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Orthopädie

Rückenbeschwerden

Seele, Stress und Schmerz

Dr. med. Alfred Huber

29.7.2021

Rückenschmerzen werden noch zu selten mit psychischen Ursachen assoziiert. Bei den Betroffenen sollte daher eine detaillierte Anamnese erfolgen, die auch mögliche Stressfaktoren ermitteln kann, denn ein ganzheitlicher, patientenindividueller Ansatz kann den Therapieerfolg verbessern.

Dauerhaftes Sitzen, schweres Heben, ruckartige Drehbewegungen – die Auslöser für Rückenschmerzen sind beinahe genauso zahlreich wie die Anzahl der Betroffenen. Beschwerden an der Wirbelsäule stellen seit Jahren die mit Abstand am weitesten verbreitete Volkskrankheit in Deutschland dar. Rund ein Drittel der Bevölkerung hat laut aktuellen Studien häufig oder sogar ständig Rückenschmerzen. Doch es sind längst nicht nur mechanische Faktoren, die Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule verursachen können. Psychische Belastungen wiegen manches Mal genauso, wenn nicht sogar schwerer als die körperlichen Voraussetzungen bzw. die Verfassung des Patienten. Die gegenseitige Abhängigkeit von Psyche und Physis lässt sich mittlerweile besser nachweisen als je zuvor, die Anzahl der diagnostizierten seelischen Auslöser für Schmerzen und Beschwerden an der Wirbelsäule steigt stetig an. Bei ca. 30 % der Rückenpatienten lassen sich die Probleme teilweise oder sogar vollständig auf seelische Ursachen zurückführen. Besonders deutlich wird das Zusammenspiel von Körper und Geist auch in der Genesungsphase nach einer Operation: Ist der Patient vor dem Eingriff von Sorgen oder Ängsten geplagt, trauert oder ist depressiv, wirken sich diese Gedanken und Gefühle negativ auf den Heilungsprozess aus. Deshalb ist es höchste Zeit, dass Ärzte den psychischen Zustand der Patienten abfragen – am besten bereits im Anamnesegespräch, bevor nach körperlichen Ursachen geforscht wird.

Stress beeinflusst den Zellstoffwechsel

Doch woran liegt es, dass sich seelische Anspannung oder Angst auch meist unmittelbar auf den Schmerz und die Genesung auswirken können? Vereinfacht gesagt: Unser Gehirn und unser Körper können im Gegensatz zu unserem Bewusstsein nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Genau aus diesem Grund wachen wir nach nächtlichen Albträumen morgens oft schweißgebadet auf. Der Körper hat – ausgelöst durch die Macht der Bilder – einfach reagiert, auch wenn das „Erlebte“ gar nicht real war. Erhöhte Adrenalinwerte, Herzrasen – die imaginativen Kräfte haben durch die limbischen Strukturen unseres Gehirns Reaktionen ausgelöst, die sich bis in die Bereiche unseres Zellstoffwechsels ausdehnen. Wer dies einmal verstanden hat, kann erahnen, wie wichtig der Faktor Psyche auf unser Schmerzempfinden ist – und damit auch auf die Genesung. Es ist demnach umso erstaunlicher, wie wenig Beachtung dem Thema „Psychologie“ bei der Therapie von Schmerzpatienten hierzulande meist geschenkt wird.


Schmerzen als subjektive Größe

Deshalb greift es zu kurz, die Therapie von Rücken­erkrankungen ausschließlich auf physiologische Faktoren auszurichten, auch wenn im Rahmen der Diagnostik eindeutige Faktoren wie degenerierte Wirbel oder Vorwölbungen identifiziert wurden, die für den Schmerz ursächlich sind. Die Einstellung des Patienten und seine ganz individuelle Lebenssituation spielt eine ganz entscheidende Rolle, wie er a) den Schmerz aktuell fühlt, b) mögliche Therapien annimmt und c) hierdurch auch den Zeithorizont seiner Genesung determiniert.

Psychischen Zustand ermitteln

Es sollten daher mit dem Patienten ausführliche Gespräche geführt werden, in denen weitaus mehr über den Patienten zu erfahren ist, als durch Röntgen- oder MRT-Bilder. Wie geht der Patient generell mit Schmerz um? Welche Auswirkungen belasten ihn am meisten? Bei vielen ist dies zum Beispiel der Zwangsverzicht auf den geliebten Sport. Will der Patient vielleicht nicht mehr arbeiten? Hat er sich durch seine ständigen Schmerzen von Familie und Freunden isoliert? Hat er familiäre oder finanzielle Probleme? Ist er extrem im Job eingebunden und leidet unter starkem Stress? Das alles sind Fragen, die in Gesprächen und über Fragebögen ermittelt werden können. Ziel ist es, den Patienten nach dem Eingriff so schnell wie möglich wieder fit werden zu lassen – nicht nur physisch, sondern auch psychisch.

Positive Einstellung fördern

Dazu gehört es zunächst vor allem, dem Patienten die Angst vor seiner Erkrankung zu nehmen. Denn im Gegensatz zu onkologischen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Rückenschmerzen nicht tödlich. Das zeigt zugleich auch, wie wichtig generell eine positive, hoffnungsvolle Ansprache der Patienten bei Rückenerkrankungen ist. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass der Patient verunsichert wird, nicht an seine Genesung glaubt und sich schont, statt aktiv zu bleiben. Denn Schonhaltungen und Verunsicherungen sind ursächlich für die Chronifizierung von Schmerzen, von der man spricht, wenn Leiden nicht innerhalb von sechs Monaten abklingen. Bereits in dieser Zeit wird das sogenannte Schmerzgedächtnis aktiv und suggeriert dem Körper Schmerz, auch wenn er anatomisch nicht mehr zu erklären ist.


Entspannung zur mentalen Genesung

Neben der physischen Therapie, zum Beispiel durch eine Operation, sind bei Chronifizierung auch psychologische Ansätze gefragt. Diese können zum Beispiel klassische Entspannungsübungen, Medidation oder autogenes Training darstellen. Denn besonders Stresssituationen wirken sich häufig in chronischer Verspannung der Rückenmuskulatur aus. Mentale Entspannung löst so buchstäblich auch physische Schmerzursachen – und trägt zur Genesung und Durchbrechung des Teufelskreises bei. Zur Aufarbeitung psychosozialer Faktoren, zum Beispiel familiärer Probleme oder Stress am Arbeitsplatz, kann die Konsultation eines Psychologen zusätzlich helfen, um die mentalen Ursachen des Schmerzes anzupacken. So wird der Genesungsprozess, zum Beispiel im Rahmen der Therapie oder nach einer Operation, ganzheitlich angegangen – physiologisch und mental.

Beste Schmerzprävention: aktiv leben

Aber natürlich kann der Patient bereits selbst vieles tun, um möglichst lange schmerzfrei zu leben. Um dies bestmöglich auszuschließen, wird beispielsweise grundsätzlich empfohlen, ein möglichst aktives Leben zu führen. Regelmäßiger Sport, kurze Bewegungspausen im Büroalltag, Vermeidung von Übergewicht, aber auch ausreichendes Trinken helfen ebenso dabei wie Vermeiden und aktives Begegnen von Alltagsstress.

Der Autor

Dr. med. Alfred Huber
Facharzt für Neurochirurgie
Rotkreuzklinik Lindenberg
88161 Lindenberg

info@alfredhuber.eu

Bildnachweis: privat

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