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Brustkrebsmonat

Interview

Ein Erfolgsmodell mit Luft nach oben

31.10.2023

Seit 20 Jahren findet in Deutschland die Versorgung von Patientinnen mit Mammakarzinom vor allem in den Brustzentren statt. Solange die Therapie läuft. Prävention, Diagnostik und Nachsorge fallen aber nach wie vor in den Verantwortungsbereich der niedergelassenen Frauenärztinnen und Frauenärzte und da stellt sich natürlich die Frage: Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Praxis und Brustzentrum?

Darüber sprachen wir mit Dr. Christiane von Holst. Dr. von Holst leitet eine Frauenarztpraxis in Heidelberg und ist aktiv beim Medi-Verbund Baden Württemberg. Wir kennen uns schon sehr lange und duzen uns deshalb auch.

Christiane, wie beurteilst Du bei der Betreuung von Mammakarzinom-Patientinnen die Schnittstellen zur Klinik? Haben die Brustzentren etwas geändert an Deinem Versorgungsalltag?

Ich weiß nicht, ob die meinen Berufsalltag wirklich verändert haben. Man schickt die Patienten hin und dort wird die Therapie festgelegt, nach den neuesten Maßstäben und Studien. Während der eigentlichen Therapie sind sie nicht bei mir, kommen aber sofort danach zurück. Quasi letzter Tag Therapie, am nächsten Tag bei mir. Der Unterschied zu früher: Vorher war es ein bisschen mehr zerfleddert und man musste sich mehr durchfragen. Insofern ist es heute besser, weil man nur noch einen Ansprechpartner hat.

Wie ist das mit der Übergabe - funktioniert die gut?

Ich kann jetzt nur für Heidelberg sprechen und hier funktioniert das in der Regel sehr gut. Wenn die Patientin nach der Therapie zu mir kommt, habe ich den Brief schon erhalten oder sie hat ihn dabei. Vorher ist besser, man muss sich ja erstmal durch gefühlt 100 Seiten lesen. Das wird mit der elektronischen Umstellung sicher noch besser, aber läuft schon gut. Und dort ist ja genau festgelegt, wie die zukünftige Therapie aussehen soll. Und ich mache die Nachsorge, das heißt ich sorge dafür, dass diese Therapie eingehalten wird und mache auch die Kontrolluntersuchungen. Und bei Problemen kann man im Brustzentrum nachfragen, die Patientin ist ja dort bekannt.

Was ich so mitbekomme, läuft das ziemlich gut – weil auch alles standardisiert ist und die Patientinnen nicht mehr so davon abhängig sind, wo sie gerade gelandet sind. Früher wurde sicher viel zu viel radikal operiert. Brust ab und fertig. Das ist heute sicher viel besser. Aber ich glaube tatsächlich, dass auch die Qualität der Brustzentren von Stadt zu Stadt schwankt.

Wie definierst Du Deine Rolle bei der Betreuung? Und was erwarten deine Patientin von dir?

Meine Patientinnen erwarten von mir, dass ich ihnen zur Seite stehe mit ihren ganzen Fragen. Das passiert natürlich auch schon im Brustzentrum, aber diese existenziellen Ängste sind danach ja nicht weg. Dein Leben wird in Frage gestellt. Die Patientinnen wollen bei aller Expertise des Brustzentrums auch von mir am Ende des Tages immer das Plazet, dass das die richtige Therapie ist.

Du warst halt schon vor dem Brustkrebs da.

Ja, ich war schon vor dem Brustkrebs da und habe ihn vielleicht auch diagnostiziert. Dann ist die Reaktion unterschiedlich. Die eine ist dankbar, das der Tumor entdeckt wurde und kommt natürlich wieder zu mir in die Praxis. Es gibt aber auch Patientinnen, die den Schock der Diagnose so mit mir verbinden, dass sie zur Nachsorge lieber woanders hingehen.

Wie sieht die Anschluss-Betreuung bei Dir aus?

Das ist die normale Tumornachsorge. Am Anfang sehe ich die Patientin jeden Monat, später alle sechs Monate. Ich mache immer einen Ultraschall der Brust, obwohl der tatsächlich nicht entsprechend bezahlt wird. Aber das brauchen die Frauen zur Sicherheit. Viele werden auch ganz unruhig, wenn die fünf Jahre um sind und sie aus der Nachsorge rausgehen. Auf einmal ist dann dieses Netz dieser Kontrolle weg.

