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Allgemeinmedizin

Präklinische und klinische Adipositas

Für eine Sinnvolle Prognose-Einteilung Muss nachjustiert werden

Prof. Dr. P. H. Matthias Schulze, Dr. rer. nat. Catarina Schiborn, Prof. Dr. med. Norbert Stefan

31.7.2026

Daten aus großen Bevölkerungsstudien machen klar, dass der Vorschlag einer Expertenkommission zur Unterscheidung einer präklinischen von einer klinischen Form der Adipositas prognostisch relevant ist. Das diagnostische Vorgehen muss vor dem Einsatz in der klinischen Praxis aber noch genauer festgelegt werden.

Adipositas zählt weltweit zu den wichtigsten Risikofaktoren für chronische Erkrankungen. Dennoch ist seit Jahren umstritten, ob ein erhöhter Body-Mass-Index (BMI) allein ausreicht, um die Erkrankung sinnvoll zu definieren. Eine internationale Expertenkommission (EK) hat deshalb Anfang 2025 vorgeschlagen, bei Adipositas eine präklinische und eine klinische Form zu unterscheiden [1]. Während bei der präklinischen Form zwar ein erhöhter Körperfettanteil vorliegt, fehlen manifeste funktionelle Störungen von Organen oder Stoffwechselprozessen. Bei der klinischen Adipositas zeigen sich bereits gesundheitliche Folgen.

Jetzt liefert eine Analyse auf Basis großer epidemiologischer Studien erstmals umfassende Daten zur Häufigkeit dieser beiden Adipositasformen und zu ihren gesundheitlichen Konsequenzen. Die Untersuchung stützt sich auf Daten aus der US-Bevölkerungsstudie NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey) sowie der EPIC(European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition)-Potsdam-Kohorte und der Interventionsstudie TULIP (Tübinger-Lebenstil-Interventions-Programm) aus Deutschland [2], wichtige Ergebnisse siehe Abb.

Wann beginnt erhöhtes Risiko?

Fast alle Personen mit BMI-definierter Adipositas erfüllten zusätzlich mindestens ein weiteres von der EK vorgeschlagenes anthropometrisches Kriterium für erhöhte Fettmasse, etwa beim Taillenumfang oder Taillen-Größen-Verhältnis. Damit ist fraglich, ob der Schritt der Adipositasbestätigung bei erhöhtem BMI mit den vorgeschlagenen Kriterien sinnvoll ist.

Die Differenzierung in präklinische und klinische ­Adipositas erwies sich als prognostisch relevant. In EPIC-Potsdam hatten Personen mit klinischer Adipositas ein 2,8-fach erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten im Vergleich zu Personen ohne Adipositas und klinische Auffälligkeiten. Das kardiovaskuläre ­Risiko war bei ­präklinischer Adipositas nicht erhöht. Das ­Risiko für Typ-2-Diabetes war bei klinischer Adipositas fast 8-fach erhöht, aber auch bereits bei präklinischer gesteigert. Dies deutet darauf hin, dass der EK-Vorschlag Personen mit Adipositas z. T. noch als präklinisch klassifiziert, ­obwohl ihr Risiko schon erhöht ist.

Lebensstil-Intervention wirkt

Neben der Risikoanalyse prüften die Forschenden auch, ob sich klinische Adipositas durch Lebensstil-Interventionen beeinflussen lässt. In der TULIP-Inter­ventionsstudie führte eine 9-monatige Kombination aus Ernährungsumstellung und gesteigerter körperlicher Aktivität zu messbaren Verbesserungen. Bereits eine moderate Gewichtsreduktion von > 3 % senkte den Anteil klinischer Adipositas von 71 % auf 57 %. Zudem besserten sich metabolische Faktoren wie Triglyceridwerte und Prädiabetesraten deutlich.

Interessant: Nicht nur der BMI war wichtig für den Therapieerfolg, sondern etwa auch das Alter und der Leberfettgehalt beeinflussten die Wahrscheinlichkeit einer Remission der klinischen Adipositas.

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass eine differenziertere Klassifikation von Adipositas helfen könnte, Risiken präziser einzuschätzen und ­Behandlungsstrategien gezielter einzusetzen als der BMI allein. Eine differenzierte Klassifikation könnte Prävention, Prognose und Therapie von Menschen mit Adipositas entscheidend verbessern. Der gegenwärtige Vorschlag der Expertenkommission benötigt allerdings eine Nachschärfung der Kriterien.

Prof. Dr. P. H. Matthias Schulze
Leiter der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE
mschulze@dife.de

Dr. rer. nat. Catarina Schiborn
Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Molekulare Epidemiologie am DIfE
catarina.schiborn@dife.de

Prof. Dr. med. Norbert Stefan
Professur für Klinische und Experimentelle Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen
norbert.stefan@med.uni-tuebingen.de

  1. Rubino F et al., Lancet Diabetes Endocrinol 2025; 13(3): 221–62
  2. Schiborn C et al., Nat Commun 2026; 17: 1935
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