Gesundheitskompetenz ist mehr als „Gesundheitswissen“: Sie beschreibt die Fähigkeit, Informationen zu finden, zu verstehen, zu bewerten und im Alltag anzuwenden. Daten aus einer großen, bevölkerungsgewichteten Stichprobe des RKI-Panels „Gesundheit in Deutschland“ 2024 (n = 26.817) zeigen nun erneut, wie groß die Lücke ist: Hochgerechnet berichten rund 80 % der erwachsenen Bevölkerung Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen.
Erfasst wurde die subjektiv wahrgenommene Schwierigkeit anhand des validierten Instruments HLS19-Q12. Die Antworten wurden zu einem Index (0–100) verdichtet und in vier Kompetenzstufen eingeteilt. Insgesamt 81,3 % der Frauen und 81,0 % der Männer fallen in die Kategorie „geringe Gesundheitskompetenz“, während nur etwa 3 % der Befragten eine hohe Kompetenz erreichen.
Kein einfaches Altersmuster, klarer Bildungsgradient
Die Unterschiede nach Alter zeigen kein konsistentes Bild. Bei Frauen nimmt der Anteil mit geringer Gesundheitskompetenz tendentiell mit dem Alter ab, bei Männern nur in einzelnen Altersgruppen. Stabil und aus anderen Studien bekannt ist dagegen der Bildungsgradient: Höhere Bildung geht durchgehend mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für niedrige Gesundheitskompetenz einher.
Das Problem liegt nicht nur beim Individuum
Die Ergebnisse unterstreichen einen Perspektivwechsel: Gesundheitskompetenz ist kein reines Defizit des Einzelnen, sondern beschreibt die Passung zwischen individuellen Fähigkeiten und den Anforderungen, die Umwelt und Versorgungssystem stellen. Dazu gehört auch die Art, wie Informationen bereitgestellt werden – zunehmend im digitalen Raum.
Informationsfülle ohne Orientierung
Für viele Patientinnen und Patienten entsteht heute kein Informationsmangel, sondern ein Strukturproblem: Evidenzbasierte Inhalte, Halbwissen und interessengeleitete Botschaften stehen nebeneinander, häufig ohne klare Hierarchie. Das führt nicht selten zu Unsicherheit, verzögerten Entscheidungen oder inadäquater Inanspruchnahme von Versorgung.
Relevanz für die Grundversorgung
Geringe Gesundheitskompetenz ist mit ungünstigerem Gesundheitsverhalten, schlechterem selbstberichteten Gesundheitszustand, häufigeren Krankenhausaufenthalten und stärkerer Nutzung von Notfallstrukturen bei gleichzeitig geringerer Inanspruchnahme von Prävention assoziiert. Für die hausärztliche und internistische Versorgung bedeutet das: Kommunikation, Strukturierung von Information und aktive Navigation werden zu einem zentralen Teil der Behandlung.
Die Daten basieren auf einer großen, repräsentativen Stichprobe, bleiben jedoch durch die Selbsteinschätzung anfällig für Verzerrungen und erlauben keine kausalen Schlüsse. Gleichwohl unterstreichen sie den Handlungsbedarf – nicht nur auf individueller, sondern vor allem auf struktureller Ebene.
Sprechstunden-Relevanz: Wenn vier von fünf Erwachsenen Schwierigkeiten mit Gesundheitsinformationen haben, ist Unverständnis kein Ausnahmefall – sondern der Regelfall.
Hintergrund: Der HLS19-Q12 ist eine validierte Kurzversion des Health Literacy Survey mit zwölf Selbsteinschätzungsfragen zu Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden von Gesundheitsinformationen auf einer vierstufigen Skala von „sehr einfach“ bis „sehr schwierig“. Aus den Antworten wird ein Index auf einer 0–100-Skala berechnet, der in vier Niveaus (niedrig, eher niedrig, eher hoch, hoch) der allgemeinen Gesundheitskompetenz eingeteilt wird.
Jordan S et al.: Die allgemeine Gesundheitskompetenz Erwachsener in Deutschland. Ergebnisse des Panels „Gesundheit in Deutschland“ 2024. J Health Monit. 2026;11:04 (DOI 10.25646/13820).