei Patienten mit toxischen Leberschäden positiv auswirken. Artischockenblätterextrakte und verschiedene Bittermittel haben verdauungsfördernde Wirkung und wirken bei der Dyspepsie bzw. unspezifischen Beschwerden im rechten Oberbauch. Für Glycyrrhizin aus der Süßholzwurzel wurde eine Reduktion der Transaminasen nachgewiesen, der klinische Nutzen ist allerdings noch nicht eindeutig. Patienten mit NAFLD profitieren von einer Lebensstilmodifikation mit Gewichtsabnahme. Die genannten Phytotherapeutika bei Leber- und Gallebeschwerden sind sehr gut verträglich. Bittermittel können gelegentlich zu vermehrter Magensäureproduktion und Sodbrennen führen. Bei kleinen Gallensteinen gelten die choleretisch wirksamen Bitterstoffe traditionell als kontraindiziert, obwohl hierzu keine empirischen Daten vorliegen.

Der Autor

Prof. Dr. med. Roman Huber
Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie
Uni-Zentrum Naturheilkunde am Universitätsklinikum Freiburg

roman.huber@uniklinik-freiburg.de

[1] Strader DB et al., Am J Gastroenterol 2002; 97(9): 2391–2397
[2] Bruguera M et al., Med Clin (Barc) 2004; 122(9): 334–335
[3] Powell EE et al., Dig Dis 2010; 28(1): 186–191
[4] Hickman IJ et al., Gut 2004; 53(3): 413–419
[5] Lee SJ et al., Clin Nutr 2014; 33(6): 973–981
[6] Saller R et al., Forsch Komplementmed 2008; 15(1): 9–20
[7] Huber R et al., Eur J Med Res 2005; 10(2): 68–70
[8] Freedman ND et al., Aliment Pharmacol Ther 2011; 33(1): 127–137
[9] Orlent H et al., J Hepatol 2006; 45(4): 539–546
[10] Holtmann G et al., Aliment Pharmacol Ther 2003; 18(11-12): 1099–1105
[11] von Arnim U et al., Am J Gastroenterol 2007; 102(6): 1268–1275

Bildnachweis: Irina Shibanova (iStockphoto); privat

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