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Allgemeinmedizin

Prävention und Therapie von Herzerkrankungen

Regelmäßiger Sport von Nutzen

Dr. med. Verena Heinicke, Prof. Dr. med. Martin Halle

29.7.2021

Inaktivität ist ein eigenständiger Risikofaktor für viele kardiovaskuläre Erkrankungen. Mit einem aktiven Lebensstil verfügt jeder Mensch über die Möglichkeit, sein persönliches Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems zu reduzieren – ganz ohne Nebenwirkungen.

Mit körperlicher Aktivität lassen sich Organe vielfältig beeinflussen. Sie eignet sich daher sowohl für die Prävention als auch die Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Positive Effekte zeigt Bewegung bei folgenden Risikofaktoren:

Arterielle Hypertonie

Neben Nikotin ist die arterielle Hypertonie der wichtigste Risikofaktor für eine koronare Herzerkrankung. Regelmäßige Aktivität senkt den Blutdruck sowohl bei normotensiven Patienten in der Primärprävention als auch bei hochnormalen Blutdruckwerten und bei bestehender Hypertonie. Körperliche Bewegung fördert die Elastizität der Gefäße, senkt die Gefäßsteifigkeit und verbessert die Endo­thelfunktion. Lebensstilmaßnahmen mit dem Ziel der Gewichtsreduktion und täglicher, moderater körperlicher Aktivität von 30 Minuten Dauer stellen daher die erste Maßnahme bei der Diagnose einer arteriellen Hypertonie dar.

Diabetes mellitus

Physische Bewegung führt durch die Translokation von GLUT-4-Transportern in die Zellmembran dazu, dass Glucose eigenständig und insulinunabhängig in die Zelle aufgenommen werden kann. Sowohl ein strukturiertes aerobes Ausdauer- als auch ein allgemeines Krafttraining verbessern längerfristig den Glucosestoffwechsel (gemessen als Reduktion des HbA1c).

Dyslipidämie

Körperliche Aktivität hat auch positive Effekte auf das Lipidprofil – Triglyceride werden vermindert und das HDL-Cholesterin in moderatem Umfang erhöht. Zusätzlich wird die Partikelgröße und somit die Atherogenität des LDL-Cholesterins positiv beeinflusst.

Die Empfehlung zur Primärprävention von kardiovaskulären Erkrankungen lautet daher: Inaktivität vermeiden! Anzustreben ist eine (persönlich bestmögliche) Aktivität mit insgesamt mindestens 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche. Wird Sport mit höherer Intensität betrieben, ist es das Ziel, mindestens 75 Minuten pro Woche zu absolvieren. Es ist jedoch zu empfehlen, diese Grenze als Minimum zu sehen, denn je aktiver der Mensch ist, desto niedriger ist sein Risiko (Dose-Response-Effekt). Zusätzlich sollte ein Krafttraining zweimal pro Woche umgesetzt werden. Regelmäßige körperliche Aktivität im Sinne der Empfehlung reduziert das Risiko für eine koronare Herzerkrankung, für eine Herzinsuffizienz sowie für das Auftreten von Vorhofflimmern. So kann jeder eigenständig sein Krankheitsrisiko positiv beeinflussen.

Trainingsempfehlungen optimal umsetzen

Die erwähnte Empfehlung zur Primärprävention kann von jedem individuell gestaltet werden. Sinnvoll ist es, Sportarten zu wählen, die Freude bereiten, da hierdurch die längerfristige Motivation gefördert wird. Wichtig ist zudem zu Beginn, dass jeder Patient auf seinem individuellen Belastungsniveau einsteigt: für jemanden, der bisher sportlich inaktiv war, heißt das, mit einem geringen Umfang (z. B. zehn Minuten) zu starten und diese Aktivität mit geringer Intensität auszuführen (Reden sollte dabei noch möglich sein). Über die nächsten Wochen sollte dann zuerst der Umfang langsam gesteigert und im weiteren Verlauf auch die Intensität erhöht werden. Als klassische aerobe Ausdauersportarten bieten sich Walken, Wandern, Radfahren oder auch Skilanglauf an. Grundsätzlich eignen sich natürlich auch Sportarten mit wechselnder Intensität, z. B. Ballsportarten, – Hauptsache, die Freude an der Bewegung wird entwickelt, egal ob allein oder in der Gruppe.

Cave: Patienten mit Risikofaktoren wie Bluthochdruck sollten medikamentös gut eingestellt sein.

Sport als Therapie

Nicht nur in der Prävention, sondern gerade auch in der Therapie von kardiovaskulären Erkrankungen spielt regelmäßige sportliche Betätigung eine entscheidende Rolle für die Prognose der Erkrankung. Gut belastbare KHK-Patienten haben eine deutlich bessere Überlebensrate als schlecht belastbare Patienten. Durch Steigerung der Belastbarkeit kann die Prognose verbessert werden. Dies kann allein durch regelmäßige körperliche Aktivität im Sinne eines strukturierten Trainings erzielt werden. Deswegen ist es entscheidend, dass Patienten nach einem Herzinfarkt an einem regelmäßigen Training teilnehmen, um die Belastbarkeit und auch die Überlebensrate längerfristig positiv zu beeinflussen.

Für Patienten mit kardiovaskulärer Erkrankung (z. B. Herzinsuffizienz, koronare Herzerkrankung) lauten die Ratschläge: Gerade eingeschränkte Patienten mit geringer Belastbarkeit dürfen sich immer nur entsprechend ihrem individuellen Fitnesslevel anstrengen. Hier können sportmedizinische Untersuchungen für Trainingsempfehlungen hilfreich sein (z. B. Spiroergometrie oder Lactatdiagnostik), um individuelle Herzfrequenzbereiche vorgeben zu können, damit einerseits keine Überbelastung erzeugt, andererseits jedoch ein Trainingsreiz gesetzt wird. Ist Sport Neuland für diese Patientengruppe, ist es umso wichtiger, mit geringem Umfang (fünf bis zehn Minuten) und geringer Intensität zu beginnen und dann im Verlauf den Umfang und schließlich die Intensität zu steigern. Längerfristig sollte eine tägliche Belastung von mindestens 20 Minuten pro Tag angestrebt werden, ein höherer Umfang bringt jedoch noch mehr Benefit. Ärztlich überwachte Herzsportgruppen bieten diesem Patientenkollektiv eine gute Möglichkeit, zweimal pro Woche ein überwachtes aerobes Ausdauer- und allgemeines Krafttraining sowie Koordinationsübungen durchzuführen. Dies reicht als Therapie jedoch nicht aus: KHK-Patienten müssen sich täglich noch mehr bewegen!

Die Autorin

Dr. med. Verena Heinicke
Fachärztin für Innere Medizin und Sportmedizin
Lehrstuhl und Poliklinik für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin
Accredited Center ESC/EAPC for Sports Cardiology
Medizinische Fakultät TU München

verena.heinicke@mri.tum.de

Der Autor

Prof. Dr. med. Martin Halle
Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin
Kardiovaskulärer Präventivmediziner DGPR®
Lehrstuhl und Poliklinik für Präventive und
Rehabilitative Sportmedizin
Accredited Center ESC/EAPC for Sports Cardiology
Medizinische Fakultät TU München

martin.halle@mri.tum.de

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