Wie viel Psychologin bist du denn bei deinen Patientinnen?

Ja, ein Großteil ist da Psychologie. Die Patientinnen achten ganz genau auf die Worte und auf meine Reaktion. Man muss sehr vorsichtig sein in dem, was man sagt. Man muss die Patientin lesen können. Manche Patientinnen wollen nicht darüber sprechen, die wollen einfach ihre Nachsorgeuntersuchung haben und dann ist es gut. Aber die meisten kommen angespannt hier an, auch noch Jahre nach der Diagnose. Und leider gibt es trotz aller Fortschritte ja auch Rezidive. Und wenn Patientinnen nach zehn Jahren in der Hoffnung, das alles vorbei ist, auf einmal Metastasen in Knochen haben, wird es schwierig, sie noch einmal zu einer Therapie zu motivieren.

Die psychologische Therapie in den Brustzentren ist sehr gut. Aber wenn dir dann ein zweites Mal der Boden unter den Füßen weggezogen wird, ist es ernster. Psychotherapeutische Unterstützung wird auch dann in den Brustzentren sofort angeboten. Das nehmen aber nicht alle Frauen wahr, was ich immer schade finde.

Wenn Du die Laudatio zu 20 Jahren Brustzentren halten solltest – was würdest Du herausstellen?

Ich glaube, ich würde vor allem über Themen wie Psychologie reden. Und über Kosmetik, wo den Frauen gezeigt wird, wie sie mit dem Verlust von Haaren, Augenbrauen und Wimpern umgehen. Denn auch diese Themen haben eine tragende Rolle in den Zentren. Dort kriegt die Patientin ein Gesamtpaket, wenn sie das will. Inklusive Rehamaßnahme gleich nach der Therapie. Da werden die Anträge schon gestellt, da ist ein sozialer Dienst, der sich darum kümmert. Das kann eine durchschnittliche gynäkologische Praxis ja gar nicht leisten.

Eine ganz andere Frage noch: Früherkennung des Mammakarzinoms. Da gibt es ja das große deutschlandweite Screeningprogramm für Frauen bis 69. Was ist die Aufgabe der Praxis? Das zu füttern?

Ja, ich finde schon. Ich spreche jede Frau an, ob sie am Mammografie Screening teilnimmt und notiere das. Musst du auch das Haftungsgründen machen. Es gibt Frauen, die sagen „Ich will das nicht“. Dann erkläre ich das noch mal. Wenn dann aber die Patientin nicht will, akzeptiere ich das. Ich frage  aber bei jedem Besuch wieder nach, ob sie ihre Meinung geändert hat. Wenn das nicht der Fall ist empfehle ich ihnen zumindestens einen Brust-Ultraschall, also irgendeine Art von Früherkennung.

Wie groß ist der Anteil deiner Patientinnen grob geschätzt, die das regelmäßig machen?

Ich würde sagen, rund 2/3 gehen zur Mammografie. Und die meisten fühlen sich dadurch auch sicher. Die sind halt nur unsicher, wenn es mit 69 Jahren aufhört.

Was machen die dann?

Viele kommen weiterhin. Wenn es einen konkreten Verdacht gibt, schreibe ich eine Überweisung. Aber sonst muss man den Frauen auch sagen: Das regelmäßige Untersuchungsschema ist jetzt vorbei und das kann ich nicht ändern. Das sind die Vorgaben der Politik. Aktuell wird ja gerade diskutiert, ob man es verlängert oder früher anfängt. Früh anfangen  wäre tatsächlich sinnvoll mit 45, denke ich. Wichtiger als nach hinten zu verlängern. Klar, es gibt immer die Fälle, die dann mit 79 ein Mammakarzinom haben, so viele sind das aber nicht.

Diese Diskussionen um Leistungen, warum die nicht mehr übernommen werden – da sind wir als Ärzte einfach die Falschen. Wir würden ja gerne mehr machen – es ist aber offensichtlich politisch nicht gewünscht..

Ein schönes Schlusswort. Ich danke dir.
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