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Gynäkologie

Finale Version veröffentlicht

S3-Leitlinie aktualisiert Still-Empfehlungen

Dr. rer. nat. Reinhard Merz

19.6.2026

Im Frühjahr 2026 wurde die finale Version der S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ veröffentlicht. Sie empfiehlt, reifgeborene Babys in den ersten 6 Monaten voll zu stillen und eine Gesamtstilldauer von mindestens 12 Monaten. Damit nähert sich die deutsche Leitlinie wieder der WHO-Empfehlung an.

Mit der neuen S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“ liegt eine interdisziplinär konsentierte, evidenzbasierte Referenz für die Stillberatung in Deutschland vor [1,2]. Für Gynäkologie und Geburtshilfe ist dies mehr als eine pädiatrische Empfehlung: Stillberatung beginnt pränatal, prägt das Wochenbett und berührt zentrale Aspekte der Frauengesundheit.

Die Leitlinie empfiehlt, reifgeborene Kinder bis zum vollendeten 6. Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend zu stillen. Darüber hinaus soll die Gesamtstilldauer mindestens 12 Monate betragen. Deutschland nähert sich damit wieder der international etablierten Empfehlung an, 6 Monate voll zu stillen und anschließend unter Beikosteinführung weiter zu stillen.

Ein relevanter Strategiewechsel

Der Wechsel ist klinisch relevant. Bisher wurde hierzulande häufig ein Zeitfenster von 4 bis 6 Monaten für ausschließliches Stillen kommuniziert. Nach Einführung der Beikost sollte weiter gestillt werden, solange Mutter und Kind dies wünschen. Hintergrund waren unter anderem Überlegungen zur Allergieprävention und zur frühen Einführung potenziell allergener Nahrungsmittel. Die neue S3-Leitlinie trennt diese Fragestellung methodisch von der Frage nach der optimalen Stilldauer.

Für die Praxis ist begriffliche Präzision wichtig. Ausschließliches Stillen bedeutet Ernährung allein mit Muttermilch, ohne zusätzliche Flüssigkeiten, Formula oder Beikost. Beim überwiegenden Stillen können Wasser oder Tee gegeben werden. Beide Formen werden als Vollstillen zusammengefasst. Teilstillen liegt vor, wenn zusätzlich nahrhafte Flüssigkeiten, Muttermilchersatzprodukte oder Beikost gegeben werden. Die Empfehlung zur Gesamtstilldauer bezieht sich unabhängig von der Stillintensität auf jede Form der Muttermilchernährung.

Die Leitlinie entstand unter Federführung von DGKJ, DGGG und DGHWi unter Beteiligung zahlreicher Fachgesellschaften, Berufsverbände und Vertreterinnen der Zielgruppe. Die Empfehlung zum 6-monatigen ausschließlichen oder überwiegenden Stillen erhielt Empfehlungsgrad B bei starkem Konsens. Die Empfehlung zur Gesamtstilldauer von mindestens 12 Monaten wurde mit Empfehlungsgrad A konsentiert. Die Evidenz bleibt dennoch kritisch einzuordnen: Die Daten stammen überwiegend aus Beobachtungsstudien, das Vertrauen in die Evidenz ist für viele Endpunkte niedrig oder sehr niedrig.

Kindliche und maternale Endpunkte

Die untersuchten kindlichen Endpunkte umfassen unter anderem Otitis media, gastrointestinale Infektionen, Asthma bronchiale, atopische Dermatitis, Karies, Zahnfehlstellungen, Übergewicht und Adipositas sowie Typ-1-Diabetes. Konsistente Signale zeigen sich insbesondere bei Infektionen: Ausschließliches bzw. überwiegendes Stillen über mehrere Monate ist mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für Otitis media und gastrointestinale Infektionen assoziiert. Für eine Gesamtstilldauer von mindestens 12 Monaten finden sich ebenfalls Hinweise auf protektive Effekte bei bestimmten Infektions-Outcomes. Auch bei Übergewicht sowie Adipositas wird ein potenziell günstiger Zusammenhang beschrieben.

Aus gynäkologischer Sicht sind auch die maternalen Endpunkte besonders relevant. Längeres Stillen ist mit Hinweisen auf Vorteile für metabolische und onkologische Gesundheitsparameter verknüpft. Für die kumulative Lebensstilldauer finden sich Anhaltspunkte für ein geringeres Risiko eines metabolischen Syndroms. Für Typ-2-Diabetes, insbesondere nach Gestationsdiabetes, ist Stillen biologisch plausibel und klinisch bedeutsam, wenngleich die Evidenz heterogen bleibt. Darüber hinaus werden protektive Assoziationen für Mammakarzinom, Ovarialkarzinom und Endometriumkarzinom diskutiert. Stillförderung rückt damit als Bestandteil langfristiger Frauen­gesundheit stärker in den Fokus.

Die Versorgungsrealität zeigt eine deutliche Lücke zwischen Stillbeginn und empfohlener Stilldauer. Nach KiGGS-Daten wurden 87 % der Säuglinge in Deutschland jemals gestillt; bis zum Ende des 6. Lebensmonats wurden jedoch nur 13 % ausschließlich gestillt. Etwa ein Fünftel der Kinder wurde bis zum 12. Monat gestillt. Stillverhalten und Stilldauer sind sozial und medizinisch ungleich verteilt: Bildungsstatus, Mehrlingsgeburt, Frühgeburtlichkeit sowie maternales Übergewicht oder Adipositas beeinflussen Stillbeginn und Stilldauer. Hier liegt eine zen­trale Aufgabe der geburtshilflich-­gynäkologischen Betreuung: Risikokonstellationen früh erkennen, Unterstützung aktiv vermitteln und realistische Beratungsziele formulieren.

Doppelte Botschaft für die Kommunikation

Für die Kommunikation ist eine doppelte Botschaft erforderlich. Für gesunde reifgeborene Kinder ist 6-monatiges ausschließliches oder überwiegendes Stillen das neue Public-Health-Ziel, und das Weiterstillen über mindestens 12 Monate sollte regelhaft angesprochen werden. Andererseits bleibt Stillberatung individualisierte Medizin. Leitliniengerechte Beratung sollte unterstützen, nicht normieren.

Auch Zielkonflikte gehören in die fachliche Beratung. Für die Gesamtstilldauer von mindestens 12 Monaten wurden Sondervoten formuliert, unter anderem wegen der in einzelnen Studien beobachteten erhöhten Karieslast bei längeren Stilldauern. Praktisch folgt daraus kein Abrücken von der Empfehlung, sondern eine präventive Konkretisierung: Ab Durchbruch des ersten Milchzahns sind Fluoridprophylaxe, regelmäßiges Zähneputzen, Kontrolle freier Zucker und frühzeitige zahnärztliche Beratung mitzudenken.

Die neue S3-Leitlinie beendet nicht die wissenschaftliche Diskussion, sie ordnet sie. Für die Gynäkologie ist Stillen nicht nur Ernährung des Kindes, sondern ein physiologischer Prozess mit Relevanz für maternale Prävention, postpartale Betreuung und gesundheitliche Chancengleichheit. Die Aufgabe der Versorgung besteht darin, Frauen so zu begleiten, dass das empfohlene Stillziel erreichbar wird – ohne Druck, aber mit klarer fachlicher Orientierung.

  1. S3-Leitlinie „Stilldauer und Interventionen zur Stillförderung“. AWMF-Reg.-Nr. 027-072
  2. Gemeinsame Pressemitteilung von DGKJ, DGGG und DGHWi vom Februar 2026
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