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Heilmittelversorgung

Mehr Kosten, wenig Qualitätsdaten

10.8.2026

Die Ausgaben für Heilmittel steigen seit Jahren deutlich an. Gleichzeitig ist über die tatsächliche Qualität vieler Therapien wenig bekannt. Der Heilmittel-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) macht auf dieses Spannungsfeld aufmerksam und diskutiert, wie Qualität in der Heilmittelversorgung künftig besser gemessen und gesteuert werden könnte. Für die hausärztliche Versorgung sind die Ergebnisse besonders relevant, weil Heilmittelverordnungen einen wichtigen Bestandteil der Behandlung chronischer Erkrankungen darstellen.

Die gesetzlichen Krankenkassen gaben 2024 rund 13,3 Milliarden Euro für Heilmitteltherapien aus – mehr als doppelt so viel wie zehn Jahre zuvor. Für 2025 werden bereits 14,7 Milliarden Euro ausgewiesen. Besonders stark fällt die Physiotherapie ins Gewicht: Sie verursacht knapp 70 % des Heilmittelumsatzes und mehr als 80 % aller Verordnungen.

Ein erheblicher Teil der Ausgaben entfällt inzwischen auf Verordnungen im Zuge des langfristigen Heilmittelbedarfs (LHB) und des Besonderen Verordnungsbedarfs (BVB). Bei der AOK summierten sich die entsprechenden Kosten 2025 auf 2,6 Milliarden Euro; damit entfiel etwa die Hälfte der Heilmittelausgaben auf diese Verordnungsformen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung gewinnt die indikationsgerechte Verordnung von Heilmitteln weiter an Bedeutung.

Blankoverordnung: Mehr Freiheit, höhere Kosten

Mit der Blankoverordnung verbleibt zwar die Diagnosestellung bei der Ärztin oder dem Arzt. Über Art, Umfang und Frequenz der Behandlung entscheiden anschließend jedoch die Therapeutinnen und Therapeuten eigenverantwortlich. Eingeführt wurde dieses Modell zunächst für ausgewählte Indikationen in der Ergo- und Physiotherapie.

Die ersten Auswertungen zeigen allerdings deutliche Kostenunterschiede. Bei Schultererkrankungen lagen die durchschnittlichen Kosten einer physiotherapeutischen Blankoverordnung zuletzt bei 714 Euro pro Verordnung, gegenüber 214 Euro bei einer ärztlichen Regelverordnung. Als Ursache werden längere Behandlungszeiträume und höhere Behandlungsfrequenzen genannt.

Ob die zusätzliche therapeutische Freiheit zu besseren Behandlungsergebnissen, weniger Chronifizierungen oder einer effizienteren Versorgung führt, ist derzeit allerdings noch offen. Die Autoren und Autorinnen des Reports sprechen sich deshalb für eine sorgfältige Evaluation aus, bevor die Blankoverordnung auf weitere Indikationen ausgeweitet wird.

Leitlinien finden den Weg in die Praxis nicht immer

Ein weiteres Thema des Reports ist die Umsetzung evidenzbasierter Empfehlungen. Analysen zeigen, dass bei AOK-versicherten Beschäftigten mit länger anhaltenden Rückenschmerzen und mindestens vier Wochen Arbeitsunfähigkeit nur etwa die Hälfte eine leitliniengerechte physiotherapeutische Behandlung erhält.

Gleichzeitig weisen Untersuchungen auf Defizite bei Bekanntheit und Umsetzung therapeutischer Leitlinien hin. Damit wird deutlich, dass zwischen wissenschaftlichen Empfehlungen und Versorgungsalltag weiterhin eine relevante Lücke besteht.

Qualität bleibt die eigentliche Baustelle

Die Autoren und Autorinnen sehen die Entwicklung weniger als Kostenproblem denn als Qualitätsproblem. Während Verordnungszahlen, Leistungen und Ausgaben detailliert dokumentiert werden, fehlen bislang belastbare Routinedaten zu Therapieerfolg, Funktionsverbesserung und Patientennutzen. Die Qualität der Heilmittelversorgung könne deshalb derzeit nur eingeschränkt beurteilt werden.

Der Heilmittel-Report plädiert unter anderem für eine stärkere Leitlinienorientierung, eine bessere Nutzung von Routinedaten, den Ausbau interprofessioneller Zusammenarbeit und eine stärkere Einbindung von Heilmittelerbringern in zukünftige Primärversorgungsstrukturen. Für Hausärztinnen und Hausärzte dürfte damit die Rolle als Koordinatoren und Lotsen in einem zunehmend komplexen Heilmittelbereich weiter an Bedeutung gewinnen.

Hinweis: Der Heilmittelreport 2026 ist als PDF kostenlos downloadbar

Pressekonferenz und Pressemitteilung des AOK-Bundesverbandes und des WIdO vom 9. Juni 2026 (https://www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen/heilmittel-report/2026/?L=0).

* Heilmittel-Report 2026. Qualität der Heilmittelversorgung. Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO), Berlin 2026.

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