Die Nutzenfrage von medikamentöser Blutdrucksenkung bei Hypertonie ab 60 Jahren bleibt zentral. Die dritte Aktualisierung eines jetzt vorgelegten Cochrane-Reviews knüpft an 1998, 2009 und 2019 an und fällt nüchtern aus: Nutzen ja, mit Grenzen. Kernaussage ist, dass bei älteren Menschen mit moderater bis schwerer Hypertonie eine medikamentöse Blutdrucksenkung harte Endpunkte, vor allem Schlaganfälle, reduziert. Der Studienkorpus ist von Thiazid-Diuretika als Erstlinie und hohen Ausgangswerten geprägt; die Übertragbarkeit auf mildere Hypertonie oder multimorbide Hochbetagte erfordert Zurückhaltung.
Die Metaanalyse bündelt 16 RCTs mit 26.795 Teilnehmenden (Durchschnittsalter 73,8 Jahre; Ausgangsdruck 182/95 mmHg; Dauer 3,8 Jahre). Die Gesamtsterblichkeit sank von 11 auf 10 % (RR 0,91). Kardiovaskuläre Ereignisse reduzierten sich von 14 auf 10 % (RR 0,72), getragen vom Minus an zerebrovaskulären Endpunkten (3,4 vs. 5,2 %; RR 0,66). Koronare Ereignisse lagen bei 3,7 vs. 4,8 % (RR 0,78). Die Effekte sind klinisch bedeutsam, sie zeigen die Dominanz der Schlaganfallvermeidung. Der Thiazid-Schwerpunkt gehört in die Interpretation.
Differenzierung nach Alter und Verträglichkeit
In der Altersanalyse zeigt sich eine Tendenz: 60-79 Jahre mit 14 % relativer Mortalitätssenkung (RR 0,86), ab 80 Jahren ohne signifikanten Vorteil (RR 0,97). Der formale Test auf Subgruppenunterschied bleibt negativ; praktisch spricht das für sorgfältige Indikation, konservative Zielwerte und enges Monitoring bei Hochbetagten. Zur Verträglichkeit: Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen traten häufiger auf (16 vs. 5,4 %; RR 2,91). Die Evidenz hierzu ist von niedrigerer Sicherheit. Eine Sensitivitätsanalyse bei isolierter systolischer Hypertonie bestätigte die Hauptergebnisse.
Stabile Evidenz, klare Grenzen
Der Review wertet intention-to-treat aus; Gründe fürs Downgrading waren unvollständige Endpunktdaten und selektive Berichterstattung. Neue oder laufende randomisierte Studien wurden nicht gefunden, der Review gilt als stabil. Für die Praxis heißt das: Bei fitten älteren Menschen mit deutlich erhöhtem Blutdruck ist die medikamentöse Senkung angezeigt, vorzugsweise mit thiazidbasiertem Einstieg und Titration. Bei Hochbetagten und bei milder Hypertonie überwiegt die individuelle Abwägung von Kontext, Frailty, Risiken und Präferenz. Die Daten konsolidieren Bewährtes und schärfen den Blick für eine gezielte, Anwendung im Einzelfall.
Musini VM et al.: Pharmacotherapy for hypertension in adults 60 years or older. Cochrane Database Syst Rev. 2025 Oct 9;10(10):CD000028 (DOI 10.1002/14651858.CD000028.pub4).